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Gründerserie : Die langsamsten Journalisten der Welt

Rob Orchard, Mitgründer von „Delayed Gratification“ Bild: Theiner, Micha

Die britische Zeitschrift „Delayed Gratification“ will Lesern mit einer radikalen medialen Entschleunigung Orientierung im Sturm der Nachrichten bieten. „Slow Journalism“ soll genauso funktionieren wie „Slow Food“.

          Rob Orchard erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er den Glauben zurückgewann, dass seine Idee funktionieren kann: „Es war der 9. Februar 2011“, sagt er. Die radikal neue Zeitschrift, die der Londoner mit seinem Partner Marcus Webb gegründet hatte, war bis dahin nur ein einziges Mal erschienen. Jetzt stand sie mangels zahlender Leser kurz vor dem Aus. Aber an diesem Februartag vor sieben Jahren hatte ihn die BBC zu einem kurzen Radiointerview eingeladen. Die Kollegen vom Rundfunk fanden die Idee der beiden Journalisten spannend – und die Radiohörer offensichtlich auch. „Kurz darauf hatten wir 400 neue Abonnenten gewonnen und 16.000 Pfund auf dem Bankkonto des Verlags“, sagt Orchard und grinst. Vor ihm auf dem Tisch liegt die aktuelle Ausgabe von „Delayed Gratification“, einem Magazin mit sehr eigenem Ansatz.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der seltsam klingende Name stammt aus der Psychologie: „Belohnungsaufschub“ bezeichnet dort die Fähigkeit, auf eine kleine, unmittelbare Belohnung zu verzichten, um dafür später eine umso größere zu erhalten. Genauso soll die Zeitschrift funktionieren: „Delayed Gratification“ erscheint viermal im Jahr und schreibt über Themen grundsätzlich erst drei Monate nach den Ereignissen, über die berichtet wird. „Unsere Leser erfahren, wie die Geschichte, die damals mal kurz in den Nachrichten war, weitergegangen ist“, sagt Orchard.

          Slow Journalism nennen der 38 Jahre alte Co-Chefredakteur und seine Mitstreiter dieses Konzept – so wie die Feinschmecker-Bewegung Slow Food das Gegenteil von Fast Food propagiert. Es geht darum, eine Alternative zum atemlosen Nachrichten-Stakkato in der modernen digitalen Medienwelt zu liefern, den Online-Newstickern, in denen Meldungen im Minutentakt am Publikum vorbeifliegen. „Im heutigen ultraschnellen Nachrichtenzyklus ist es wichtiger ,der Erste zu sein als richtigzuliegen“, bedauert Orchard. Wer immer nur hektisch der nächsten Nachricht hinterherjage, laufe Gefahr, die eigentliche Geschichte zu verpassen.

          Die tatsächlich relevanten Ereignisse herausfiltern

          Die Macher von „Delayed Gratification“, allesamt erfahrene Journalisten, sind überzeugt, dass es oft erst der zeitliche Abstand erlaube, aus der digitalen Nachrichtenflut die tatsächlich relevanten Ereignisse herauszufiltern, gründlich zu beschreiben und korrekt einzuordnen. „Immer mehr Leute sind es leid, jeden Tag mit Nachrichten bombardiert zu werden“, sagt Orchard. „In diesem chaotischen News-Lärm ist es schwierig, die wirklich wichtigen Entwicklungen und Zusammenhänge mitzubekommen.“ Es geht also um mediale Entschleunigung.

          Die 120 Seiten dicke Septemberausgabe von „Delayed Gratification“ behandelt die Monate April, Mai und Juni 2018. Gegliedert ist das Heft wie immer in chronologischer Reihenfolge. Es geht etwa um eine Mitteilung der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die am 13. April meldete, dass auf den vier wichtigsten Routen immer weniger Flüchtlinge nach Europa gelangten. „Delayed Gratification“ beschreibt in einer Reportage, wie Migranten stattdessen versuchen, sich auf neuen, umso gefährlicheren Wegen nach Europa durchzuschlagen. In einem anderen Beitrag wird das Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un im Juni in Singapur analysiert und bewertet. Aber es gibt auch leichte Themen – wie etwa eine Infografik über zwei Seiten, die Auskunft gibt, wie der Tabellenstand in der englischen Premier League aussähe, wenn nur Kopfballtore zählten oder das Spiel nur 45 Minuten dauern würde.

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