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Gründer aus Leidenschaft : Zweitausenddreihundert Prozent Wachstum

Jens Wasel (links) und Max Kronberg Bild: Matthias Lüdecke

Zubehör zu Smartphone und Tablet im Internet verkaufen - das kann fast jeder. Wie sich die Gründer Max Kronberg und Jens Wasel damit aber an die Spitze der deutschen Start-ups gearbeitet haben.

          Gründen ist attraktiv. Die Vorbilder heutiger Berufsanfänger sind nicht mehr Top-Manager, die sich durch Exzellenz und Netzwerken in Konzernhierarchien nach oben geboxt haben. Die neuen Helden schießen Touristen ins Weltall und lassen sich privat vom Lenkdrachen über den Ärmelkanal ziehen wie die Technologie-Ikone Sir Richard Branson. Inspirierende Geschichten - auch für Max Kronberg. „Ich lese sehr gern Biographien“, sagt der 29 Jahre alte Wirtschaftsingenieur. Bransons Erfolgsgeschichte hat ihn besonders beeindruckt. „Mir war klar, dass ich etwas Eigenes machen will.“ Zusammen mit seinem damaligen Kommilitonen Jens Wasel suchte er eine Idee. Im Jahr 2012, noch als Studenten an der Technischen Universität Berlin, gründeten Kronberg und Wasel das nach ihnen benannte Unternehmen KW Commerce.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Was die beiden Gründer zum Erfolg führen sollte, macht auf den ersten Blick wenig her: Sie handeln mit Zubehör für Smartphones und Tablet-Rechner. Plastikhüllen, Display-Schutzfolien - so Kleinkram halt. Doch die Produkte sind nur ein Teil der Firmenidee.

          Worum es wirklich geht, entstand aus der Not heraus: Andere Online-Händler wie Zalando fahren teure Werbekampagnen („Schrei vor Glück“), um von sich reden zu machen. „Das Geld war bei uns nicht da“, sagt Kronbergs Partner Jens Wasel. Finanziert haben sie sich nämlich durchgängig selbst. Die Unternehmer folgten dem Blick der heutigen Kunden. „Immer mehr Menschen suchen bei Amazon nach Produkten und nicht mehr bei Google wie vor fünf Jahren“, sagt der 30-jährige Wasel. Die Plattformen zwischen Kunde und Lieferant werden wichtiger. Die Gründer hatten einen Hebel gefunden.

          „Wir betreuen den kompletten Prozess“

          Wasel und Kronberg studierten intensiv, wie man auf Portalen wie Ebay und Amazon noch ein bisschen besser verkauft. Als „Markeninkubator“ schaffen sie heute aus diesem Wissen einen Vertriebserfolg: „Wir betreuen den kompletten Prozess“, erklärt Kronberg. „Der Kunde macht das Produkt, wir machen den Rest.“ Der Rest, das ist unter anderem die Lagerhaltung, Produktfotos, Bildbearbeitung, Logistik, Kundenservice und Rücksendungen. „Wir können natürlich nicht ein eigenes Logistiknetzwerk aufbauen“, schränkt Wasel ein. KW Commerce verschickt die Produkte aus dem Amazon-Lager und bietet damit die gleiche Geschwindigkeit wie der Handelsriese. Die Gründer wissen, wie wichtig dieser Komfort den Kunden ist. „Jeder vertraut dem ,Prime‘-Logo und hat das beim Einkauf im Hinterkopf“, sagt Wasel in Anspielung auf Amazons Premiumdienst. Mit eigenen, teureren Marken wie „Kalibri“ wollen die Gründer Kunden an sich binden. Wer ein neues Smartphone kauft, soll möglichst wieder zu dieser Hülle greifen.

          Die Produkte kommen aus Fernost. Ein weiter Weg, in vielerlei Hinsicht auch für die damaligen Studenten. „Für unseren ersten China-Trip hatten wir ein Sonderangebot über Qatar gebucht“, erinnert sich Kronberg. Am Anfang habe man den Lieferanten zu sehr vertraut, räumt Wasel ein. Oft kam Schrott in Berlin an, den die Gründer schlicht wegwerfen mussten - Reklamationen oder Retouren wären bei den Billigprodukten teurer gewesen als eine Neubestellung.

          „Wir haben gelernt, Zusagen zu hinterfragen“, sagt Wasel. Man müsse immer überprüfen, ob die Versprechen auch eingehalten werden. Gute Beziehungen haben sich entwickelt, aber das dauert - „nicht Monate, sondern Jahre“, warnt Wasel. Die Unternehmer versuchen, so viel wie möglich selbst zu erledigen. Jetzt beschäftigt KW Commerce allein vier chinesischsprachige Einkäufer in Berlin. Die Qualität lassen die Gründer vor Lieferung in Asien prüfen.

          „Jeden Tag macht man Fehler“

          Die Gründer werben für mehr Unternehmermut - und einen frühen Start. „Das Studium ist der richtige Zeitpunkt, um so etwas zu machen“, sagt Wasel, wie Kronberg Wirtschaftsingenieur. Es fehle zwar das Geld, aber wenn man sich richtig organisiere, habe man einige Stunden pro Woche „um etwas aufzuziehen“. „In Deutschland zögern so viele“, sagt Wasel, „in den Vereinigten Staaten kennt man diese Angst vor Fehlern so nicht“. „Jeden Tag macht man Fehler“, sagt Wasel, „auch wir.“ In Deutschland würden Fehler allerdings „sehr genau registriert“. Wasel erinnerte daran, was dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner kürzlich widerfahren war. Der Politiker wurde im Landtag Nordrhein-Westfalens wegen seiner in den Neunzigern fehlgeschlagenen Unternehmensgründung verspottet. Seine wütende Gegenrede wurde hunderttausendfach im Internet angesehen.

          Für „KW“ haben sich Mut und Beharrlichkeit ausgezahlt. Sie sind erfolgreich und reden darüber - inzwischen. „Wir wollten zunächst unter dem Radar entwickeln“, sagt Wasel. Es sei zunächst wichtig gewesen, eine kritische Größe zu erreichen, bevor Nachahmer aufmerksam werden. Nun sei die Lieferkette aus Asien so kostengünstig, dass keine Berührungsängste mit der Öffentlichkeit mehr bestünden. Kürzlich wurde KW Commerce vom Start-up-Magazin „Gründerszene“ zum am schnellsten wachsenden Unternehmen gekürt - aufgrund eines jährlichen Umsatzwachstums von sagenhaften 2307 Prozent seit der Gründung im Jahr 2012. Heute koordinieren die beiden Unternehmer vom Berliner Standort aus 160 Mitarbeiter in Berlin und 10 weitere in Fernost, um ihre Ware in praktisch alle Länder der Welt zu verschicken.

          Als Nächstes soll ein Logistikzentrum in Asien entstehen - derzeit werden aus Asien importierte Produkte von Charlottenburg aus nach beispielsweise Russland geschickt. Die Vereinigten Staaten hätten „riesiges Wachstumspotential“, sagt Kronberg, Indien und China seien auch wichtige Märkte. Afrika dagegen sei aus Gründen der Logistik problematisch. Weltraumprogramme dementieren Wasel und Kronberg still lächelnd. Allerdings: Weltraumpionier Sir Richard Branson begann auch mit dem Versandhandel niedrigpreisiger Produkte. Unter dem Label „Virgin“ verschickte er zunächst Schallplatten, für die er in einer Schülerzeitung warb.

          Die Gründer

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