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Tausend Milliarden Bäume : Wie ein Student den Klimawandel stoppen will

  • -Aktualisiert am

Der Wettlauf gegen den Klimawandel eilt: Jeder Baum bindet im Durchschnitt zirka zehn Kilogramm CO2 im Jahr. Bild: dpa

Der bayerische Student Felix Finkbeiner gibt sich nicht mit Appellen zufrieden. Er will den Klimawandel stoppen. Und hat schon viele Sponsoren zusammen, die Bäume pflanzen.

          Wer Großes will, kann nicht im bayerischen Wald stehenbleiben. Felix Finkbeiner, erst 20 Jahre alt und seit elf Jahren für die globale Aufforstung im Einsatz, studiert derzeit in London „Internationale Beziehungen“. Und darin hat er beste Erfahrungen. In dieser Woche findet eine Konferenz in Monaco statt, die auf seine leidenschaftliche Lobbyarbeit für den Weltwald zurückgeht. Mit „300 Vertretern und Schlüsselfiguren“ aus Politik und Wirtschaft, teilt seine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit mit: so etwa Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU), Burkhard Schwenker (Roland Berger), Alfred Ritter (Ritter Sport), Boris Becker oder Fürst AlbertII. von Monaco. Es geht ihnen darum, Bäume zu finanzieren.

          Finkbeiners Ziel, wenig bescheiden: 1000 Milliarden Bäume sollen global gepflanzt werden. Vor elf Jahren, als Finkbeiner noch Viertklässler im bayerischen Tutzing war, wollte er eine Million Bäume pflanzen lassen. Jetzt also sind es eine Million mal eine Million. Die Vermillionenfachung seines Zieles, dies in sehr jungem Alter, mag größenwahnsinnig wirken. Jedenfalls weiß Finkbeiner jetzt, wie viel eintausend Milliarden sind: „Es entspricht einem Drittel der weltweiten Waldfläche“, sagt er. Er möchte also grob gesagt in etwa die Waldfläche Russlands neu pflanzen oder etwas mehr als das.

          „Wir wollen auf keinen Fall Land Grabbing unterstützen“

          Die Zahl der Bäume auf der Welt kannte vor Jahren dabei noch niemand. Finkbeiner wollte sie wissen. „Wir haben dafür ein Institut an der ETH Zürich gegründet“, erklärt er. Er habe den Kontakt zu Wissenschaftlern aus Yale hergestellt, die sich auf computergestützte Flächenprognosen verstehen, diese hätten ein Rechenmodell aufgesetzt, das ergab, dass auf der Welt drei Billionen Bäume wüchsen – „heute ist das eines der meistzitierten naturwissenschaftlichen Papiere der Welt“. Finkbeiner suchte kurzerhand Sponsoren und holte die drei Wissenschaftler aus Yale sowie zwei weitere Forscher an die ETH Zürich, wo nun das Baumflächen-Forschungslabor Crowther Lab bis 2030 mit Drittmitteln finanziert sei (Ergänzung: Die ETH Zürich widerspricht Finkbeiners Darstellungen in Teilen, siehe unten).

          Bäume nehmen CO2 auf und sollen den Klimawandel so bremsen. Eine interessante Frage ist aber, wo Platz für so viele Bäume ist. Schließlich wächst die Weltbevölkerung bis 2050 laut den Vereinten Nationen auf 9 bis 11 Milliarden Menschen, es müssen von Bauern mehr als 40 Prozent mehr Getreide geerntet werden auf Flächen, die schon heute als knapp beschrieben werden, wenn der Fleischkonsum nicht abnimmt. Und nun: Bäume von der Fläche Russlands? „Weit entfernt von Straßen und Siedlungen“, sagt Finkbeiner, „gibt es genügend Platz.“ Die Flächen, so jüngst in Mexiko für 2 Millionen Bäume im Jahr, kauft die Organisation „Plant for the Planet“, welcher Finkbeiner vorsitzt, gelegentlich. „Wir wollen aber auf keinen Fall Land Grabbing unterstützen“, sagt er. Das ginge wohl am besten mit Landkäufen von Staaten. In anderen Ländern sind es auch staatseigene Flächen, die mit spendenfinanzierten Bäumen bepflanzt werden.

          Eine Spende von einer Million Bäumen

          Die internationalen Beziehungen pflegt Finkbeiner; er motivierte zuletzt Alfred Ritter zu einer Spende von einer Million Bäumen, der Suchmaschinenbetreiber Ecosia will eine Milliarde Bäume spendieren, eine asiatische Regierung – welche es ist, solle in Monaco verkündet werden, ebenfalls. „High net-worth individuals“ bringe er zusammen, erklärt Finkbeiner, so bezeichnet man Menschen, die über mehr als eine Million Dollar Vermögen verfügen.

          Die erste Spende für die Klimarettung sammelte Felix als Schüler vor etwa zehn Jahren von seinen Eltern. Wenig später übertrug ihm, der große Medienpräsenz erlangte, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen deren „Billion Tree Campaign“ – da war das Ziel schon die Milliarde Bäume. Heute führt „Plant for the Planet“ diese UN-Kampagne weiter und verfügt auf der Welt über sechs Büros, das größte in Tutzing, mit über 110 Mitarbeitern, davon rund 80 Waldarbeiter. Aber der Großteil der Arbeit soll in den Ländern des Südens jenseits der Büros gemacht und organisiert werden; diese nämlich verstehen sich vor allem als Netzwerk, das inspirieren und finanzieren soll.

          Das können aber auch Kleinspender. Auf der Seite der Organisation lassen sich für je einen Euro Bäume in Campeche (Mexiko) finanzieren. „Jeder Baum bindet im Durchschnitt zirka zehn Kilogramm CO2 im Jahr und wirkt so der Klimakrise entgegen“, ist dort zu erfahren. Auf gut 13.000 Hektar, welche die Stiftung erwarb, sollen bald schon 10 Millionen Bäume stehen, wo bislang Gestrüpp wuchs. Weniger ist dabei an Eichen oder Kiefern zu denken, wie die Kinderzeichnungen auf der Seite suggerieren.

          Die Weltbepflanzungspläne der Nichtregierungsorganisation brauchen schnellwachsende Bäume, denn der Wettlauf gegen den Klimawandel eilt. Der Großteil soll in tropischen Regionen wachsen, denn dort geht das Wachstum viel schneller als etwa in Russland oder Skandinavien. Schon seien 15 Milliarden Bäume in 193 Ländern auf der Welt gepflanzt worden. Nur in einem Land, dem Südsudan, wurde bisher nichts erreicht. Die wenigsten Bäume tragen Früchte, stehen sie angeblich doch in sehr dünn besiedelten Regionen, wo wenig Menschen leben, die Früchte verwerten. Überhaupt: Dienen die Bäume auch den Menschen vor Ort? Ja, sagt Finkbeiner, eine Nutzung des Holzes als Baustoff sei sehr erwünscht. „Man soll Stahl und Beton durch Holz ersetzen, das bindet CO2“, sagt er. „Durch den Aufbau einer Holzindustrie soll Wohlstand geschaffen werden.“ Nur eines ist unerwünscht: dass aus dem Holz Brennholz wird. Jedoch ist es so, dass in vielen unterentwickelten Ländern die Menschen mit Holz ihre Öfen zur Zubereitung von Speisen betreiben und dass das Sammeln und der Verkauf von Brennholz die wichtigste, wenn nicht die einzige kleine Einnahmequelle ist.

          Ergänzung: Die Vorsteherin des Departements Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich, Prof. Nina Buchmann, möchte auf „Unstimmigkeiten“ in Finbeiners Aussagen hinweisen. Buchmann merkt an: „Niemand an der ETH Zürich hat ein Institut für die weltweite Baumzählung gegründet. Tom Crowther, der mit Felix Finkbeiner in engem Kontakt steht, wurde 2017 als Assistenzprofessor an die ETH Zürich berufen. Organisatorisch ist Prof. Crowther als Leiter des ,,Crowther Lab“, dem Institut für Integrative Biologie, angegliedert. Dieses Institut besteht seit Jahren. Prof. Crowther ist Hauptautor der von Herrn Finkbeiner zitierten Studie über den weltweiten Baumbestand. Diese Studie wurde (gemäß Google Scholar) bisher nur 121 mal zitiert. Zum Vergleich: Das meistzitierte Paper wurde laut ,,Nature“ über 300 000 mal zitiert. Die Behauptung, es handle sich um eines der ,,meistzitierten naturwissenschaftlichen Paper der Welt“, ist also nachweislich falsch. Finkbeiners Behauptung, Leute (darunter Prof. Crowther) an die ETH ,,geholt“ zu haben, ist falsch und anmassend. Für Berufungen zuständig ist einzig der Präsident der ETH Zürich, der seine Vorschläge dem ETH-Rat, der Dachorganisation aller Institutionen des ETH-Bereichs, unterbreitet. Die Finanzierung des Crowther Lab läuft über eine Basisfinanzierung der ETH Zürich. Zusätzlich hat Prof. Crowther Mittel für Forschung eingeworben. Felix Finkbeiner mag das Crowther Lab mit finanziellen Mitteln unterstützen, die Finanzierung einer Professur, wie er suggeriert, gehört jedoch nicht dazu.“

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