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Fair und öko : Smartphone mit Gewissen

  • -Aktualisiert am

Bas van Abel Bild: Hollandse Hoogte/laif

Der Markt für Smartphones ist riesig. Viele kommen aus China und werden unter sozial und ökologisch zweifelhaften Bedingungen hergestellt. Es geht auch anders, beweist das Start-up Fairphone.

          Stellen Sie sich vor, Sie wollen mit nur sechs Mitarbeitern ein Smartphone bauen. Sie haben kein Design, keine Zulieferer, keine Industrieerfahrung und kein Geld. Außerdem soll es nicht irgendein Smartphone werden, sondern ein fair produziertes, dessen Teile von gut bezahlten und arbeitsrechtlich geschützten chinesischen Fabrikarbeitern verbaut werden. Die mikroelektronischen Bausteine bestehen aus Metallen, Mineralien und seltenen Erden, die es hauptsächlich in Bürgerkriegsländern wie Kongo gibt. Dennoch sollen sie bitte unter sicheren Arbeitsbedingungen ohne Kinderarbeit gefördert und auf eine Weise vertrieben werden, die lokalen Kriegsfürsten kein Geld einbringt.

          Was sich der Niederländer Bas van Abel vornimmt, als er 2013 gemeinsam mit Tessa Wernink und Miquel Ballester - fast möchte man sagen: gegen jede Vernunft - das Unternehmen Fairphone gründete, klingt nicht so ganz nach der klassischen Start-up-Geschichte. Alles fing 2010 in Amsterdam an: nicht als Geschäftsidee, sondern als Aufklärungskampagne. „Wir wollten auf Konfliktmineralien in Verbraucherelektronik aufmerksam machten“, erklärt Bas van Abel, der heute Geschäftsführer des jungen Smartphone-Unternehmens ist. Nach drei Jahren klassischer Aufklärungsarbeit wurde ihm klar, dass der moralische Fingerzeig von der Seitenlinie wichtig ist, aber nicht alles sein kann. „Nur wer in die Industrie einsteigt, kann Produktionssysteme offenlegen, Lieferketten verändern und eine praktische Diskussion über Fairness in der Produktion anstoßen. Ich wollte beweisen, dass es Käufer gibt, die Wert auf sozialverträgliche Technik legen.“

          Und die gab es: Fast 100.000 Smartphones hat das Unternehmen mittlerweile verkauft, für 2016 ist ein Umsatz von 40 Millionen Euro geplant. Viel für ein gerade einmal drei Jahre altes Start-up, das dennoch ein Winzling unter den Mobiltelefonherstellern bleibt. „Apple übertrifft unsere Produktionsmenge um ein Vielfaches - und das jeden Tag“, sagt Miquel Ballester, einer der zwei Mitgründer, und lacht. „Wir sind klein, aber wir haben einen Präzedenzfall geschaffen. Wir bringen sowohl die Käufer als auch die großen Hersteller zum Nachdenken.“

          Die Produktion der ersten Telefone wurde durch Crowdfunding finanziert: 25.000 Kunden legten 2013 den vollen Preis von 325 Euro für ein Produkt vor, das sie frühestens ein halbes Jahr später erhalten würden. Ein Vertrauensvorschuss von mehr als 8 Millionen Euro - und das zu einem Zeitpunkt zu dem es noch nicht einmal einen Prototyp gab. „Als diese Summe tatsächlich auf meinem Konto war, wurde mir ganz schlecht vor Angst“, erinnert sich Bas van Abel. „Mein erster Reflex war, das Geld direkt wieder zurückzuüberweisen.“ In den Wochen nach der Crowdfunding-Aktion, von der er nie dachte, dass sie so erfolgreich werden würde, seien einfach brutal viel Verantwortung und Unsicherheit aufeinander geprallt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde allen Beteiligten klar, dass es auf dem Weg zu einem fertigen Produkt mehr braucht als ein gut durchdachtes und vermarktetes Konzept.

          Hohe Ansprüche

          Faire Rohstoffe, faire Produktion, Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit, Müllvermeidung und volle Transparenz über alle Produktionsprozesse. Die Ansprüche waren von Anfang an hoch und deshalb nur Stück für Stück umsetzbar. Zunächst fingen die Amsterdamer an, mit lokalen Initiativen in Kongo und in Peru zusammenzuarbeiten, die konfliktfreies Tantal, Gold und Zinn zertifizieren. Doch erst als sie einen Produzenten in China fanden, der einerseits bereit ist, die sehr kleinen Stückzahlen zu produzieren und andererseits über Arbeitnehmerrechte zu verhandeln und eine Sozialkasse für seine Mitarbeiter einzurichten, kam die Sache ins Rollen. Ende 2013 konnten die ersten Mobiltelefone ausgeliefert werden. Der Lerneffekt in den ersten Monaten sei immens gewesen, sagen die Gründer. Es reiche nicht aus, eine soziale Vision zu haben. Wer das System von innen heraus verändern wolle, der müsse auch wirtschaftlich für seine Geschäftspartner attraktiv werden.

          Während Bas van Abel einen Technologie-Hintergrund hat, bringt Tessa Wernink Erfahrung in Kommunikation und Marketing mit, Miquel Ballester hat Produktdesign studiert. Industrieerfahrung hat keiner von ihnen, und so stellten sie schnell ein kleines Team von Programmierern, Software-Ingenieuren und Kaufleuten zusammen. Gerade bei einem so komplexen Produkt wie einem Smartphone müssen Experten mit Erfahrung an Bord geholt werden. „Rollen und Anforderungen verändern sich dadurch ständig, und darüber muss man ganz offen reden“, sagt der Geschäftsführer.

          Mittlerweile ist Fairphone von sieben auf fünfzig Mitarbeiter gewachsen und hat mit dem „Fairphone 2“ das erste modulare Smartphone auf den Markt gebracht. Nimmt man das neue Modell auseinander, erinnert es an einen Legobaukasten. Der Benutzer kann sein Gerät eigenständig öffnen und unkompliziert alle Einzelteile austauschen, falls sie kaputtgehen. Dadurch verbessert sich die Ökobilanz des Telefons deutlich. „Wir müssen uns von kurzlebigen Produkten und unserer Wegwerfgesellschaft verabschieden“, sagt Miquel Ballester, der das Design mitentwickelte.

          „Nicht zu einhundert Prozent fair“

          Um die Produktentwicklung des zweiten Modells zu finanzieren, griff das Unternehmen auch erstmals auf institutionelle Investoren zurück. Es erhielt einen Kredit über 2,5 Millonen Euro von der Rabobank. Einen Großteil des Kreditrisikos übernahm allerdings die niederländische Regierung, die erfolgreiche Sozialunternehmen unterstützen will. Spätestens seit Fairphone 2015 bei der Weltklimakonferenz in Paris mit dem „Momentum for Change“-Preis der Vereinten Nationen ausgezeichnet wurde, haben sich Bedenken zerstreut, dass das Start-up nicht mehr als eine Yuppie-Eintagsfliege ist.

          Doch nun, da der Sprung hin zum echten Unternehmen geschafft ist, kommen ganz neue Fragen auf: Die Stückzahlen, die Fairphone produziert, sind nicht groß genug, um durch Marktdruck die Produktionsbedingungen bei den Zulieferern zu verändern. Sie haben bewiesen, dass ein fairer hergestelltes Smartphone möglich ist, was soll jetzt noch kommen? „Es gilt immer noch: Wir machen Technologie nicht der Technologie wegen. Trotzdem wollen wir unser Produkt weiterentwickeln - technisch und sozial“, sagt der Geschäftsführer. Bis das Fairphone mit dem neuesten Betriebssystem laufen könne und alle der verbauten Materialien fair hergestellt würden, werde man noch Jahre arbeiten müssen.

          Dass sie bei ihrem Produkt aus mehr als 300 Einzelteilen noch nicht die komplette Lieferkette kontrollieren können, darüber schweigen die drei nicht. „Das Fairphone ist nicht zu einhundert Prozent fair, es ist nur in vielen Punkten sozialverträglicher als andere Mobiltelefone.“ Idealismus, der sich den Grenzen des Machbaren anpassen muss: Das sei die zugleich schönste und schwerste Erfahrung gewesen, die er mit seiner Gründeridee habe machen müssen, sagt Bas van Abel. Aber die Grenzen des Machbaren hat Fairphone ein bisschen neu definiert.

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