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Gründerserie : Das Gespür für die richtige Saite

Die Leidenschaft für Musik und die Leidenschaft für das Arbeiten mit Holz konnte Meckbach miteinander verbinden. Bild: Reuters

In einer Zeit, in der viele Fachgeschäfte schließen und immer mehr online abläuft, geht Martin Meckbach einem traditionellen Handwerk nach: dem Bauen und Reparieren von Gitarren.

          Wenn Martin Meckbach abends die Tür seines kleinen Ladens im Prenzlauer Berg abschließt, ihn kein Kunde mehr stören kann und die Mitarbeiter alle weg sind, dann zieht er sich gerne in die Werkstatt im Hinterzimmer zurück. Hier geht er der Arbeit nach, derentwegen er überhaupt beschlossen hat, sich selbständig zu machen: dem Bauen und Reparieren von Gitarren. Bis spät in den Abend leimt er Risse und Stege, tauscht defekte Saiten aus oder restauriert alte Sammlerstücke. So sehr faszinieren ihn diese Dinge, dass es ihm oft schwerfällt, irgendwann das Licht zu löschen und heimzugehen. „Mein eigener Chef zu sein, bedeutet für mich aber auch, dass ich mich am Riemen reißen muss“, sagt er.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, den der 41-Jährige gegangen ist: In einer Zeit, in der mehr und mehr Menschen alles nur Denkbare im Internet bestellen, in der kleine Bäcker um die Ecke von der Backshopkette verdrängt werden und der Buchhandel unter der Konkurrenz des Versandhändlers Amazon ächzt, gründete er im Herbst 2015 ein Fachgeschäft: „Gitarren Meckbach“. Dort verkauft er eine kleine Auswahl akustischer Gitarren von bekannten Marken wie C.F. Martin aus Amerika, aber auch von deutschen Herstellern wie Lakewood, von anderen Gitarrenbauern aus Berlin – und auf Wunsch eigens von ihm angefertigte.

          Ausbildung zum Gitarrenbauer mit 1,0

          Sein zweites Standbein ist seine Werkstatt, in der er für 60 Euro in der Stunde auch Mandolinen, Banjos, Ukulelen oder elektrische Gitarren repariert. Derzeit müssen sich die Kunden allerdings auf drei Monate Wartezeit einstellen, obwohl Meckbach die Öffnungszeiten schon um die Hälfte reduziert hat, so groß ist die Nachfrage. Daneben veranstaltet er regelmäßig Hauskonzerte oder auch mal einen Flamencoabend, wofür er auf Wunsch der Vermieter eigens Schalldämpfer einbauen ließ. Die Nachbarn allerdings scheint die Musik nicht zu stören.

          Schon nach der Schule entschied er sich, seine Leidenschaft für Musik und seine Leidenschaft für das Arbeiten mit Holz miteinander zu verbinden. Er hätte auch Klavier-, Orgel- oder Geigenbauer werden können, doch eine Lehrstelle als Gitarrenbauer – offiziell: Zupfinstrumentenmacher – zu bekommen war noch schwieriger und daher reizvoller. Als er eine hatte, gab er sie nicht mehr her, schloss mit der Note 1,0 ab und machte den ersten Platz beim Leistungswettbewerb der Handwerksjugend. Anschließend lernte er die Branche aus verschiedenen Blickwinkeln kennen, führte die Reparaturwerkstatt eines Gitarrengeschäfts in Berlin, arbeitete als Produktmanager für den renommierten Bass- und Gitarrenhersteller Höfner sowie eine Vertriebsfirma für Gibson Gitarren.

          Neben der Ausbildung BWL studiert

          Es war eine spannende Zeit, wie er heute sagt. „Aber von dem Produkt, der Gitarre, bin ich immer weiter weggekommen.“ Also machte er noch einmal ein kleines Praktikum bei seinem früheren Ausbilder Albert&Müller und begann dann, einen Businessplan zu schreiben, Gespräche mit seiner Bank zu führen und Geschäftsräume zu suchen. Bei alldem half ihm, dass er neben der Arbeit ein BWL-Studium absolviert hatte.

          Eineinhalb Jahre später läuft es besser, als er erwartet hätte. „Ich bin immer noch überrascht, wie sehr ich das Potential eines solchen Geschäfts unterschätzt habe“, sagt Meckbach. Nach neun Monaten hatte er die hundertste Gitarre verkauft, derzeit sind es mehrere in der Woche, wenn es gut läuft. Nach Angaben der KfW, die ihm einen Startkredit gewährte, überstieg der Nettoumsatz in den ersten viereinhalb Monaten den geplanten um 27 Prozent.

          Berater für die unterschiedlichsten Kunden

          Drei Mitarbeiter beschäftigt Meckbach inzwischen in Teilzeit. Viel wichtiger als solche Zahlen sind ihm allerdings die Begegnungen mit den Kunden. „Dieser Moment, wenn ich jemandem sein neues Instrument in die Hand gebe, ist einfach wahnsinnig schön“, sagt er. Bis es so weit ist, kann es schon mal ein bisschen dauern. Meckbach versteht sich auch als Berater: Er will Musikbegeisterten helfen, das für sie richtige Modell zu finden. Bauform, Klang, Akustik, all das spielt dabei eine Rolle, und natürlich der Preis. Zu Meckbach kommen Menschen, die professionell in einer Band spielen wollen, genauso wie solche, die dafür nur abends eine Viertelstunde Zeit haben, wenn die Kinder im Bett sind.

          Ist die Entscheidung für eine Gitarre gefallen, beginnen die Feineinstellungen. „Jede Gitarre ist anders, selbst wenn es sich um eine Serienproduktion handelt“, sagt Meckbach. Ob jemand zart oder sehr hart anschlägt, ob er ein Plektrum benutzt, mit den Fingernägeln oder -kuppen spielt, all das beeinflusst den Klang und will genau austariert werden. So kommt Meckbach selbst jeden Tag zum Gitarrespielen, wenn auch nicht so bühnenreif wie viele seiner Kunden, wie er sagt. Wenn er am Sonntag mal etwas Zeit hat, improvisiert er denn auch am liebsten zu Hause am Klavier.

          Besondere Aufträge und Begegnungen

          Neben diesen Alltagsmomenten, die Meckbach schon sehr viel Zufriedenheit zu bescheren scheinen, gibt es aber auch ganz besondere Aufträge und Begegnungen. So zum Beispiel, als ein Kunde mit einer Gitarre in den Laden kam, die Meckbach noch in seiner Zeit bei Albert&Müller gebaut hatte: 24.10.2000 und seine Unterschrift, so steht es in dem Deckel des Modells. Oder als ein anderer Kunde mit einem Schnäppchen vom Flohmarkt zu ihm kam und Meckbach gleich erkannte: Das ist etwas Besonderes.

          Es handelte sich um eine „Fledermaus“-Gitarre von Höfner, die ihren Namen ihrer eigenwilligen Form verdankt. Sie ist die Nummer eins von vermutlich lediglich zwölf im Jahr 1959 gebauten Exemplaren. Nur von drei weiteren aus der Reihe ist bekannt, wo sie derzeit sind – man hört Meckbach die Begeisterung förmlich an, wenn er davon erzählt. Er soll das Modell nun an den Mann bringen und gegebenenfalls restaurieren, so der Käufer es wünscht. „Das wäre sicher eine schöne Aufgabe“, sagt er. Er müsste sich nur die nötige Zeit dafür nehmen können.

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