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Gründerserie : Da kommt was ins Rollen

Leuschner ist überzeugt, dass die Roller viele kurze Autofahrten ersetzen werden. Bild: Matthias Lüdecke

Die elektrischen Leihroller von Tier werden bald auch in deutschen Großstädten zu sehen sein. Es ist nicht das erste Unternehmen von Gründer Lawrence Leuschner.

          Kurz abstoßen und den grünen Hebel nach unten drücken, schon flitzt er los, der Elektro-Tretroller des Berliner Start-ups Tier. Noch dürfen ihn nur Mitarbeiter und Besucher benutzen, Platz dafür ist genug. Schier endlos sind die Gänge im Ullsteinhaus, einem stattlichen Backsteinbau im Süden der Hauptstadt, in dem einst der gleichnamige Verlag Sitz und Druckerei hatte. Heute tüfteln hier Start-ups an neuen Geschäftsideen. Unter anderem, wie sich der häufig stockende Verkehr in Berlin entzerren lässt.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Seine erste Begegnung mit den elektrischen Tretrollern hatte Tier-Gründer Lawrence Leuschner vor gut einem Jahr in San Francisco. Damals hatte er sich gerade von seinem ersten Start-up, dem Gebrauchtwarenhändler Rebuy, in ein Sabbatical verabschiedet. Südamerika, Neuseeland, Indonesien: Anfangs genoss Leuschner die viele freie Zeit. „Aber als Unternehmer wird man doch irgendwann nervös.“ Dann sah er in San Francisco all die Menschen, die sich für kurze Wege in der hügeligen Stadt mit dem Handy einen elektrischen Tretroller ausliehen. Leuschner ahnte: Wie so viele Trends aus dem Silicon Valley könnte auch dieser bald nach Europa kommen.

          Zurück in Berlin hörte er sich in der Start-up-Szene um, wer sonst noch Gefallen an dem Projekt finden könnte. Seit 2006 lebt Leuschner in der Hauptstadt. Dort hat er aus einem kleinen Online-Handel für Videospiele, mit dem er einst in seiner Heimatstadt Hofheim im Rhein-Main-Gebiet anfing, ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro gemacht: Rebuy. Für sein neues Vorhaben, die Roller, fand er mit Julian Blessin und Matthias Laug zwei ähnlich erfahrene Mitstreiter. Blessin hatte zuvor für die Unternehmensberatung BCG das Konzept von Coup entwickelt, elektrische Vespas, die man ebenfalls mit einer Smartphone-App ausleihen und wieder abstellen kann. Laug wiederum war beim Essenslieferdienst Lieferando verantwortlich für die Software.

          „80 Prozent der Autofahrten in der Stadt sind weniger als zwei Kilometer lang.“

          Ende Juli vergangenen Jahres gründeten die drei Tier Mobility, wohl wissend, dass sie nicht die Einzigen auf diesem Markt bleiben würden. Die ersten zwei Millionen Euro Startkapital hatten sie schnell zusammen. Das reichte, um eine passende Software und die ersten Leihroller aus China zu beschaffen. Im Oktober vergangenen Jahres startete Tier in Wien, inzwischen sind zwanzig weitere Städte in Europa dazugekommen. Die Kapitalbasis ist auf rund 32 Millionen Euro gewachsen, die Zahl der Mitarbeiter auf mehr als 200. Damit soll nun auch der Marktstart in Deutschland gelingen.

          Anfang April hat das Kabinett den Weg für die E-Roller freigemacht, Mitte Mai soll der Bundesrat grünes Licht geben. „Anfang bis Mitte Juni“, so schätzt es Leuschner, werden die Roller dann auch durch Berlin und ein halbes Dutzend andere deutsche Großstädte flitzen. Sorge, dass ihm die Politik in Deutschland einen Strich durch die Rechnung machen könnte, hatte er nach eigenem Bekunden nie. Zu groß sei der Druck, den Autoverkehr in den Städten zu reduzieren. Einige Besonderheiten für den deutschen Markt muss Tier allerdings erfüllen: So wird es statt einer Handbremse zwei geben, auch ein Kennzeichen muss sein, wegen der Versicherungspflicht. Das Preismodell ist dagegen in allen Städten gleich: 1 Euro Grundgebühr und 15 Cent je Minute kostet das Ausleihen.

          Leuschner ist überzeugt, dass die Roller viele kurze Autofahrten ersetzen werden. „80 Prozent der Autofahrten in der Stadt sind weniger als zwei Kilometer lang.“ Allerdings haben die Roller das Manko, dass man außer sich selbst darauf nichts transportieren kann. Auf das neue Verkehrsmittel freuen sich nicht zuletzt Fahrradfahrer und Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs, in der Hoffnung, dann nicht mehr verschwitzt beziehungsweise zu spät zur Arbeit zu kommen. Die Vorfreude unter Fußgängern hält sich dagegen in Grenzen. Auch wenn die bis zu 20 km/h schnellen Roller eigentlich auf Radwegen fahren sollen, wird wohl so mancher Nutzer damit auch auf dem Bürgersteig anzutreffen sein.

          Droht Chaos wie bei Leihrädern?

          Spannend wird auch die Frage, wie die Städte auf die zu erwartende Rollerflut reagieren werden. San Francisco sah sich kürzlich genötigt, angesichts der vielen verschiedenen Anbieter eine Obergrenze festzulegen. Stockholm will demnächst verbieten, dass die Roller in der Altstadt abgestellt werden. Zudem soll ihre Geschwindigkeit in den schmalen Gassen gedrosselt werden. In Deutschland bringt sich neben Tier gerade Flash in Stellung. Gründer Lukasz Gadowski, nach der Gründung von Spreadshirt und StudiVZ ebenfalls ein bekannter Name in der Start-up-Szene, hat schon 55 Millionen Euro eingesammelt. Auch die amerikanischen Platzhirsche Lime und Bird dürften in Deutschland nicht lange auf sich warten lassen.

          Droht also bald ein Chaos wie bei den Leihfahrrädern, die teils im Dutzend an Straßenecken stehen, teils aber auch mutwillig zerstört im Gebüsch oder auf Gehwegen liegen? Lawrence Leuschner will das verhindern. „Wir arbeiten eng mit den Städten zusammen“, sagt er. Zudem will Tier, anders als die Konkurrenz, alle Roller nachts von eigenen Mitarbeitern einsammeln, aufladen und gegebenenfalls reparieren lassen, um ihre Lebensdauer zu verlängern. Denn auch das monieren Kritiker: dass die Roller, die doch eigentlich so umweltfreundlich sein sollen, nur wenige Wochen durchhalten und dann samt ihrer Elektrobatterien ein Fall für den Müll sind. Leuschner will zeigen, dass es auch anders geht, nachhaltiger. „Von unseren Rollern in Wien ist nach sechs Monaten ein Großteil noch im Einsatz“, sagt er.

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