https://www.faz.net/-gyl-95m5o

Aftershave für Intimbereich : Obenauf mit Produkten für untenrum

Peter Hart Bild: Wolfgang Eilmes

Peter Hart hat keinen Doktortitel und keine Chemikerausbildung. Trotzdem macht er mit seinem Unternehmen Dr. Severin Karriere in einem ganz speziellen Kosmetikmarkt.

          Dr. Severin verkauft Aftershave für den Intimbereich und macht damit 2 Millionen Euro Umsatz. Aber das ist nicht das Ungewöhnlichste an dem Unternehmen. Schon eher der Preis. Die 33,10 Euro für das Produkt sind nicht etwa betriebswirtschaftlich durchgeplant oder aus Marktstudien entstanden, nein: Peter Hart, Gründer von Dr. Severin, ist einfach ein großer Freund des alten Nokia-Handys 3310. Hart hat auch keinen Doktortitel oder eine besondere Beziehung zu Schutzheiligen, sondern er hat bloß den Namen seines früheren Mathelehrers für sein Unternehmen gewählt.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Der Gründer hat nie Chemie studiert und war auch nie Fachmann für Körperpflege – aber er hat ein Gespür dafür, was Leute kaufen wollen und wofür sie gerne einen höheren Preis zahlen, wenn die Qualität stimmt. Denn das Aftershave von Dr. Severin kostet gut zehnmal so viel wie vergleichbare Produkte gegen Hautirritationen von den großen Kosmetikherstellern. Doch trotz der milliardenschweren Konkurrenz und des harten Wettbewerbs im Markt mit Drogerieartikeln hat sich Dr. Severin in einer Nische bequem eingerichtet: „Wir haben uns im größten Kaufhaus der Welt einen schönen Regalplatz gebaut“, sagt Hart.

          Damit meint der 27 Jahre alte Gründer den amerikanischen Online-Händler Amazon, auf dessen Plattform er sein Produkt hat listen lassen, noch bevor er eine eigene Internetseite für sein Aftershave aufgesetzt hat. Im Jahr 2013, als Hart sein Geschäft gründete, sind gut 800 Euro Umsatz herausgekommen, nach einem Jahr waren es 125000, nun verkauft sich das Produkt auch ganz ohne Werbung von allein.

          Voll auf Amazon-Infrastruktur setzen

          Mit mehr als 700 Bewertungen auf der Plattform gehört das Aftershave für Frauen zu den meistrezensierten Produkten auf Amazon, nur 1 Prozent der Artikel erreicht überhaupt so eine Zahl an Bewertungen. Und die meisten sind positiv. Der Verkaufserfolg ist dem Online-Händler inzwischen einen eigenen Mitarbeiter wert, der sich von London aus darum kümmert, dass Start-ups wie Dr. Severin auf der Plattform gut vertreten sind und auch zu Sonderaktionen wie einem „Black Friday“ besonders prominent plaziert werden.

          Mit sieben Produktionen und 15 Lagern in Deutschland setzt Hart voll auf die Amazon-Infrastruktur: Die Abfüllunternehmen schicken die Produkte mit einer Spedition zu Amazon, die wiederum die Pakete packen und die Produkte an die Kunden verschicken. Deshalb kann sich Hart mit seinem Team im Frankfurter Büro komplett darum kümmern, an neuen Produkten zu tüfteln und die bestehenden zu verbessern. Praktisch das gesamte operative Geschäft hat er ausgelagert. Die 25 Prozent Verkaufsgebühren, die sich Amazon abzwackt, findet der Gründer „schon richtig hart“, aber auch in Drogeriemärkten wäre Dr. Severin als Hersteller abhängig von einem dm oder Rossmann, die Bedingungen stellen und auch mal eigene Produkte anstatt der Konkurrenz in die prominenten Plätze im Regal postieren.

          Hart hat erkannt, dass wir in einer Zeit leben, in der man morgen zehn Betonmischer vor der Haustüre stehen haben kann, wenn man nur das nötige Kleingeld dafür hat. In der vernetzten Handelswelt von heute braucht es für viele Produkte keine eigenen Lager oder Produktionsstätten, sondern nur eine gute Idee und unternehmerischen Mut, um ein profitables Geschäft aufzuziehen. Das Wissen dafür kommt mit Erfahrung – aber vor allem aus dem Internet. So wie man dank Google und Co. in zwei Stunden einen Vortrag über eine chemische Formel halten könnte, von dessen Existenz man zuvor noch nichts ahnte, so ist Hart sein Geschäft angegangen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel.

          Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

          Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.
          Demonstranten und Anwohner vor einer Polizeistation am Mittwochabend

          Plötzliche Disruption : „Ihr habt keine Heimat!“

          Nie waren sich Hongkonger und Festlandchinesen ferner als in diesen Tagen. Schon deshalb ist mit Unterstützung nicht zu rechnen. Chronik einer Eskalation
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.