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Aftershave für Intimbereich : Obenauf mit Produkten für untenrum

Hart arbeitete damals neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Börse, früher wollte er immer Händler werden, ein Finanzsuperstar bei Goldman Sachs oder einer anderen Investmentbank. Doch die Arbeitskultur an der Börse schreckte ihn ab. „40 Jahre lang 15 Stunden am Tag zu arbeiten, nur um einen geilen Porsche zu fahren, ist doch furchtbar.“ Hart wollte lieber gründen und sein eigenes Ding machen. Doch fehlte ihm die Idee. Bis er einmal schwimmen gehen wollte mit einer Freundin. Sie wiegelte ab, wegen Hautirritationen wolle sie noch nicht ins Freibad. Warum sie denn kein Aftershave für ihre Beine und den Intimbereich benutze, fragte Hart zurück und bekam die Antwort – dass es das nicht gebe. Also googelte der Student zuerst nach solchen Produkten und beschloss kurzerhand, sie selbst zu entwickeln.

Perfekt für verschämten Online-Kauf

Aftershave für den Intimbereich ist ein perfektes Produkt für den Online-Handel, denn die meisten Leute würden so etwas eher nicht in einem Ladengeschäft kaufen. Mit 15.000 Euro Startkapital brauchte es ein wenig Zeit, bis ein Kosmetikhersteller gefunden war, der das Produkt produzieren wollte. Mit Überredungskunst und dem Versprechen, dem Hersteller und seinem Abfüller für 12 Monate treu zu bleiben, konnte Hart die Produktion anschieben.

Den größten Schub für sein Unternehmen brachte Hart aber die Teilnahme in der zweiten Staffel der Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“ auf Vox. „Die Sendung ist unbezahlbare Werbezeit“, sagt Hart. „Die Leute schauen sich freiwillig an, wie es 20 Minuten nur um dein Produkt geht, und es fühlt sich nicht wie Werbung an.“ 200000 Euro wollten die prominenten Investoren in Dr. Severin stecken, doch das Geschäft platzte. Allein am Tag der Ausstrahlung kamen 200000 Euro zustande, und gleichzeitig erweiterte Hart sein Vertriebskonzept.

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Weil es auch Kunden gibt, die nicht online bestellen, wollte Hart in die deutschen Apotheken – doch die Apotheker wollten nichts von seinem Aftershave wissen. Also listete Hart Dr. Severin in einem Zentralregister, in dem man sich als Lieferant für Apotheken ausweisen konnte. Somit war der Spruch „Erhältlich in allen deutschen Apotheken“ zur Ausstrahlung zwar reichlich übertrieben, aber nicht komplett gelogen. Und plötzlich fragten viele Apotheker an, deren Kunden bei ihnen das Intim-Aftershave kaufen wollten. Heute kann man Dr. Severin deshalb tatsächlich in jeder Apotheke in Deutschland kaufen.

Inzwischen bietet das Start-up 30 verschiedene Produkte an, die meisten davon aus dem Pflegebereich. Jetzt im Winter macht Dr. Severin nur mit einem Vitamin-C-Serum, das man sich für ein wenig Frischegefühl unter die Augen schmieren kann, mehr Umsatz als mit allen anderen Produkten zusammen. „Wir schauen nicht: Was passt ins Portfolio? Sondern: Worauf haben die Leute Bock?“, sagt Hart. Dafür hat er eine Software geschrieben, die aus den Suchtrends auf Google und Amazon Vorschläge für neue Produkte macht. So hat es Dr. Severin geschafft, bisher nur profitable Produkte herauszubringen. Die dürfen dann auch schon einmal außerhalb der Pflegeserie liegen: So verkauft Hart auch „Alpensocken mit Silberfasern“, die gegen Schweißgeruch an den Füßen helfen sollen. Wieder so ein Produkt, das Kunden eher nicht bei Karstadt kaufen würden, sondern lieber im Internet.

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