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Gründerserie : Starthelfer für Flüchtlinge

Haben sich im Studium kennengelernt: Zarah Bruhn und Maximilian Felsner Bild: Jan Roeder

Das Start-up Social Bee vermittelt Flüchtlinge an Unternehmen und kümmert sich um das gesamte Drumherum: vom Sprachkurs bis zum Kontakt mit den Behörden. Eine provokative Werbekampagne machte das Start-up schnell bekannt.

          Manchmal hilft nur gezielte Provokation, davon sind Zarah Bruhn und Maximilian Felsner fest überzeugt. Ihr Start-up steckt hinter einer Werbekampagne, die Anfang des Jahres für viel Aufsehen sorgte. Da sitzt zum Beispiel Zeray G. aus Eritrea an einem Tisch, eine Situation wie in einem Bewerbungsgespräch. „Ich bin teamfähig“, steht auf dem Plakat. Und darunter in kleinerer Schrift: „Ich habe mit 85 Menschen in einem kleinen Schlauchboot überlebt.“ Auf einem anderen verkündet Naser A.: „Ich bin belastbar. An der Grenze zur Türkei kamen wir nicht weiter. Wir hatten drei Tage lang nichts zu essen.“ Die Kampagne sorgte für viel Aufmerksamkeit – Ziel erreicht, findet Maximilian Felsner: „Eine Flucht ist schrecklich“, sagt er. „Aber die meisten Geflüchteten wollen kein Mitleid. Sie wollen Arbeit, damit sie sich ein neues Leben aufbauen können.“

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Gemeinsam mit seiner Mitgründerin hat er sich zur Aufgabe gemacht, alles dafür zu tun, damit das gelingt. Als 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa kamen, machte Zarah Bruhn gerade ein Auslandssemester in Stockholm. Eine ihrer Kommilitoninnen dort war aus Syrien geflohen und nahm als Gasthörerin an den Vorlesungen teil. Gemeinsam halfen sie am Bahnhof in Stockholm, den großen Ansturm zu bewältigen, gaben Essen aus und sortierten die gespendete Kleidung. Von da an ließ Bruhn das Thema nicht mehr los. Vor allem trieb sie die Frage um, was langfristig aus den Menschen werden soll. „Arbeit ist der Schlüssel, das war mir schnell klar“, sagt sie. „Irgendwann habe ich mich entschlossen, selbst als Arbeitgeberin Verantwortung zu übernehmen.“

          Gesagt, getan: Die junge Frau, heute 27 Jahre alt, holte Maximilian Felsner, 28 Jahre, mit ins Boot. Beide kennen sich aus dem Studium in Mannheim. Schon im März 2016 gründeten sie Social Bee, ein gemeinnütziges Unternehmen, das Flüchtlinge anstellt und wie ein Zeitarbeitsunternehmen an andere Unternehmen vermittelt – allerdings nicht für kurzfristige Einsätze. Mindestens ein Jahr sollen sie dauern, Ziel ist es, dass die Flüchtlinge anschließend übernommen werden.

          Prominente Kunden - aber auch MIttelständler

          Zu den Kunden zählen prominente Namen wie die Deutsche Post, der Schrauben-Konzern Würth oder die Zeppelin-Gruppe, die auf Baumaschinen und Anlagen spezialisiert ist, aber auch weniger bekannte Mittelständler. Für jedes einzelne Unternehmen seien die Hürden, Flüchtlinge einzustellen, recht hoch, schildert Bruhn. Viele wüssten nicht, wie sie überhaupt Kontakt zu geflüchteten Menschen knüpfen sollen, scheuten den bürokratischen Aufwand oder zögerten, wenn beispielsweise der Asylstatus noch ungeklärt ist. Bruhn sagt: „Wir wollen es ihnen so einfach wie möglich machen und kümmern uns um alles.“

          Alles, das bedeutet in diesem Fall tatsächlich genau das. Social Bee organisiert Sprachkurse für die Flüchtlinge und finanziert ihnen auch bestimmte Weiterbildungen. Viele kommen im Bereich Lager und Logistik unter und können beispielsweise den Staplerfahrerschein bezahlt bekommen. Ein Mann, der in seiner Heimat als Laborhelfer arbeitete, wurde zum qualifizierten Labormitarbeiter weitergebildet. Manchmal ist die über Social Bee vermittelte Arbeit aber auch nur ein Einstieg: Einen der ersten Flüchtlinge vermittelte das Unternehmen an einen Essenslieferdienst. Der Flüchtling verdiente ein bisschen Geld, lernte nebenbei Deutsch, suchte sich einen Mentor und knüpfte Kontakte. Heute arbeitet er wieder in seinem alten Beruf als Architekt.

          Daneben helfen Bruhn, Felsner und ihre Mitarbeiter bei allem, was so anfällt, begleiten Flüchtlinge zu Asylanhörungen, helfen beim Ausfüllen von Anträgen zum Familiennachzug, geben Tipps für die Wohnungssuche und vereinbaren Termine mit Anlaufstellen für traumatisierte Menschen. Die Mühe lohne sich, sagt Felsner. „Die Unternehmen merken, dass es sich lohnt, Flüchtlingen eine Chance zu geben.“ Zwar laufe nicht immer alles reibungslos, pünktlich zu sein müssten viele Flüchtlinge beispielsweise erst lernen. „Aber wir sind ja dafür da, genau solche Dinge mit ihnen zu besprechen.“

          Erfolge Schlag auf Schlag

          Rund 120 Flüchtlinge hat Social Bee bislang eingestellt, davon wurden gut 40 von einem Kunden übernommen, weitere 85 sind derzeit in einem Unternehmen im Einsatz. „Nein, 84“, korrigiert Bruhn. „Gestern wurde wieder jemand übernommen.“ Die Erfolge kommen Schlag auf Schlag. 80 Prozent der Flüchtlinge, die mindestens 3 Monate in einem Unternehmen eingesetzt wurden, arbeiten dort anschließend dauerhaft – eine beachtliche Quote, zumal wenn man bedenkt, dass Social Bee sich vor allem um diejenigen kümmert, die von allein auf dem Arbeitsmarkt kaum Fuß fassen könnten. Die meisten bringen keine Qualifikation mit. Um sie zu finden, schicken Bruhn und Felsner ihre Mitarbeiter auch in die Flüchtlingsunterkünfte am Rand der Münchener Industriegebiete.

          Große Hürden gibt es nicht: „Jeden, für den wir eine Arbeitserlaubnis bekommen, können wir in Arbeit bringen“, verspricht Bruhn. Auch wenn über den Asylantrag noch nicht entschieden sei oder jemand nur geduldet werde. „Das ist doch besser, als wenn man den ganzen Tag in der Sammelunterkunft rumsitzt.“ Viele der Unternehmen, mit denen Social Bee zusammenarbeitet, haben zunächst einen oder zwei Flüchtlinge beschäftigt, inzwischen sind es teils deutlich mehr.

          In ihrer Arbeit bekommen die beiden Gründer viel Unterstützung. Einige Stiftungen gaben eine Anschubfinanzierung und sind nun wieder dabei, wenn das Unternehmen nach dem zweiten Büro in Stuttgart auch nach Berlin und Hamburg expandiert. Die provokante Werbekampagne entwarf die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt pro bono, der Kölner Werbekonzern Ströer sorgte als weiterer Partner dafür, dass die Plakate in allen Großstädten zu sehen waren. Auf Dauer soll sich Social Bee aber rein durch den Einsatz der Flüchtlinge in den Unternehmen tragen, wobei alle Einnahmen zurück in die Integration der Flüchtlinge fließen. Am Standort München ist man fast schon so weit.

          BRITTA BEEGER

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