https://www.faz.net/-gyl-99ed2

Gründerserie : Strom aus der Region

Männer am Strom: Bernhard Böhmer (links), Christian Chudoba (sitzend) und Oliver March von Lumenaza Bild: Matthias Lüdecke

Grünen Strom direkt vom Erzeuger an den Verbraucher verkaufen? Geht nicht, denken die meisten. Diese jungen Gründer und ihr Start-up haben aber genau damit jetzt Erfolg.

          Jedes Start-up braucht eine gute Idee. Kommt eine gute Geschichte hinzu, wird daraus eher ein Erfolg. Die Geschichte von Lumenaza, einem Berliner Start-up, das Softwarelösungen für eine dezentrale Stromversorgung verkauft, geht so: eine Familienfeier vor fünf Jahren in Franken. Im Dorf erzeugen viele ihre Elektrizität selbst. Doch anders als regionale Lebensmittel kann man diesen Strom nirgends kaufen, er verläuft sich irgendwo in den Weiten des Elektrizitätsnetzes. Warum eigentlich, fragt sich die Runde irritiert.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Christian Chudoba verbürgt sich für die Geschichte. Er war dabei, und sie sei der Ausgangspunkt für die Gründung des Unternehmens Lumenaza, ein Kunstwort aus „Lumen“ und „Plaza“. Dieser „Lichtplatz“ im vierten Geschoss eines Kreuzberger Hinterhofes war vielleicht Deutschlands erstes Unternehmen, das Grünstrom direkt vom Erzeuger an Endverbraucher verkauft, ohne den Umweg über den Großhandel zu nehmen.

          Dazu haben Chudoba und seine beiden Mitgründer eine Software entwickelt, die den Traum von der dezentralen und verbrauchernahen Versorgung mit regional erzeugtem Ökostrom ein Stück weit Wirklichkeit werden lässt. Ihre Algorithmen messen und vergleichen Nachfrage und Angebot der Kunden und Lieferanten in Echtzeit, verwalten die Daten, verkaufen überschüssiges Angebot an Dritte oder kaufen Grünstrom zur Deckung von Nachfragespitzen hinzu.

          „Wir verstehen uns als Software-Unternehmen“

          Zwar können auch sie die Physik nicht überlisten und dem Verbraucher deshalb nicht garantieren, dass jedes Elektron aus der Windkraft-, Solar- oder Biogasanlage gegenüber stammt, doch garantieren sie auch kleinen Anbietern wie Bürgerenergiegenossenschaften eine stete Belieferung mit Ökostrom. Die Abrechnung erledigt die Software dann in einem mit.

          Die Energiebranche sei zu Beginn sehr skeptisch gewesen, ob das überhaupt gelingen könne, erinnert sich der 49 Jahre alte Physiker und frühere Siemens-Mann Chudoba schmunzelnd. So viele Daten seien im Viertelstundentakt zu messen und zu verarbeiten. Chudoba fand, das sei keine unmögliche Herausforderung. Wusste er doch aus Erfahrung, dass Mobilfunkanbieter binnen Millisekunden herausfinden, ob der Kunde noch genügend Geld auf seiner im Voraus bezahlten Karte hat, um das Telefonat zu führen.

          Chudoba, der heute Vorsitzender der Geschäftsführung der Lumenaza GmbH ist, ging 2013 mit dem Softwarespezialisten und heutigen Technikchef Bernhard Böhmer, er zählt 50 Jahre, ans Werk. Ein Jahr später machte der Betriebswirt Oliver Philipp March, der 45 Jahre alte Finanzchef, das Gründer-Duo zum Trio.

          2014 brachten sie ihr erstes Produkt auf den Markt. „Wir verstehen uns als Software-Unternehmen“, bekräftigt March. Doch um zu beweisen, dass die Technik funktioniert, musste Lumenaza zunächst einmal selbst unter die Stromhändler gehen. Nicht nur die Steuerungsgeräte für den Ökostrom, sondern auch die hinterlegte Software arbeiten wie versprochen. Seither beziehen ein paar hundert Kunden in Berlin und Brandenburg ihre Elektrizität über Lumenaza aus umliegenden Windparks und Solaranlagen – und seither interessiert sich eine wachsende Zahl von Geschäftskunden aus dem In- und Ausland für die Baukastentechnik der Kreuzberger Tüftler. Sogar aus Japan seien Besucher vorbeigekommen, sagt Gründer Chudoba mit verhaltenem Stolz.

          Alle Teilnehmer der neuen Energiewelt vernetzen

          Lumenaza versteht sich als Plattform mit Softwarelösungen für die Energiewende. Man sei in der Lage, alle Teilnehmer der neuen Energiewelt wie Versorger, Produzenten, Verbraucher oder Batteriebetreiber zu vernetzen. Für die Halter von Elektroautos, die künftig das Stromnetz zusätzlich beanspruchen würden, gelte das natürlich auch. Dazu wird der Softwarebaukasten beständig erweitert.

          Den nennen die Softwareentwickler „Utility in a Box“. Ihr „Versorger in der Schachtel“ könne vieles von dem, was Energieunternehmen anböten. Manche greifen auf die Dienste der Berliner zurück. Die sehen ihre Kernkompetenz nicht im Endkundengeschäft, sondern eher darin, andere Energieversorger im Geschäft mit Verbrauchern zu unterstützen.

          So stört es sie nicht, wenn nur selten Lumenaza draufsteht, wenn Verbraucher regionale Bioenergie beziehen. Etwa die Kunden der Stadtwerke Wunsiedel, die Ökostrom aus dem Fichtelgebirge beziehen, die Kunden der Jurenergie-Genossenschaft, die Grünstrom im oberpfälzischen Neumarkt zapfen, jene Verbraucher, die „Regiostrom“ in Altbayern-Schwaben aus dem Netz ziehen, oder die der „NatürlichEnergie Eifel Mosel Hunsrück“. Auch bei den Hausbesitzern, die mittels Photovoltaiklösungen samt Kellerbatterie aus dem Großkonzern ENBW als Selbstversorger Elektrizität in das Netz einspeisen, rechnet die Luminaza-Software im Hintergrund. Bei der „Sonnenpartnerschaft“, die Vattenfall seinen Kunden anbietet, und beim „Quartierstrom“ des Stadtwerk Karlsruhe haben die Lumenaza-Leute ebenfalls ihre Finger im Spiel. Die Zahl der so versorgten Kunden sei inzwischen fünfstellig, sagt Chudoba.

          13 Projekte zählt er auf. Weitere seien absehbar, auch im Ausland. In Schweden halten die Bewohner des 140-HaushalteDorfs Simris die Stromflüsse ihrer energieautarken Kommunität mit Hilfe von Lumenaza-Technik nach. Der Energiekonzern Eon hat die Berliner dort eingebunden. Kontakte gebe es nach Großbritannien, wo die Netze bekanntlich in einem schlechteren Zustand sind als hierzulande, was Geschäftsmöglichkeiten eröffne. Auch südeuropäische Länder mit dezentraler Ökostromerzeugung wie Spanien, Portugal oder Italien haben sie im Blick.

          Schnell wachsende Geschäftszahlen

          Die Nachfrage nach der klugen Software schlägt sich in schnell wachsenden Geschäftszahlen nieder. Im vergangenen Jahr hätten die zwei Dutzend Beschäftigte drei Millionen Euro umgesetzt, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Chudoba. Das war doppelt so viel wie im Vorjahr. Dieses Jahr soll sich der Betrag wieder verdoppeln. Neue Leute in der Entwicklung kommen hinzu, Büroraum wird knapp.

          Das gilt auch für das Kapital, das zunächst die Gründer, dann die KfW mit einem Kredit und später private Kapitalgeber bereitstellten. Auch die EU ist mit an Deck. Hatte eine erste Finanzierungsrunde mit zwei Venture-Capital-Investoren, darunter einer VC-Gesellschaft des Energiekonzerns ENBW, 2016 noch 1,3 Millionen Euro eingespielt, sollen es jetzt 2,5 Millionen werden – ohne dass die Gründer die Mehrheit aus der Hand geben wollen. 2020 sollen die Einnahmen erstmals ausreichen, um die Ausgaben zu decken.

          Die Gründer

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer sichert und bezahlt die Betreuung im Alter?

          Pflegeversicherung : Spahn will neue Finanzierungsmodelle diskutieren

          Damit die lohnabhängigen Beiträge für die Pflege nicht immer weiter steigen, fordert der Gesundheitsminister eine Grundsatzdebatte, ob es auch anders geht. Ein Vorschlag kommt aus der SPD und betrifft Beamte und Selbständige.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.