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Deutsche Schulen im Ausland : Wer zahlt für die Expat-Kinder?

Attraktiver Standort mit Abstrichen: Singapur hat viel zu bieten - auch so manche Herausforderung. Bild: AFP

Die Globalisierung fordert Beweglichkeit von den Arbeitnehmern. Die Kinder ziehen natürlich mit ins Ausland. Meistens finden sie eine deutsche Schule vor Ort. Wenn es aber ans Zahlen geht, wird um jeden Euro hart gefeilscht. Ein Beispiel aus Singapur.

          Die Eltern warten schon. Am Freitagmittag kommen ihre Fünftklässler von einem dreitägigen Schulausflug an den Strand nach Malaysia zurück. Sarah geht mit 21 anderen Schülern in die German European School Singapore (Gess) in der südostasiatischen Wirtschaftsmetropole Singapur. Ihr Klassenlehrer ist Australier, seine Kollegin aus dem Rheinland unterrichtet sie in Deutsch, die Sportlehrerin kommt aus Ghana - Globalisierung pur, und das zum Wohle der Kinder. Gefördert wird die Gess, so wie 140 andere Auslandsschulen rund um die Erde, vom Außenministerium in Berlin und von den deutschen Bundesländern. Müsste der Personalchef eines Dax-Konzerns eine Ideal-Schule in Zeiten der Globalisierung entwerfen, das Bild würde der Wirklichkeit in Singapur wohl nahe kommen. Das ist wichtig, denn die Qualität der Schulen ist für Firmen und Banken ein starkes Argument, wollen sie Mitarbeiter als Entsandte für den Umzug ins Ausland gewinnen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Auch wenn die Gess in Singapur mit ihren gut 1500 Kindern als Vorzeigestandort für das Auslandsschulwesen gilt, so lässt sich an ihr auch zeigen, vor welchen Herausforderungen das System der Deutschen steht. Denn die Gess hat ein Problem, und das beziffert sich auf rund 20 Millionen Singapur Dollar (12,4 Millionen Euro). Der Pachtvertrag für das Grundstück, auf dem Kindergarten und Grundschule angesiedelt sind, läuft aus. Es bleibt nur ein Neubau an anderer Stelle. Damit dieser sich rechnet, soll 2017 die aus allen Nähten platzende weiterführende Schule der Gess mit der Grundschule zusammengelegt werden.

          Das Geld ist eine Hürde

          “Für den Neubau veranschlagen wir rund 100 Millionen Singapur Dollar“, sagt Schuldirektor Torsten Steininger. Dieses Geld in der Millionärsmetropole Singapur aufzutreiben ist, auch wenn es sich um eine der renommiertesten Auslandsschulen Deutschlands handelt, eine enorme Hürde. Seit Monaten verhandeln Schulleiter und Schulvereinsvorstand, die deutsche Botschafterin, die Unternehmen in Singapur und ihre Zentralen in Deutschland, Singapurer und deutsche Banken sowie die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), die vom Auswärtigen Amt gesteuert wird, miteinander. Nun läuft die Zeit ab.

          “Wir können uns am Neubau einer Schule im Ausland gar nicht beteiligen, weil unsere Planungen in Deutschland niemals so schnell abzuschließen wären, wie dort gebaut wird“, sagt Hans-Ulrich Seidt, Kulturchef im Auswärtigen Amt. „Bei uns mahlen die Mühlen viel langsamer, allein die Abstimmung zwischen den Ministerien dauerte viel länger, als die gesamte Bauzeit in Singapur in Anspruch nehmen wird.“ Macht er es sich mit dem Verweis auf das Fiasko des Berliner Flughafens oder den Stuttgarter Bahnhof nicht zu einfach? „Nein, wir in Berlin würden die Abstimmung in der geforderten Zeit niemals schaffen.“ Konkret muss in Singapur zu Beginn des nächsten Jahres mit dem Bau begonnen werden. Deshalb muss das Finanzierungsloch bis zum Spätsommer geschlossen sein. „Das wird sehr schwer werden“, sagt die Deutsche Botschafterin, Angelika Viets.

          Doch geht es nicht nur um bürokratische Hürden im Dschungel Berlins, es geht auch ums Geld. So winkten die deutschen Institute am Finanzstandort Singapur mit Blick auf eine Finanzierung des Neubaus alle ab - obwohl natürlich auch Commerzbank oder Deutsche Bank die Kinder ihrer Entsandten auf die Gess schicken. „Leider haben die deutschen Banken hier entschieden, sie wollen Deutschland nicht unterstützen. Das hat mich sehr erschüttert“, sagt der Schulleiter. Dabei sei das deutsche Auslandsschulwesen ein klares Wachstumsmodell - weshalb schon private Anbieter lauern, zu höheren Gebühren in die sich öffnende Bresche zu springen, scheiterte die Gess. „Wir haben kein Kapital-, sondern derzeit ein Cash-flow-Problem“, sagt Steininger. Trotzdem wollen die Banken nicht helfen.

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