https://www.faz.net/-gyl-10433

Zur Uni ohne Abitur : Vom Ausbilder zum Präsidenten

Österreichs bekannteste Aufstiegsmöglichkeit: das Riesenrad im Wiener Prater Bild: Fotolia

Österreich motiviert Lehrlinge zur Weiterbildung. Seit elf Jahren ermöglicht die Berufsreifeprüfung ihnen den Zugang zur Universität. Begleitend zur Lehre wird sie jetzt sogar kostenlos.

          „Es hat sich ausgezahlt“, sagt Walter Goritschnigg. Vor sechs Jahren hat er die Berufsreifeprüfung (BRP) abgelegt. Damals war er noch Anlagenelektriker beim Vorarlberger Möbelbeschlägespezialisten Blum. Heute ist der 48 Jahre alte Alemanne Ausbildungsmeister für alle elektrotechnischen Berufe. Diesen Posten könnte er ohne Matura, wie das Abitur in Österreich heißt, nicht ausüben. Finanziell lohnt sich der Aufstieg zwar auch, doch ist der Unterschied mit weniger als 300 Euro im Monat nicht so gravierend. Das war für Gorentschnigg nicht die Motivation. Er wollte sich weiterbilden.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          „Jetzt verstehe ich die Abläufe in der Firma viel besser“, erklärt er. „Man bekommt Anerkennung. Die Geschäftsleitung redet mit einem anders, wenn sie weiß, dass beim Gegenüber ein größerer Horizont besteht.“ Die Geschäftsführung des traditionsreichen Familienunternehmens fördert diesen Fortbildungseifer bei ihren Angestellten: Jeder siebte der dort beschäftigten rund sechs Dutzend Lehrlinge macht eine Berufsreifeprüfung.

          „Es fehlt das strategische Denken“

          Von solchen Verhältnissen auf Bundesebene träumt der österreichische Regierungsbeauftragte für Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung, Egon Blum. Bisher gehen erst 5 Prozent der 40.000 Lehrlinge in Österreich diesen Weg. Blum, der mit dem gleichnamigen Unternehmen übrigens in keiner Verwandtschaftsbeziehung steht, hofft, dass sich der Anteil zumindest ein Zehntel steigert.

          Einmal Elektriker, immer Elektriker? Das muss nicht sein.

          Gründe für die noch niedrige Akzeptanz sieht Blum in der unzureichenden Information über diese Fortbildungsschiene. Zudem sähen Unternehmen vor allem die Belastung, wenn sie einen Jugendlichen mit einem solchen Weiterbildungsengagement beschäftigen - und nicht die Vorteile. Etwa, dass daraus Impulse durch mehr Know-how entstehen. Es fehle das strategische Denken, kritisiert Blum. Vorherrschend sei die Denkweise: "Ich bilde nicht aus, damit er dann studiert."

          Mehr als hundert Standorte im ganzen Land

          Seit elf Jahren kann in Österreich neben dem traditionellen Weg über eine höhere Schule das Abitur auch über eine Berufsreifeprüfung erlangt werden. Österreich ist damit Vorreiter in der Europäischen Union. Diese Alternative wurde für jene Jugendliche vorgesehen, die zwar intelligent sind, aber Angst vor der Schule haben. Damit die Praxisorientierten auch eine Chance haben, wie Blum erklärt, und die Lehre ein besseres Image bekommt.

          Mehr als 12.000 Personen haben seither das Angebot genutzt. Im Vergleich mit den Abiturienten an den österreichischen Schulen ist die Zahl der Berufsreifeprüfung-Absolventen jedoch nach wie vor klein: So besuchten nach einer Untersuchung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (Ibw) in Wien in den zurückliegenden Jahren jeweils rund 39.000 Schüler die Maturaklassen, im Gegensatz zu jährlich gut 2000 Berufsreifeprüfungs-Absolventen.

          Die Prüfung, die sich aus Teilprüfungen Deutsch, Mathematik, eine Fremdsprache sowie ein Fachgebiet aus der beruflichen Praxis zusammensetzt, gibt Fachschul- und Lehrabschlussabsolventen die Möglichkeit, einen allgemeinen Hochschulzugang zu erwerben. Vorbereitungskurse bieten Volkshochschulen, die Berufs- und Wirtschaftsförderungsinstitute sowie höhere Schulen, Landesberufsschulen und Maturaschulen an. Nach Angaben des Ibw gibt es insgesamt mehr als hundert Standorte mit BRP-Vorbereitungskursen in Österreich.

          Österreich liegt deutlich vor Deutschland

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.