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Zulassungsverfahren : Weite Wege zum Medizinstudium

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Viele wollen Medizin studieren - aber bei weitem nicht alle bekommen einen Platz. Bild: dpa

Medizin studieren ohne 1,0-Abitur – wie kann das funktionieren? Das weiß im Moment keiner so genau. Zwischen altem und neuem Zulassungsverfahren fühlt sich mancher Bewerber wie in einer Sackgasse.

          Medizin zu studieren war eigentlich schon immer der Traum von Rahel Muth. Schon in der achten Klasse machte die heute 20-Jährige ihr erstes medizinisches Praktikum. Aber dann ging es ihr wie vielen anderen auch: Mit einem Abi-Schnitt von 1,8 rückte ein möglicher Studienstart in weite Ferne. Seit vergangenem Jahr macht sie jetzt eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester, aber studieren will sie danach immer noch. Wie genau und ob das funktioniert, ist noch unklar. Einerseits, weil es auch nach einer abgeschlossenen Ausbildung noch knapp werden könnte – und andererseits, weil sich am Zulassungsverfahren einiges ändern wird.

          Das Bundesverfassungsgericht hat Ende 2017 entschieden, dass das Zulassungsverfahren für Medizin in mehreren Punkten nicht verfassungskonform ist. Insbesondere die Vergabe über begrenzte Ortswünsche und die lange Wartezeit sah das Gericht als problematisch an. Außerdem müssten neben der Abiturnote noch andere Kriterien mit einbezogen werden, und die Note sollte über Bundesländergrenzen hinweg vergleichbarer werden. Bis Ende 2019 müssen Änderungen umgesetzt werden. Rahel Muth wird 2020 mit ihrer Ausbildung fertig und hofft, dass sie dann vielleicht schon von den Änderungen profitieren kann. Obwohl es bis dahin nur noch ein gutes Jahr ist, steht kaum etwas abschließend fest.

          Bisher werden 20 Prozent der Studienplätze über die sogenannte Abiturbestenquote vergeben, die Schulabgänger mit den besten Abschlussnoten erhalten diese Plätze. Voraussetzung ist fast immer eine 1,0. Weitere 20 Prozent werden an Studierende mit Wartesemestern vergeben, die Wartezeit beträgt derzeit im Schnitt stattliche 15 Semester. Die restlichen 60 Prozent der Plätze werden über Kriterien der einzelnen Hochschulen vergeben, meistens zählt hier ebenfalls hauptsächlich der Abischnitt. In diesem Teil können häufig aber Verbesserungen durch Berufsausbildungen oder den Test für medizinische Studiengänge angerechnet werden.

          Rahel Muth hat den Medizinertest in diesem Jahr gemacht und sich so gut wie möglich darauf vorbereitet – auch wenn sie auf einen mehrere hundert Euro teuren Vorbereitungskurs verzichtet hat. Im Medizinertest muss man keine bestimmte Punktzahl erreichen, sondern zum prozentual besten Anteil gehören. Am Ende landete sie bei 59 Prozent, angerechnet werden kann der Test meist aber nur für die besten 40 Prozent. Ein Prozentpunkt fehlte ihr also. „Auch ein überdurchschnittliches Ergebnis bringt mir nichts“, sagt sie enttäuscht. Den Medizinertest darf man nur einmal machen, entsprechend hoch ist natürlich der Druck. Rahel Muths Chance hier ist also passé. Josefin Wagner, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Lübeck, sieht den Test sowieso kritisch: Ein gutes Abitur korreliere mit gutem Abschneiden im Medizinertest: „Da stellt sich die Frage, ob der Test überhaupt unabhängig vom Abitur ist“, sagt sie.

          Engangement und Motivation kann manchmal auch eine Rolle spielen

          In Lübeck wird im eigenen Auswahlverfahren schon vieles anders gemacht: Berufsausbildung und Medizinertest werden angerechnet, daneben aber auch außerschulisches Engagement wie Freiwilligendienste oder Sport in einem Bundeskader. Für 120 über diese Quote zu vergebende Plätze lädt die Uni 240 Bewerber ein und führt mit ihnen an zwei Tagen Auswahlgespräche. Abgefragt werden dort möglichst objektive Kriterien wie Engagement, Motivation und das Wissen über den Studienverlauf, „Ein System, das ausschließlich auf die Abiturnote fixiert ist, ist pervers“, sagt Jürgen Westermann, Studienleiter für Humanmedizin an der Uni Lübeck. „Unser Ziel ist es, dass sich die Studenten auch darüber hinaus engagieren, in der Theater-AG oder in der Forschung.“

          Humanmedizin gehört neben Zahnmedizin, Pharmazie und Tiermedizin zu den Studiengängen, die aufgrund der hohen Konkurrenz um die Plätze zentral verteilt werden. Diese Verteilung übernimmt die Stiftung für Hochschulzulassung über ihr Portal Hochschulstart, garantieren soll das eine möglichst faire Verteilung. Mit der Neuregelung der Zulassung muss diese technische Seite jetzt neu gestaltet werden. Vorher müssen allerdings die inhaltlichen Eckpunkte von politischer Seite festgelegt werden. Dafür ist die Kultusministerkonferenz zuständig, und entschieden ist bisher wenig. Die Wartesemesterquote soll wohl wegfallen, eine wie auch immer gestaltete Talentquote eingeführt werden.

          „Ich habe die Hoffnung, dass in Zukunft Ausbildungsberufe oder Freiwilliges Soziales Jahr besser anerkannt werden“, sagt Muth. Bisher wird eine abgeschlossene Ausbildung im medizinischen Bereich höchstens mit einer Verbesserung von 0,5 Punkten anerkannt. An manchen Universitäten verbessert sich der Schnitt nach einer dreijährigen Ausbildung gerade mal um 0,1. „Teilweise ist das echt ätzend. Ich habe mich ein bisschen damit abgefunden, weil ich für mich eine gute Zwischenlösung gefunden habe“, sagt sie. „Manchmal bin ich aber schon frustriert, dass ich nicht direkt anfangen kann.“ Inzwischen gibt es Zusagen, dass schon gesammelte Wartesemester noch angerechnet werden, bevor die Wartezeitquote abgeschafft wird. Wer jetzt schon wartet, kann also noch durch Wartesemester einen Studienplatz bekommen. Genaue Eckpunkte will die Kultusministerkonferenz am 6. Dezember beschließen, danach haben die Bundesländer und Hochschulen noch ein Jahr lang Zeit, um ihre Sonderregelungen zu definieren.

          Technische Hürden

          Zu den wenigen Dingen, die bisher sicher sind, gehört, dass es die Stiftung für Hochschulzulassung nicht schaffen wird, alle Neuerungen pünktlich bis Ende 2019 technisch umzusetzen. Es wird erst einmal eine Übergangsphase mit Minimalstandards geben – wie lange diese dauert, ist noch ungeklärt. Sicher ist aber, dass zum Beispiel die Universität Lübeck in dieser Zeit ihre Auswahlgespräche nicht wird führen können, weil die technischen Voraussetzungen nicht gegeben sind. Jürgen Westermann hat dafür kein Verständnis. „Bewerber sind dann bei uns schlechter dran als vor dem Urteil, weil die Stiftung für Hochschulzulassung nicht in die Pötte kommt.“ Er findet, dass eine Industrienation wie Deutschland das im Zeitalter der Digitalisierung besser schaffen sollte.

          Rahel Muth hofft, dass die Anrechnung ihrer Ausbildung und mögliche Neuerungen ihr zum Studienplatz verhelfen, sonst blieben ihr nur noch die Wartesemester „Dann weiß ich auch nicht, was ich noch machen soll“, sagt sie für den Fall, dass es anders kommt. Denn sie ist nicht sicher, ob sie sich vorstellen kann, erst mit 25 oder 26 Jahren noch ein Medizinstudium zu beginnen.

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