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Zeitverträge in der Wissenschaft : Wenn du eine Stelle willst, frag vorher deinen Anwalt

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Jeder Monat Mehrarbeit wäre fatal

So entsteht der paradoxe Effekt, dass gerade die besten Master-Studierenden, die früh als Hilfskräfte in Forschungsvorhaben eingebunden werden sollen, in ihrer wissenschaftlichen Qualifikation erheblich behindert werden. Die Stellungnahmen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung legen eine Interpretation des Gesetzes im Sinne der wissenschaftlichen Mitarbeiter nahe. Faktisch wird das Gesetz von den Hochschulen jedoch in rigidester Form ausgelegt. Selbst Viertelverträge von zehn Stunden pro Woche, von denen die so beschäftigten Hilfskräfte nicht ansatzweise leben können, werden an den Hochschulen voll auf die Qualifizierungszeit angerechnet. Ein Job, der vorrangig aus dem Kopieren von Artikeln und der Korrektur von Klausuren für einen Professor besteht, wird also behandelt, als ob die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter bereits an der Promotion arbeitet. Drittmittelanträge, die eine promovierte Mitarbeiterin in der Industrie eingeworben hat, aber über eine staatliche Universität abwickelt, werden voll auf ihre Zwölfjahresfrist angerechnet.

Das Gesetz über die Zeitverträge wird so rigide ausgelegt, weil es nicht nur ein Gesetz zur Zwangsbefristung der Tätigkeit an der Universität ist, sondern ungewollt auch eines zur Selbsterzeugung von Lebenszeitstellen durch wissenschaftliche Mitarbeiter. Sein paradoxer Effekt besteht nämlich darin, dass es Mitarbeitern die Möglichkeit bietet, sich auf eine Lebenszeitstelle einzuklagen, wenn das genau definierte zeitliche Limit für die Kettenverträge von einem Mitarbeiter der Universitätsverwaltung übersehen wurde. Sobald auch nur ein Monat Tätigkeit als Hilfskraft während des Master-Studiums von der Verwaltung nicht beachtet wird und der Mitarbeiter also nicht nur zwölf Jahre, sondern zwölf Jahre und einen Monat an einer staatlichen Universität beschäftigt gewesen ist, kann er mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit eine Daueranstellung an seiner letzten Universität einklagen.

Die von hochschulpolitischen Interessenverbänden immer wieder geforderte Schaffung von Dauerstellen an den Universitäten jenseits der Professuren wird zwar von den Hochschulpolitikern der meisten Parteien kategorisch abgelehnt. Gleichzeitig haben sie jedoch ungewollt ein arbeitsrechtliches Einfallstor geschaffen, über das sich Mitarbeiter selbst ihre Lebenszeitstellen schaffen. Der Irrsinn ist nun, dass diese solchermaßen entstehenden Lebenszeitstellen für wissenschaftliche Mitarbeiter nicht aufgrund strategischer Überlegungen der Universitäten geschaffen werden, sondern aufgrund von Fehlern in den Personalverwaltungen der Universitäten. Dass das Verhältnis der Mitarbeiter, die sich aus nachvollziehbaren persönlichen Gründen auf eine Lebenszeitstelle geklagt haben, zu ihrer Hochschule nach einem Gerichtsprozess dann nicht gerade das beste ist, kann man sich vorstellen. Die Reaktion der Hochschulen angesichts der Klagewelle von Mitarbeitern ist nachvollziehbar. Im Zweifel, ob eine Tätigkeit auf die Qualifizierungszeit angerechnet werden muss oder nicht, wird in der Regel immer gegen den Mitarbeiter entschieden, weil die Hochschule ja nie sicher sein kann, wie sich Arbeitsgerichte im konkreten Fall entscheiden werden. Weil das Gesetz mit so heißer Nadel gestrickt wurde, entscheiden letztlich die Gerichte über die Detailfragen, und wie sie entscheiden, ist in einem hohen Maße für alle Beteiligten unberechenbar.

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