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Youtuber Daniel Jung : Der Rockstar der Mathematik

  • -Aktualisiert am

Die Rechnung geht auf: Daniel Jung setzt auf kurze Filmchen ohne Schnickschnack. Bild: privat

Daniel Jung hilft mit seinen Youtube-Videos vielen Schülern durch die nächste Prüfung oder durchs Abitur. Und das soll erst der Anfang sein.

          Daniel Jung steht im Aufnahmeraum vor der Kamera, hinter ihm ein fast leeres Whiteboard. Nur „Ableitungsmix“ hat er mit schwarzem Marker draufgeschrieben, das Thema des heutigen Videos. In den nächsten fünf Minuten füllt sich das restliche Whiteboard. Jung denkt sich Funktionen aus, erklärt ihre Ableitung, führt Schwierigkeiten auf. Immer wieder dreht er sich Richtung Kamera, schaut den Zuschauer direkt an. Die Aufnahme dieser kurzen Mathelektion lädt er auf Youtube hoch. Mehr als 150 Millionen Mal wurden seine Videos schon von Schülern, Studenten oder Eltern aufgerufen. In seinem beliebtesten Video erklärt Jung quadratische Funktionen. Zugriffe: eine Million. Etlichen Schülern hat Jung mit seinen Videos zum Erfolg in der nächsten Arbeit oder zum Bestehen des Abiturs verholfen. Der gebürtige Remscheider, Ende 30, steht meist in Jeans und Poloshirt vor der Kamera. In Kommentaren unter den Videos bewundern Schüler ihn wie einen Rockstar. „Bester Mann!“ oder „Gott segne dich!“ schreiben sie zum Beispiel.

          Jung ist einer der erfolgreichsten deutschen Youtuber im Bildungssektor. 470.000 Nutzer haben seinen Youtube- Kanal abonniert. Das Besondere an seinen Videos sind die Kürze und Schlichtheit. Als „klar und clean“ bezeichnet Jung die Struktur seines Kanals. Er begrüßt seine Zuschauer nicht, und er verabschiedet sich auch nicht. Andere erfolgreiche Youtuber hingegen begrüßen ihre Fans mit einem markenähnlichen Standardsatz und verabschieden sich meist mit: „Und vergesst nicht zu abonnieren!“ Denn mehr Abonnenten und Aufrufe bringen höhere Werbeeinnahmen. Auch Jung ist stolz auf seine Abonnenten- und Klickzahlen. Um wirtschaftlichen Erfolg sei es ihm jedoch nie gegangen.

          Nach dem Abitur hat er ein Studium in Sport und Mathematik angefangen, das er jedoch nie abgeschlossen hat. Jeden Montagmorgen um acht Uhr Vorlesung, ewig viele Folien: „Das kann man auch besser machen“, dachte sich Jung. Die Idee für seinen Youtube-Kanal kam ihm, wie er gerne erzählt, an einem Sonntagabend im Bett. Er stieß auf Videos der amerikanischen Elite-Uni MIT. „Der Professor flog förmlich über die Tafel, man konnte auch zurückspulen. Das einzige Problem war, dass jedes Video fast eineinhalb Stunden lang war“, erinnert sich Jung. „Da machte es Peng. Ich habe mir eine Videokamera gekauft und angefangen.“

          Durch ein von ihm gegründetes Nachhilfeunternehmen, in dem er als Nachhilfelehrer auftrat und als Vermittler zur Verfügung stand, kannte er die Schwachstellen und Probleme von Schülern. 2011 lud er erste Videos auf seinem Kanal „Mathe by Daniel Jung“ hoch. Seitdem hat sich wenig verändert. Nur das leichte Rauschen im Hintergrund ist im Laufe der Jahre verschwunden, und die Bildqualität hat sich verbessert. Jung produziert jede Woche mindestens ein Video. Mehr als 2300 können sich Schüler heute auf seinem Kanal ansehen, kostenlos. Meist sind seine Videos nicht länger als fünf Minuten, und er beschränkt sich auf ein bestimmtes Thema. „Das Anliegen der Schüler ist: Lös mir ganz schnell ein Problem. Oder: Ich muss morgen eine Tangentengleichung aufstellen“, sagt er. „Hätte ich meine Videos damit angefangen zu erklären, wie toll Mathe ist, hätte ich viele abgeschreckt.“ Schüler plage nun mal ein gewisser „Matheschmerz“, den er mit seinen Videos zu lösen versucht.

          „Spaß an Mathe entsteht durch Verständnis“

          Jung bezeichnet die Probleme, die Schüler in einem bestimmten Gebiet haben, fast immer als „Schmerz“. Viele Kommentare unter seinen Videos verdeutlichen, wie verzweifelt manche Jugendliche versuchen, ihre Mathe-Noten zu verbessern. „Du hast mir gerade den Abschluss gerettet!“ ist einer dieser Standardsätze. „Spaß an Mathe entsteht durch Verständnis. Es macht keinen Spaß, wenn der Lehrer nur einen Zettel austeilt und sagt, dass nächste Woche darüber eine Arbeit geschrieben wird“, sagt Jung. Dabei sei Mathematik ein sehr wichtiges Fach und nicht nur für die Schule oder die nächste Uni-Klausur notwendig. „Mathematik ist die Lehre von Struktur und Mustern. Wir brauchen sie, um aus Daten die Zukunft zu bestimmen.“

          Der Mathematikunterricht in der Schule sei zur Vermittlung der Inhalte nicht geeignet, findet er. „Wir leben in einem System, in dem es wichtig ist, dass wir durch Prüfungen durchkommen.“ Lehrer würden von ihren Schülern nicht fordern, die Strukturen und Zusammenhänge zu erkennen. Vielmehr gehe es darum, zu rechnen und das richtige Ergebnis hinzuschreiben. Jung erzählt von einem Schüler, der nicht verstanden hatte, wie man quadratische Gleichungen mit der quadratischen Ergänzung löst. Daraufhin habe er sich eines der Videos auf Jungs Kanal angeschaut, in dem ein anderes Verfahren zur Lösung der Gleichung erklärt wird, die pq-Formel. Da der Schüler diese direkt verstand, wendete er sie in der nächsten Klassenarbeit an und konnte alle Aufgaben richtig lösen. Dennoch wurde der Schüler enttäuscht. Sein Ergebnis: null Punkte. Die Lehrerin vergab Punkte nur für die Anwendung des von ihr erwünschten Verfahrens. Jung musste sich daraufhin einiges anhören – aber er kann die Wut und Enttäuschung des Schülers verstehen.

          Laufen Mathevideos also dem einheitliche Lehrkonzept an den Schulen zuwider? Dort fehlen oft die Ressourcen, um auf jeden Schüler individuell einzugehen. Lehrer müssen versuchen, den Lehrplan umzusetzen und dabei möglichst alle einzubeziehen. Das versteht auch Daniel Jung. Dennoch findet er, dass niemand bestraft werden sollte, wenn er sich in seiner Freizeit intensiver mit einem Thema beschäftigt. „Es geht nicht darum, dass ich mit meinen Videos Live-Phasen ersetze“, sagt er. Vielmehr sollten sie additiv eingesetzt werden. Durch Youtube sei individuelleres Lernen möglich geworden, und jeder könne – unabhängig von Mitschülern – „in seinem eigenen Tempo Lücken schließen, und zwar mit dem Tutor seiner Wahl“.

          Jung ist im deutschsprachigen Raum nicht der einzige Youtuber, der sich auf Mathevideos spezialisiert hat. Die zwei jungen Männer von „Simple Maths“ erklären die Themen ein wenig verspielter und setzen auf Effekte. „Dorfuchs“ schreibt eingängige Lieder zu bekannten Problemen wie der Polynomdivision. Daniel Jung sieht die anderen jedoch nicht als Konkurrenz. „Ich freue mich doch, wenn auch andere Bildung bereitstellen. Es gibt nicht mehr das Tollste oder Beste. Es gibt das Individuellste“, sagt er.

          Und er träumt von einer noch individuelleren Form der Bildung. Auf Vorträgen an Universitäten und auf Bildungsgipfeln spricht er über die Zukunft des Bildungssektors. In sozialen Medien wie Instagram und Snapchat informiert er seine Follower täglich über Neuigkeiten der Branche und Entwicklungen von Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz. Aktuell arbeitet er zusammen mit dem Fraunhofer-Institut an dem Projekt „Roberta“, das Schülern die Robotik näherbringen soll. Auch eine eigene App ist für dieses Jahr in Planung. Wie mit seiner Website „Letsrockmathe“ will Jung mit ihrer Hilfe versuchen, Informationen über das Lernverhalten von Schülern zu sammeln. Auf der Internetseite können Schüler Fragen zu Mathe-Themen stellen, die ihnen dann von anderen Schülern beantwortet werden. „Es soll nicht der Ersatz von realen Menschen und Kontakten sein. Aber es soll uns die Möglichkeit geben, gemeinsam zu lernen und zu lehren“, sagt er. Interessant sei hier: Wann stellt ein Schüler eine Frage? Was will er wissen, und wie kann die Frage möglichst effektiv beantwortet werden?

          „Es wird in fünf Jahren ein Spotify der Bildung geben“, sagt er. Etwas Ähnliches also wie jene Musik-App, mit der man Zugriff auf fast alle veröffentlichen Alben und Singles hat und sich eigene Listen mit Liedern erstellen kann. „Wir sind von Spotify fasziniert, weil es uns eine Playlist vorschlagen kann, die uns gefällt. So etwas brauchen auch wir für Lerninhalte.“ Jung sieht die Welt in einer Phase exponentiellen Wachstums, wie er es mathematisch passend ausdrückt. „Früher hatten wir alle paar Jahre einen großen Durchbruch. Jetzt passiert alles auf einmal. Um dem Herr zu werden, braucht man einen Grundstock an Wissen und die Fähigkeit, es zu kombinieren.“ Auch hier sei Mathematik wichtig. Ihm kann’s recht sein.

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