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Youtuber Daniel Jung : Der Rockstar der Mathematik

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Der Mathematikunterricht in der Schule sei zur Vermittlung der Inhalte nicht geeignet, findet er. „Wir leben in einem System, in dem es wichtig ist, dass wir durch Prüfungen durchkommen.“ Lehrer würden von ihren Schülern nicht fordern, die Strukturen und Zusammenhänge zu erkennen. Vielmehr gehe es darum, zu rechnen und das richtige Ergebnis hinzuschreiben. Jung erzählt von einem Schüler, der nicht verstanden hatte, wie man quadratische Gleichungen mit der quadratischen Ergänzung löst. Daraufhin habe er sich eines der Videos auf Jungs Kanal angeschaut, in dem ein anderes Verfahren zur Lösung der Gleichung erklärt wird, die pq-Formel. Da der Schüler diese direkt verstand, wendete er sie in der nächsten Klassenarbeit an und konnte alle Aufgaben richtig lösen. Dennoch wurde der Schüler enttäuscht. Sein Ergebnis: null Punkte. Die Lehrerin vergab Punkte nur für die Anwendung des von ihr erwünschten Verfahrens. Jung musste sich daraufhin einiges anhören – aber er kann die Wut und Enttäuschung des Schülers verstehen.

Laufen Mathevideos also dem einheitliche Lehrkonzept an den Schulen zuwider? Dort fehlen oft die Ressourcen, um auf jeden Schüler individuell einzugehen. Lehrer müssen versuchen, den Lehrplan umzusetzen und dabei möglichst alle einzubeziehen. Das versteht auch Daniel Jung. Dennoch findet er, dass niemand bestraft werden sollte, wenn er sich in seiner Freizeit intensiver mit einem Thema beschäftigt. „Es geht nicht darum, dass ich mit meinen Videos Live-Phasen ersetze“, sagt er. Vielmehr sollten sie additiv eingesetzt werden. Durch Youtube sei individuelleres Lernen möglich geworden, und jeder könne – unabhängig von Mitschülern – „in seinem eigenen Tempo Lücken schließen, und zwar mit dem Tutor seiner Wahl“.

Jung ist im deutschsprachigen Raum nicht der einzige Youtuber, der sich auf Mathevideos spezialisiert hat. Die zwei jungen Männer von „Simple Maths“ erklären die Themen ein wenig verspielter und setzen auf Effekte. „Dorfuchs“ schreibt eingängige Lieder zu bekannten Problemen wie der Polynomdivision. Daniel Jung sieht die anderen jedoch nicht als Konkurrenz. „Ich freue mich doch, wenn auch andere Bildung bereitstellen. Es gibt nicht mehr das Tollste oder Beste. Es gibt das Individuellste“, sagt er.

Und er träumt von einer noch individuelleren Form der Bildung. Auf Vorträgen an Universitäten und auf Bildungsgipfeln spricht er über die Zukunft des Bildungssektors. In sozialen Medien wie Instagram und Snapchat informiert er seine Follower täglich über Neuigkeiten der Branche und Entwicklungen von Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz. Aktuell arbeitet er zusammen mit dem Fraunhofer-Institut an dem Projekt „Roberta“, das Schülern die Robotik näherbringen soll. Auch eine eigene App ist für dieses Jahr in Planung. Wie mit seiner Website „Letsrockmathe“ will Jung mit ihrer Hilfe versuchen, Informationen über das Lernverhalten von Schülern zu sammeln. Auf der Internetseite können Schüler Fragen zu Mathe-Themen stellen, die ihnen dann von anderen Schülern beantwortet werden. „Es soll nicht der Ersatz von realen Menschen und Kontakten sein. Aber es soll uns die Möglichkeit geben, gemeinsam zu lernen und zu lehren“, sagt er. Interessant sei hier: Wann stellt ein Schüler eine Frage? Was will er wissen, und wie kann die Frage möglichst effektiv beantwortet werden?

„Es wird in fünf Jahren ein Spotify der Bildung geben“, sagt er. Etwas Ähnliches also wie jene Musik-App, mit der man Zugriff auf fast alle veröffentlichen Alben und Singles hat und sich eigene Listen mit Liedern erstellen kann. „Wir sind von Spotify fasziniert, weil es uns eine Playlist vorschlagen kann, die uns gefällt. So etwas brauchen auch wir für Lerninhalte.“ Jung sieht die Welt in einer Phase exponentiellen Wachstums, wie er es mathematisch passend ausdrückt. „Früher hatten wir alle paar Jahre einen großen Durchbruch. Jetzt passiert alles auf einmal. Um dem Herr zu werden, braucht man einen Grundstock an Wissen und die Fähigkeit, es zu kombinieren.“ Auch hier sei Mathematik wichtig. Ihm kann’s recht sein.

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