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Wohnen für Hilfe : Wer nicht zahlen kann, muss spülen

Bild: F.A.Z./ Tresckow

Wohnraum ist teuer. Innovative WGs sind für manche Studenten die Lösung: Sie helfen ihren Vermietern im Haushalt und zahlen dafür weniger Miete. Das Konzept gewinnt immer mehr Freunde.

          Wenn Sophie von Bethmann nach der Uni nach Hause kommt, ist nicht unbedingt Feierabend. Mal hilft sie der dreizehn Jahre alten Anna bei den Mathehausaufgaben, mal fährt sie den acht Jahre alten Jan zum Sport. Staubsaugen, das Abendessen zubereiten, mit Jan vor dem Einschlafen Hörspiele anhören - das alles gehört zu ihren Aufgaben. Im Gegenzug kostet ihr Zimmer nur 130 Euro im Monat. Denn die 19 Jahre alte Lehramtsstudentin nimmt an dem Freiburger Projekt „Wohnen für Hilfe“ teil. Für jede Stunde, die sie ihrer Vermieterin Britta Büttner, einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern, im Haushalt hilft, werden ihr 10 Euro von der Monatsmiete erlassen, die sonst bei 250 Euro liegen würde.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Was für Sophie von Bethmann und Familie Büttner seit etwas mehr als einem Jahr Alltag ist, gibt es in vielen Studentenstädten. „Wohnen für Hilfe“ bedeutet, dass Studenten zur Untermiete einziehen und Teile des Zimmerpreises nicht mit Geld bezahlen, sondern mit Hilfsstunden abarbeiten. Lange waren solche Wohnpartnerschaften vor allem zwischen Studenten und Senioren üblich: Ältere Menschen, die in ihren Wohnungen viel Platz haben und Hilfe beim Einkaufen oder Putzen brauchen, lassen sich vom Studentenwerk oder von karitativen Einrichtungen studentische Mitbewohner vermitteln. Mittlerweile gibt es aber einen neuen Trend: Die Vermieter werden immer jünger, längst sind es nicht mehr nur Senioren. „Alleinerziehende Mütter, Familien mit Kindern, Berufstätige, Menschen mit Behinderung - es gibt ganz viele Personen, die im Alltag Hilfe gut gebrauchen können“, sagt Nicole Krauße, die für das Studentenwerk Freiburg die Wohnpartnerschaften organisiert.

          Mit 26 im Altenheim

          Markus Hopp ist heilfroh über diese Entwicklung. Mit 26 Jahren landete der querschnittsgelähmte junge Mann, der dazu noch eine Lernbehinderung hat, zum ersten Mal in einem Altenheim - eine andere Wohnform, in der er genug Hilfe und Pflege bekommen konnte, fand sich nicht. „Das war ganz furchtbar“, berichtet er. „Ich war umgeben von Menschen, die völlig andere Interessen hatten.“ Eigentlich ist Markus Hopp lebensfroh und kontaktfreudig. Er sitzt gern in Kneipen und Cafés, hört Rockmusik und fährt Fahrrad mit einem Hand-Bike. Inzwischen kann er all das auch wieder nach Herzenslust tun - dank seiner studentischen Mitbewohner. Seit 2008 lebt er zusammen mit dem inzwischen 31 Jahre alten Kai Ziolkowski in einer integrativen Wohngemeinschaft. Vor kurzem ist als dritte Mitbewohnerin Ziolkowskis Freundin in die WG eingezogen. Die beiden Sozialarbeitsstudenten, die in diesem Semester ihre Abschlussarbeiten abgegeben haben, helfen Hopp beim Kochen und Einkaufen oder begleiten ihn zum Arzt. Hilfe bei der Körperpflege leistet ein externes Pflegeteam.

          Ziolkowski und seine Freundin bekommen für jede Hilfsstunde 10 Euro Mieterlass; vermittelt hat das Ganze die Freiburger Lebenshilfe. Zehn solcher integrativer WGs gibt es in Freiburg, berichtet Eva Armbruster, die das Projekt betreut. „Wir mieten geeignete Wohnungen an; die Menschen mit Behinderung und die Studenten sind gleichermaßen unsere Untermieter.“ Für die Behinderten zahlt in der Regel das Sozialamt. Auch dieses Wohnprojekt ist keine Freiburger Spezialität mehr. In Karlsruhe startet zum Beispiel im kommenden Semester ein ähnliches Programm, organisiert vom Paritätischen Sozialdienst.

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