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Wissensware aus dem Pressereferat : Der Professor als Verkäufer

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Professoren als Verlautbarer: häufig verkaufen sie nur noch Wissensware aus dem Pressereferat Bild: dpa

Viele Professoren wirken am Telefon seltsam zurückhaltend, wenn sie hören: Huch, da ist ja ein Journalist dran! Kein Wunder, denn die moderne Uni ist auch ein Ort der Repräsentation. Um nichts falsch zu machen, wird lieber Einheitsbrei serviert.

          Ein Studium aufzunehmen ist mittlerweile für fast jedermann möglich. Das Abitur vorweisen zu können ist dabei längst nicht mehr einzige Vorbedingung. Per E-Learning können sich praktisch alle Bevölkerungsschichten gratis oder gegen Gebühren in die Wissenswelt der Hochschulen einloggen und Spitzen- oder Durchschnittsvorlesungen genießen. Entgegen dieser weitgehenden, politisch erwünschten Öffnung der Hochschulen erfolgt der Umgang mit Pressevertretern in umgekehrter Richtung: Es herrscht eine auffallende Bescheiden-, wenn nicht Schüchtern- oder gar Verklemmtheit. Man möchte meinen: Im gleichen Maße, wie sich die Hochschulen ihrer immer bunter werdenden Klientel öffnen, haben sie zunehmend Angst, ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu verlieren, beziehungsweise Sorge, es zu wahren. So heißt es gegenüber Journalisten immer öfter: Sorry, dazu darf ich Ihnen nichts sagen. Oder: Bitte rufen Sie doch erst in der Presseabteilung an. Oder: Ich muss das vorher durch die Presseabteilung absegnen lassen.

          Während Studenten heute mit beachtlichen Selbstdarstellungskünsten an die Uni kommen, wirken viele Professoren am Telefon - so man sie überhaupt dranbekommt - seltsam zurückhaltend, wenn sie hören: Huch, da ist ja ein Journalist am anderen Ende der Leitung! Kein Wunder, denn die moderne Uni ist auch eine der Repräsentation. Das war sie zwar immer schon, denn universitas tritt auf als Gesamtheit. Aber heute tritt sie nicht mehr auf als Gesamtheit der Lehrenden und Lernenden, sondern vor allem als eintönige Stimme des Referats für Presse und Öffentlichkeitsarbeit. Dort - in den geschulten Händen von PR-Profis - verwandeln sich Forschungsergebnisse in medientaugliche Meldungen. Verwandeln sich komplizierte Professorenworte in knackige O-Töne. Werden konkrete Anfragen in schwammige Antworten verwandelt.

          Der Uni-Pressesprecher agiert wie der Sprecher einer Firma. Kein Wunder, die Hochschulen sind durchökonomisierte Betriebe. Und in ihrer Existenz zunehmend von Betrieben abhängig. Folglich klingen Seminarthemen, die der Hochschulverband seinen Professor-Mitgliedern anbietet, so: „Was verstehen die Angelsachsen unter einer gelungenen Präsentation?“, „Der erste Eindruck zählt: Auftritts- und Eröffnungstechniken“, „Wie stelle ich mich, meine Kollegen, mein Institut und/oder meine Universität selbstbewusst dar?“, „Besonderheiten der Körpersprache“, „Hat der Wissenschaftler Verschwiegenheitspflichten gegenüber Presse oder anderen Externen?“, „Wie tritt er gegenüber Kollegen auf?“.

          Vorbei - so scheint es - die Zeit, als Wissenschaft vor allem durch Inhalte punktete. Vorbei die Zeit, als Forschung auch oder vor allem Respekt und Demut (vor dem Forschungsgegenstand und vor dem Wissen und Können anderer) bedeutete. Der zeitgemäße Professor hat sich die gleichen Präsentationstechniken anzueignen, die der Pharmareferent oder der Sportartikelverkäufer in einer Schulung vermittelt bekommt. Der Professor ist der Verkäufer seiner Wissensware. Zugleich kontrolliert das Pressereferat, ob der professorale Verkäufer seine Ware auch angemessen bewirbt, sprich: ob er oder sie das „Richtige“ gegenüber der Öffentlichkeit, den Medien sagt.

          Warum wird intelligenten Menschen ein Maulkorb verhängt, beziehungsweise warum lassen intelligente Menschen, die sich der Forschungsfreiheit verschrieben haben, sich einen solchen verpassen? Glauben sie am Ende selbst, dass PR-Leute schlauer und wichtiger sind? Gänzlich ärgerlich, nein: inakzeptabel wird es, wenn Pressestellen auch noch Studentenworte kontrollieren wollen. Studenten sind keine Angestellten der Uni. Sie sollten gegenüber Journalisten sagen dürfen, was sie sehen, hören und für richtig halten. Sie sollten eine freie, eigene Meinung haben, selbst dann, wenn das für die Uni unvorteilhaft ist. Das Zertifikat über eine erfolgreich absolvierte PR-Schulung, so steht zu befürchten, wird bald zur wichtigsten Voraussetzung für Hochschulzugang und Berufung.

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