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Wissenschaft macht Karriere(n) : Hochstimmung im Jahr der Mathematik

  • -Aktualisiert am

Mathematiker können sich allerhand Chancen ausrechnen Bild: fotolia.com

Die Wirtschaft schätzt die strenge Schule: Abstraktionsvermögen und analytisches Denken sind quer durch alle Branchen gefragt. Von IT über Financial Risks bis zum Consulting - für Mathematiker tun sich ganz neue Berufsfelder auf.

          Die lange als Hilfswissenschaft belächelte Disziplin wird von der Wirtschaft zunehmend als strenge Schule geschätzt. Von IT über Financial Risks bis zum Consulting - Abstraktionsvermögen und analytisches Denken sind quer durch alle Branchen gefragt. Für Mathematiker tun sich ganz neue Berufsfelder auf (Recherchetipps unten am Text im Kasten).

          Früher gingen Mathematiker zur Versicherung, sie wurden Lehrer oder sie blieben gleich in der Forschung. Das hat sich grundlegend geändert, sagt Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik an der Technischen Universität in Berlin und Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV). Tsunamis, Wettervorhersagen, Börsencrashs oder U-Bahn-Fahrpläne - überall ist Mathe drin. Kein Space-shuttle ohne die Theorie der Optimalen Steuerung und auch kein Industrieroboter in den Werkshallen der Automobilhersteller. Der Klimawandel lässt sich nicht über den Daumen peilen, und auch in der Medizin werden Forschungsprojekte anhand von Modellen ganz unblutig berechnet. Die Mathematik ist damit in der Wirklichkeit angekommen, stellt der Berliner Professor fest. Und auch die deutsche Industrie hat endlich verstanden, dass mathematisches Know-how ein Wettbewerbsvorteil ist.

          Das Jahr der Mathematik kommt dem vor zwei Jahren ins Amt gekommenen DMV-Präsidenten gerade recht. Mit Schwung ist der 44-Jährige dabei, sein Fach von dem verstaubten Image zu befreien. Das Bild vom Mathematiker ist irgendwo in den Siebzigern stecken geblieben. Gehört die Vorstellung vom weltfremden Theoretiker, der im stillen Kämmerlein über abstrakten Modellen brütet, also in die Mottenkiste? Klar gibt es solche Leute, so Ziegler. Aber den introvertierten Mathematiker, der sich hinter seiner dicken Brille versteckt, den will die Wirtschaft nicht. Berufseinsteiger müssen auch gut auftreten und formulieren können. Seine Studenten - durch die Bank Hardcore-Theoretiker - finden meist noch vor ihrem Abschluss einen guten Job in der freien Wirtschaft, nicht wenige sind bei namhaften Unternehmensberatungen gelandet. In der Mathematik werden nicht nur Sachverhalte vermittelt, sondern eine spezielle Art zu denken, erklärt Ziegler das neu erwachte Interesse an den gut geschulten Zahlentüftlern. Die Fähigkeit, hochkomplexe Probleme strukturiert und formal zu durchdenken, wird heute überall gebraucht.

          Einsatzfelder vervielfacht

          Die Einsatzfelder sind überaus breit gestreut und haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten vervielfacht. Mathematiker erobern sich neue Branchen. In den Wachstumsmärkten Telekommunikation und Logistik sind sie ebenso zu finden wie in der Marktforschung und in der Raumfahrt, in großen Ingenieurbüros und mit zunehmender Tendenz auch im Consulting. Sie werden entweder aufgrund ihres spezifischen Wissens eingestellt, zum Beispiel in Finanzmathematik, Statistik oder Optimierung. Oder sie sind als Generalisten gefragt, die jedes beliebige Problem innerhalb kürzester Zeit beliebig tief durchdringen können. Der Arbeitsmarkt sieht günstig aus, bestätigt Arbeitsmarktexpertin Beate Raabe von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung. Die Einsatzfelder sind überaus breit gestreut und haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten vervielfacht. Nur 663 Mathematiker waren im Jahr 2006 arbeitslos gemeldet, ein Drittel weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: 47.000 erwerbstätige Mathematiker und Physiker waren beim Statistischen Bundesamt zuletzt gemeldet - mangels Masse landen bei den Bundesstatistikern beide Disziplinen in einem Topf. Besonders gefragt sind Mathematiker nach wie vor an Hochschulen und bei Versicherungen, dicht gefolgt von Zeitarbeitsfirmen, Finanzinstituten und Unternehmensberatungen. In der Energiewirtschaft steigen Mathematiker als Risikomanager ein, als Systemadministratoren im IT-Bereich oder als Experten für Optimierungsprobleme in Industrieunternehmen.

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