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Wirtschaft und Kultur : Abschied von Schema F

  • -Aktualisiert am

Gezwungen, sich auf Unbekanntes einzulassen Bild: picture-alliance/ dpa

Gutes Management ist eine Kunst. Was also liegt für angehende Führungskräfte näher, als von Künstlern zu lernen? Betriebswirte und Juristen auf der Suche nach dem Wettbewerbsvorteil: Ein Stipendium hilft dabei.

          Für die Betriebswirtin Miriam Rödter war es schlichtweg "das Beste an meinem ganzen Studium". Dem Juristen Volker Kuhn ist der Ballettworkshop nachhaltig in Erinnerung geblieben, und Oliver Spalt, ebenfalls Betriebswirt, fand die ganze Veranstaltung einfach "super". Was die drei eint: Sie sind Absolventen des sogenannten Bronnbacher Stipendiums, das angehende Führungskräfte in ihrer persönlichen Entwicklung fördern soll.

          Sie und ihre Vorgänger stehen zwar noch am Anfang ihrer Karriere. Doch mit dem, was sie im Kloster Bronnbach im idyllischen Taubertal, in der wilden Berliner Theaterszene, auf der Documenta in Kassel, im Gespräch mit Künstlern in Sofia, im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie und in Pina Bauschs Tanztheater gelernt haben, verfügen sie über einen Wettbewerbsvorteil auf ihrem Karriereweg, sagt Jürgen Zech vom Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie und einst Chef des Versicherungskonzerns Gerling. Er hat das Stipendium vor fünf Jahren mit ins Leben gerufen.

          Kreativität für BWLer

          Zwischen 12 und 18 "Bronnbacher" arbeiten zwei Semester lang studienbegleitend an sieben Wochenenden und sieben Abendveranstaltungen mit Künstlern und Kunstwissenschaftlern. Sie sollen dabei lernen, kreativ mit Fragestellungen umzugehen, sie nicht nur nach Schema F zu lösen, wie sie es an der Uni beigebracht bekommen. "Betriebswirten wird an der Uni ein eher sicherheitsorientiertes Wertesystem vermittelt", sagt die ehemalige BWL-Studentin Rödter. Imponiert haben ihr im Stipendium Künstler, die auch wirtschaftlich alles auf eine Karte setzen, um Träume zu verwirklichen.

          Die Stipendiaten bekommen Einblicke in die zeitgenössische Kunst der Gattungen Literatur, Theater, Film, Musik, Photographie, Bildende Kunst und Architektur. Das zwingt sie dazu, sich auf Unbekanntes einzulassen, Themen immer wieder von einem anderen Standpunkt aus zu sehen. Anders als an der Universität hören sie nicht überwiegend Vorträge. Da heißt es dann auch schon mal, nach Einführungen eines Theaterregisseurs selbst auf der Bühne zu stehen, einen Film vom Konzept bis zum Schnitt zu erstellen oder - vermutlich mit die größte Herausforderung - das Thema Ballett praktisch umzusetzen. "Im Tanzworkshop habe ich gelernt, vor einer Gruppe etwas zu machen, früher wäre ich mir bei so etwas blöd vorgekommen", erzählt Absolvent Kuhn.

          Zu Kunst und Kultur gehört auch Können

          "Wir wollen die Stipendiaten in das für sie neue kulturelle Leben hineinstoßen, und dann sollen sie möglichst viel selbst machen", sagt Initiator Zech. In solche Situationen werden sie in ihrem späteren Berufsleben noch häufiger kommen. Kulturelle Kompetenz wird gleich in zweierlei Hinsicht vermittelt. Da ist die Konfrontation mit der Welt der Kulturschaffenden, die oft eine ganz andere ist als die der BWL- oder Jura-Vorlesungen. Und zu Kunst und Kultur gehört schließlich auch handwerkliches Können, der Zugang zu neuen Methoden und Herangehensweisen.

          Die Auswahl der Bronnbacher Stipendiaten ist anspruchsvoll. Gesucht werden Kandidaten, die das Zeug zur Führungskraft haben. Alle Bewerber müssen ihr Hauptstudium oder den Master-Studiengang aufgenommen haben. Sie zeichnen sich nicht nur durch sehr gute Leistungen in fachlicher und persönlicher Hinsicht aus, sondern lassen auch den Willen erkennen, gesellschaftliche Verantwortung als zukünftige Führungskraft zu übernehmen, heißt es im Bewerbungsprospekt. Wichtig ist außerdem eine offene Persönlichkeit, die bereit ist, sich auf künstlerische Prozesse einzulassen. Doch weder künstlerisches Talent noch einschlägige Vorbildung sind ein Auswahlkriterium.

          Über Mannheim und Bochum hinaus?

          Heute ist das Stipendium auf die Universitäten Mannheim, deren Tagungsstätte in Bronnbach Namensgeber ist, und Bochum beschränkt. Doch Zech, selbst ein großer Anhänger von Kunst und Kultur, plant eine Expansion. Mit den Universitäten in Mainz und München ist er bereits im Gespräch. In Sachen Finanzierung setzt er auf Sponsoren. In Mannheim ist es Südzucker, in Bochum RWE, Gea und Metro. Vielleicht haben in Zukunft auch Personalabteilungen Interesse an Kontakten zu dem Führungskräftereservoir. "Wir wollen aber keine Recruiting-Veranstaltung", zieht Zech eine Grenze.

          Ein durchaus gewollter Nebenaspekt: Die Führungskräfte von morgen sollen motiviert werden, wenn sie bestimmte Positionen erreicht haben, Kunst und Kultur künftig zu fördern. Einige sind auf gutem Weg nach oben. Sie sind Trainees bei Google, Coca- Cola und Lufthansa. Vier haben es zu Beratern bei McKinsey und Boston Consulting gebracht, einer ist schon Vorstandsassistent, andere promovieren an der Universität. Geld gibt es für die "Bronnbacher" während des Stipendiums keines - da teilen sie das finanzielle Schicksal vieler Künstler.

          Details zum Bronnbacher Stipendium im Internet: Kulturelle Kompetenz für künftige Führungskräfte

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