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Weckruf : Studenten, was geht?

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Wohin des Wegs, Studenten? Fast alle wollt ihr in den öffentlichen Dienst. Seid doch weniger konform! Bild: Wresch, Jonas

Schon Sokrates fand die Jugend grauenvoll - und hier auch wir. Denn laut einer Umfrage wollen viele Uni-Absolventen am liebsten im öffentlichen Dienst arbeiten. Dabei hätten sie mehr Selbständigkeit nötig. Sieben Weckrufe.

          Sie leisten keinen Widerstand

          Die Studenten wachsen in eine Gesellschaft hinein, die viel auf Kontakte gibt. Man ist „befriended“ und „liked“ einander, zählt „Follower“ und versucht, gut vernetzt zu sein. Erreichbarkeit ist ein besonderer Wert. Begleitet wird diese Netzwerkpflege von der allseitigen Erwartung, man möge „soziale Kompetenz“ beweisen, teamfähig sein. Oft formulieren solche Wörter nur ganz normale Verhaltensstandards. Aber womöglich zeigt ihre Dichte auch an, was dabei verlorengeht: der Reiz, „nein“ zu sagen und Negation zu ertragen. Im Unterricht fällt die Abwesenheit des studentischen Typus auf, der schon mit einem auf Widerspruch zum Dozenten abzielenden Text ins Seminar kommt.

          Was um 1968 herum oft genervt haben muss, der reflexhafte, etwa mit Sprüchen aus Marx-Bänden oder Adorno-Taschenbüchern dekorierte Dauerwiderspruch, erscheint rückläufig. Niemand bereitet sich mehr auf die Dozenten vor, um sie zu widerlegen. Was es gibt, sind spontane Einwände und moralischer Protest gegen politische Inkorrektheiten (genderpolitische, kolonialismusvergessene, ungleicheitsblinde). Moral aber ist mehr Manifestation als Argument, sie zielt nicht auf Diskussionserfolge, sondern auf Zugehörigkeitserklärungen. Die Atmosphäre ist unter denen, die sich zugehörig fühlen, entsprechend freundlich. Aber irgendwie fehlt angelesener Dissens.

          Jürgen Kaube

          Hoch gestapelt mit dem Lebenslauf

          Es gibt nur zwei Bauwerke auf der Erde, die vom Weltall aus zu erkennen sind: die Chinesische Mauer und der Turm aus Bewerbungsmappen, die sich kein Mensch durchgelesen hat. Dieser Turm wächst in der Antarktis in den Himmel, da, wo niemand außer ein paar Astronauten ihn sehen kann. Täglich liefern Drohnen neue Bewerbungsmappen dorthin. Der Grund dafür ist, dass normale Menschen es nicht mehr aushalten, diese Mappen in ihrer Nähe zu wissen, ähnlich wie beim Atommüll. Aus den Mappen strahlt der Geist der jungen Akademikergeneration. O Gott, aua: der Lebenslauf. Eigentlich ist es eher ein Lebensmarsch, im Stechschritt über drei bis vier Seiten.

          Euer Lebensmarsch ist kein stabiles Fundament, Studenten!

          Der Jungakademiker von heute ist angeblich unermesslich interessiert beziehungsweise INTERESSIERT, man kann es gar nicht groß genug schreiben, an schlichtweg allem und hat deswegen siebzehn Praktika gemacht oder vielmehr absolviert (lat. für „vollendet“). Er kann viele Dinge, das hat er mit einer Küchenmaschine gemein. Außerdem hat er in Peru unter Aufsicht des Goethe-Instituts elternlosen Alpakas Zöpfchen geflochten. Dies beweist, dass er ein gutes Herz oder so etwas Ähnliches besitzt. Doch ist es ein Roboter, der einem da schreibt? Das alles stand doch schon im Lebenslauf davor und im Lebenslauf davor und im Lebenslauf davor.

          Es ist, als ob es tausend Mappen gäbe, und hinter tausend Mappen keine Welt. Der Leser stürzt vom Stuhl und kann mit letzter Kraft die Drohne rufen, die die Mappe abtransportiert. Er fleht, dass sich ein Mensch bewerben möge, der nicht bloß funktionieren will und brüllt, aber in einer Frequenz, die nur normale Menschen und Fledermäuse hören. Dann ergießen sich die nächsten siebzig Lebensläufe auf den Tisch. Die Jungakademiker schweigen stumm und nähen Hilferufe in ihre Bionaden ein. Der Turm in der Antarktis schwankt leicht im Wind.

          Friederike Haupt

          Schauerliche Lustigkeit

          Vergangene Woche ging im Internet ein unheimlich lustiges Video von der Grünen Jugend herum. Zwei junge Europaabgeordnete berichten auf Youtube von ihrem aufregenden Leben im Parlament. Sie sind, wenn man so will, gerade im öffentlichen Dienst angekommen. Die deutsche Abgeordnete Terry Reintke, ein politisches Talent des Jahrgangs 1987, springt wild winkend ins Bild hinein. Dann ertönt folgendes Gespräch: „Juhu!“ „Hey Terry, was machst du denn hier?“ „Ich bin doch jetzt auch neugewählte Abgeordnete.“ „Was? Geil!“ „Jaa.“ „Sauber.“ „Herzlich willkommen. Sag mal, wie war denn so deine erste Woche hier?“ „Total aufregend . . . Ich glaube, da werden ganz viele spannende Debatten in den nächsten Jahren auf uns zukommen.“

          Geht mal an die frische Luft, Studenten!

          Eine so erfrischende, rundum gelungene Generation wie unsere - Terrys und meine - hat Gott (dieser ernste, alte Mann) noch nie auf seiner Erde zu Gesicht bekommen. Wir sind weltoffen, friedlich, tolerant, vielsprachig, mit vielen akademischen Titeln dekoriert, erfolgreich und piepsfrech, idealistisch, Salz, grüne Soße und Paprikapulver für die große weite Welt, total aufregend. Die Welt ihrerseits beglückt uns dafür mit Biokohlrabi und dem Lonely Planet. Und wir stehen ihr treu zur Seite. Der öffentliche Dienst ist die ideale Basis, um den Erlebniszoo, als den wir die Welt erkannt haben, bewahren zu können. Hege, Pflege und Unkrautbekämpfung geschiehen mit den Mitteln des aufgeklärten Geistes: labern, twittern, viele Freunde sammeln.

          Ein Übermaß an Schleim hat sich auch in jungen Hirnen festgesetzt, was zu einem Mangel an Realitätssinn führen kann. Das sieht man zunächst nicht, es ist aber eine ernste Krankheit. Sie äußert sich in floskelhafter Rede, langweiliger Strebsamkeit, magnethafter Suche nach dem Gleichen und führt ziemlich sicher vom Jungsein in die gute alte Spießigkeit und den Zynismus. Das alles ist nicht neu. Heinrich Heine schrieb über die deutsche Jugend des 16. Jahrhunderts, sie (gemeint war hier der junge Luther) habe etwas „schauerlich Naives“, etwas „tölpelhaft Kluges“, etwas „erhaben Borniertes“. Den Deutschen, so meint er, sei irgendwann der Blick für das „ewig Lächerliche der Menschheit“ abhandengekommen, an seine Stelle traten „abstrakte Leidenschaft“ und „stolze Unabhängigkeit“. Max Goldt ruft aus dem Hier und Jetzt: „Nichts wird so bestraft wie die Verweigerung des Geschwätzes.“ Sollte einem womöglich sogar davor grauen, wenn meine Generation mal wirklich was zu sagen hat?

          Jan Grossarth

          Grottenolme am Badesee

          Nach Bologna nimmt die akademische Jugend die Farbe der Grottenolme an. Bleich hocken die Studierenden in müffelnden WG-Zimmern und noch nachts in überfüllten Bibliotheken. Dort büffeln sie sich die Bachelor-Punkte zusammen. Sonnenlicht sehen sie, wenn sie zur Vorlesung hetzen, Bewegung verschaffen sie sich beim Aufzeigen im Seminar, wenn der akademische Pauker etwas fragt. Zwischendrin fünf Minuten Quality Time für die Mensa-Nudeln und abends „Work-Life-Balance“ im Analog-Chat mit den WG-Leuten, deren Namen sie ab dem dritten Semester auswendig konnten: „Hi, alles gut? Ja, bei mir auch.“ In den Semesterferien: Praktika, Praktika, Praktika.

          Benutzt die Dinger nicht nur, erfindet auch mal eins, Studenten!

          Und das Schlimmste: In Wirklichkeit ist alles noch viel schlimmer. Sie sind Grottenolme, aber sie dürfen nicht aussehen wie Grottenolme. Denn wem man anmerkt, dass er sich blass paukt, der ist ein „Nerd“, ein eindimensionaler Irrer, ein „Lauch“, verunstaltet vom Streben und Schleimen, ein „MoF“, ein Mensch ohne Freunde. Der Bologna-Student hat also doppelt Stress. Er schuftet, und er muss zu den Partys und an den Baggersee. Damit er - „Entspann dich!“ - performed wie nach drei Wochen hartem Chillen in Florenz.

          Axel Wermelskirchen

          Sie sagen immer nur „genau“

          Genau“, sagen Bewerber gern, die sich für ein Praktikum in unserer Redaktion vorstellen. Gerade hat man sie gefragt, warum sie denn Filmwissenschaft studieren, oder man hat sie gebeten, den Fall Snowden zusammenzufassen, und die Antwort fällt lang, aber unbefriedigend aus. Wenn ihnen dann nichts mehr einfällt, machen diese Bewerber eine kurze Schwadronierpause, als wollten sie ihren eigenen dünnen Gedanken noch ein wenig Substanz ablauschen. Und schließen dann mit einem gedehnten „Genau“.

          Es handelt sich um einen paradoxen Sprechakt: Als wollten diese jungen Menschen ihre Unkenntnis mit einem Zauberwort bannen, das aus Blech Gold macht. Was zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung gelingt. Sie wirken dann ganz zufrieden mit sich selbst, wenn sie erst einmal „genau“ gesagt haben. Das Leiden an Wissenslücken und Fehlern, das der erste Schritt zur Besserung sein könnte, bleibt ihnen fremd. Deshalb hüte man sich vor den „Genau“-Sagern. Jahrelange Erfahrung zeigt, dass sie es mit gar nichts genau nehmen. Nicht mit der Rechtschreibung, nicht mit der Zeichensetzung und nicht mit den Fakten. Das G-Wort ist ein Kontraindikator. Ein ziemlich genauer sogar.

          Matthias Alexander

          Ein Gegner könnte sie vom Schwafeln erlösen

          Das Schreckliche an eurer Generation ist, dass ihr immer einen Gegner braucht“, schleuderte mir mein studierendes Patenkind jüngst entgegen. Da hat er mich empfindlich getroffen, einfach weil er recht hat. So haben wir das gelernt, seit wir damals in Tübingen im Wintersemester 1972 mit dem Studieren angefangen haben: Die Gegner der Trotzkisten waren die Maoisten. Die Gegner der Maoisten waren die Marxisten-Leninisten. Deren Gegner waren die Spartakisten. Und Gegner aller Gegner waren die Jungsozialisten und (igittigitt) die Christdemokraten vom RCDS. Alle mussten sich ständig mit Argumenten bewaffnen; unablässig musste nachgeladen werden. Wir haben gar nicht gemerkt, wie lächerlich wir ausgesehen haben mussten, wenn wir uns gerade wieder fühlten wie Lenin am Vorabend der großen Revolution.

          Soweit die Selbstbeschimpfung. Jetzt die Kinderbeschimpfung. Der Spieß lässt sich umdrehen: Selig, wer einen Gegner hat. Denn nur der weiß, dass Leben heißt, ein Risiko einzugehen und etwas zu wagen. Dazu zählt auch das Risiko, falsch zu liegen. Die Heutigen verbergen unter ihrem Toleranzgesäusel die Unfähigkeit, eine Haltung einzunehmen. Statt „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, wattieren sie sich im unentschieden-beliebigen „Einerseits-Andererseits“, nennen es Pragmatismus, wenn sie sich nicht trauen, einen Standpunkt zu suchen und zu finden. Das schöne deutsche Wort „Weltanschauung“ sollte von seinem Dogmatismusverdacht gesäubert und wieder zu Ehren kommen. Wer keine Weltanschauung hat, will nicht erwachsen werden. Da könnte des Pudels Kern stecken: Die Heutigen sind eine Generation, deren Eltern ihnen weder Angriffspunkt noch Widerstandsfläche geboten haben, weil sie ihnen nicht auch Gegner, sondern stets Freunde sein wollten, um ja von ihnen geliebt zu werden.

          Rainer Hank

          Viele Konsumenten, wenige Erfinder

          Die Welt wird immer technischer. Unter dem Stichwort Internet der Dinge wird fast das gesamte Leben vernetzt. Das wird von der Jugend begeistert aufgegriffen. Wie die Musik verbindet die Technik Menschen über alle Status- und Bildungs-, Herkunfts- oder soziale Grenzen hinweg. In der Bedienung des Smartphones oder des Tablets gibt es keine Unterschiede. Man steht für jedes neue Modell stundenlang an. Aber was unter der Handyoberfläche passiert, interessiert wenige. Die Jugend nutzt die Technik - sie hat aber wenig Ehrgeiz, die Technik weiterzuentwickeln. Die technische Experimentierfreude scheint ihr abhandengekommen zu sein. Zum einen sind sie da wahrscheinlich nur Spiegelbild ihrer Eltern.

          Solange Erwachsene auf Partys sympathieheischend noch immer damit kokettieren, einst in Mathematik eine Niete gewesen zu sein und bei der Behandlung physikalischer Grundkenntnisse wohl gefehlt zu haben, ist es schwer, den Nachwuchs für Technik zu begeistern. Andererseits sind auch die objektiven Hürden hoch. Selbst von denen, die sich für ein ingenieurwissenschaftliches Studium entscheiden, geben 40 Prozent schon in den ersten Jahren an der Universität wieder auf. Ihnen fehlt das notwendige Basiswissen in den Fächern Mathematik und Physik. Offenbar versäumen Elternhaus, Schule und Wirtschaft, statt begeisterter Handynutzer auch begeisterte Handyerfinder auszubilden.

          Georg Giersberg

          „Grottenolme am Badesee ohne Weltanschauung und Widerstand“: Unsere Autoren sorgen sich in ihren Weckrufen um die aktuelle Studentengeneration. Wir haben die Adressaten aufgefordert, zu antworten. Die Resonanz war riesig. Häufiger Tenor: Wir müssen eine Suppe auslöffeln, die ihr uns eingebrockt habt! Andere wiederum hadern ebenfalls mit der eigenen Generation. Doch lesen Sie selbst: Hier eine Auswahl der Antworten aus dem Netz (teilweise gekürzt), die uns via Facebook, Twitter und per Mail erreichten.

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