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Weckruf : Studenten, was geht?

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Matthias Alexander

Ein Gegner könnte sie vom Schwafeln erlösen

Das Schreckliche an eurer Generation ist, dass ihr immer einen Gegner braucht“, schleuderte mir mein studierendes Patenkind jüngst entgegen. Da hat er mich empfindlich getroffen, einfach weil er recht hat. So haben wir das gelernt, seit wir damals in Tübingen im Wintersemester 1972 mit dem Studieren angefangen haben: Die Gegner der Trotzkisten waren die Maoisten. Die Gegner der Maoisten waren die Marxisten-Leninisten. Deren Gegner waren die Spartakisten. Und Gegner aller Gegner waren die Jungsozialisten und (igittigitt) die Christdemokraten vom RCDS. Alle mussten sich ständig mit Argumenten bewaffnen; unablässig musste nachgeladen werden. Wir haben gar nicht gemerkt, wie lächerlich wir ausgesehen haben mussten, wenn wir uns gerade wieder fühlten wie Lenin am Vorabend der großen Revolution.

Soweit die Selbstbeschimpfung. Jetzt die Kinderbeschimpfung. Der Spieß lässt sich umdrehen: Selig, wer einen Gegner hat. Denn nur der weiß, dass Leben heißt, ein Risiko einzugehen und etwas zu wagen. Dazu zählt auch das Risiko, falsch zu liegen. Die Heutigen verbergen unter ihrem Toleranzgesäusel die Unfähigkeit, eine Haltung einzunehmen. Statt „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, wattieren sie sich im unentschieden-beliebigen „Einerseits-Andererseits“, nennen es Pragmatismus, wenn sie sich nicht trauen, einen Standpunkt zu suchen und zu finden. Das schöne deutsche Wort „Weltanschauung“ sollte von seinem Dogmatismusverdacht gesäubert und wieder zu Ehren kommen. Wer keine Weltanschauung hat, will nicht erwachsen werden. Da könnte des Pudels Kern stecken: Die Heutigen sind eine Generation, deren Eltern ihnen weder Angriffspunkt noch Widerstandsfläche geboten haben, weil sie ihnen nicht auch Gegner, sondern stets Freunde sein wollten, um ja von ihnen geliebt zu werden.

Rainer Hank

Viele Konsumenten, wenige Erfinder

Die Welt wird immer technischer. Unter dem Stichwort Internet der Dinge wird fast das gesamte Leben vernetzt. Das wird von der Jugend begeistert aufgegriffen. Wie die Musik verbindet die Technik Menschen über alle Status- und Bildungs-, Herkunfts- oder soziale Grenzen hinweg. In der Bedienung des Smartphones oder des Tablets gibt es keine Unterschiede. Man steht für jedes neue Modell stundenlang an. Aber was unter der Handyoberfläche passiert, interessiert wenige. Die Jugend nutzt die Technik - sie hat aber wenig Ehrgeiz, die Technik weiterzuentwickeln. Die technische Experimentierfreude scheint ihr abhandengekommen zu sein. Zum einen sind sie da wahrscheinlich nur Spiegelbild ihrer Eltern.

Solange Erwachsene auf Partys sympathieheischend noch immer damit kokettieren, einst in Mathematik eine Niete gewesen zu sein und bei der Behandlung physikalischer Grundkenntnisse wohl gefehlt zu haben, ist es schwer, den Nachwuchs für Technik zu begeistern. Andererseits sind auch die objektiven Hürden hoch. Selbst von denen, die sich für ein ingenieurwissenschaftliches Studium entscheiden, geben 40 Prozent schon in den ersten Jahren an der Universität wieder auf. Ihnen fehlt das notwendige Basiswissen in den Fächern Mathematik und Physik. Offenbar versäumen Elternhaus, Schule und Wirtschaft, statt begeisterter Handynutzer auch begeisterte Handyerfinder auszubilden.

Georg Giersberg

„Grottenolme am Badesee ohne Weltanschauung und Widerstand“: Unsere Autoren sorgen sich in ihren Weckrufen um die aktuelle Studentengeneration. Wir haben die Adressaten aufgefordert, zu antworten. Die Resonanz war riesig. Häufiger Tenor: Wir müssen eine Suppe auslöffeln, die ihr uns eingebrockt habt! Andere wiederum hadern ebenfalls mit der eigenen Generation. Doch lesen Sie selbst: Hier eine Auswahl der Antworten aus dem Netz (teilweise gekürzt), die uns via Facebook, Twitter und per Mail erreichten.

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