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Interview : „Digitalisierung macht Bibliotheken voller“

Birgitta Wolff ist Präsidentin der Goethe-Universität in Frankfurt. Bild: Wonge Bergmann

Die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität und der Chef der Software AG sprechen über Hörsaal-Kameras, Klausuren am Computer und die Frage, ob Roboter bald Dozenten ersetzen.

          Frau Wolff, Herr Streibich, Sie haben zusammen einen neuen Master ins Leben gerufen. Was für einen?

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wolff: Den Master of Digital Transformation Management. Also eine Art Digitalisierungs-MBA.

          Wozu braucht man so was?

          Streibich: Wir brauchen Führungskräfte, die ein fundiertes Verständnis der Herausforderungen und Chancen von Unternehmen in der digitalen Welt mitbringen. Früher war Information ein Hierarchieprivileg. Heute ist es möglich, Wissen mit Suchmaschinen ständig zu erweitern – davon machen auch Mitarbeiter Gebrauch. Daraus ergeben sich neue Fragestellungen für das Management: Wie führe ich in einer Welt, in der Informationen jederzeit und innerhalb von Sekunden verfügbar sind? Wie führe ich offen und authentisch? Wie funktioniert Disruption? Welche Veränderungen bringt Künstliche Intelligenz mit sich?

          Müssen die Manager von morgen jetzt programmieren lernen?

          Wolff: Eher nicht. Es geht nicht bei der Lochkarte los. Es geht darum, das Wissen, das Handwerkszeug, aber auch die Erfahrung von Praktikern zu vermitteln, die man braucht, um die Chancen und Risiken der Digitalisierung in Führungsfunktionen gut einschätzen zu können.

          Streibich: Knowhow über Digitalisierung zu vermitteln, ist kein zentraler Fokus von Programmierung. Viel wichtiger ist, in der digitalen Welt zu bestehen – in all ihren Dimensionen.

          Wie genau muss ein Manager verstehen, wie Künstliche Intelligenz funktioniert, damit er sie beherrschen kann?

          Wolff: Dafür müssen Sie kein Programmierer sein. Dafür müssen Sie lediglich das 0-1-Prinzip von Programmierung verstanden haben. Die Digitalisierung verführt zu diesem Irrglauben, man habe eine Allmacht über die Welt der Informationen, man habe unbegrenzte Möglichkeiten. Möglicherweise stimmt das sogar. Und genau dafür braucht es Urteilsfähigkeit und kritisches Reflexionsvermögen.

          Was lernt man in dem Studiengang?

          Streibich: Eine Fülle von Kompetenzen, die es für die Führung in der digitalen Welt braucht: Wie richte ich eine Unternehmensstrategie digital aus? Welche Implikationen bringen „digital twins“ mit sich, sowohl für die Administration als auch für die Produktion, und wie kann ein Unternehmen sich hierauf vorbereiten? Woher kommen zukünftige Disruptoren, und wie kann ein Unternehmen auf diese neuen digitalen Wettbewerber reagieren? Was bedeutet es für das zukünftige Geschäftsmodell, dass die digitale Welt datenzentrisch ist? Diese und weitere Fragestellungen sind essentiell für Führungspersönlichkeiten im digitalen Zeitalter.

          Karl-Heinz Streibich ist CEO der Software AG

          Und einer der ersten 35 Absolventen wird dann an der Goethe-Uni Chief Information Officer oder so etwas?

          Wolff: Liebend gerne. Wir diskutieren gerade darüber, wie wir die Digitalisierung der Universität weiter vorantreiben.

          Streibich: Da kann ich helfen.

          Wolff: Wir werden ein Board mit internen und externen Experten brauchen. Einen CIO von außen einzukaufen, das können Sie als Uni weitgehend vergessen, den können und dürfen Sie gar nicht bezahlen.

          Ein Chief Information Officer ist ja fast schon für Mittelständler Standard. Und für 50.000 Studierende soll es nichts Vergleichbares geben?

          Wolff: Da stoßen Sie schnell an die Grenzen öffentlicher Besoldungsmöglichkeiten. Wir haben innerhalb des Präsidialbereichs eine Referentin für Informations- und Infrastrukturmanagement, die ihre früheren Erfahrungen aus dem Hochschulrechenzentrum einbringt und tolle Arbeit macht. Und einen für das Thema zuständigen Vizepräsidenten.

          Das soll reichen?

          Wolff: Es kommt doch nicht nur auf Einzelpersonen an, sondern auf die Verankerung des Themas in möglichst vielen Köpfen und im Handeln einer Organisation. Das muss man vor allem vorleben.

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