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VWL : Angriff auf den Ökonomen-Mainstream

Alles klar? Kritiker der neoklassischen wirtschaftswissenschaftlichen Lehre monieren deren Mathematik-Manie und Formelgläubigkeit. Bild: ddp Images

Realitätsferne Modelle, zu viel Mathe und eine abgehobene Sprache: VWL-Studenten rufen zur Revolution. Im Streit um Inhalte und Ziele wird manchem Professor ganz anders.

          Es kommt nicht alle Tage vor, dass drei Studenten ein Buch schreiben, für das sie größtes Lob von Professoren aus aller Welt erhalten und der Chefvolkswirt der britischen Zentralbank höchstselbst ein Vorwort verfasst. Dieses Kunststück ist Joe Earle, Cahal Moran und Zach Ward-Perkins gelungen mit ihrem Buch „Econocracy“, das in dieser Woche in London vorgestellt wurde. Die drei Studenten sind Gründungsmitglieder der Post-Crash Economics Society an der Universität Manchester. Ihre Gruppe arbeitet mit einem weltweiten Netzwerk zusammen, das für einen grundlegenden Wandel, ja eine Revolution der Wirtschaftswissenschaft kämpft. „Econocracy“ handelt „von den Gefahren, die Ökonomik den Experten zu überlassen“, so der Untertitel. Es sei höchste Zeit, die Ökonomie zu entmystifizieren und zu demokratisieren. Die Volkswirtschaftslehre habe eine verengte, einseitige Sicht auf die Welt. Und fragwürdige Ökonomie-Experten hätten zu viel gesellschaftlich-politische Macht, prangern die drei Autoren an.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Tatsächlich treffen sie mit ihrer Kritik einen Nerv, denn das Misstrauen gegen die VWL-Professoren ist seit der Finanzkrise weitverbreitet. Selbst die Queen verzweifelte damals an den Wirtschaftsexperten. „Why did nobody see this coming?“, fragte die Monarchin bei einem Besuch der London School of Economics auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. In der britischen Zentralbank gibt es nun die Bereitschaft zur fundamentalen Selbstkritik der Ökonomen. Andy Haldane, der Chefvolkswirt der Bank of England, ist bekannt für seine unkonventionellen Ansichten. Die Krise sei eigentlich eine Chance für eine grundsätzliche Erneuerung, findet er, so wie die Große Depression der dreißiger Jahre den Boden für Keynes’ „großen analytischen Sprung nach vorn“ bereitet habe.

          Doch bislang sehe man keinen solchen großen Sprung in der Mainstream-Volkswirtschaftslehre, moniert Haldane in seinem Vorwort zum Buch. Es folgt beißende Kritik am Realitätsverlust vieler Ökonomen: „Die Modelle der Mainstream-Ökonomen haben den Realismus zu sehr auf dem Altar der mathematischen Reinheit geopfert.“ Einige Kritiker haben von einer Mathematik-Manie der Ökonomen gesprochen. Haldane moniert weiter, es gebe in der VWL eine „Methoden-Monokultur“. Der Mangel an intellektueller Vielfalt habe sich in der Krise bitter gerächt, denn das einzige Anbauprodukt der Ökonomen habe eine Missernte produziert. Das „einzige Getreide“, das Haldane anspricht, ist die sogenannte Neoklassik. Sie ist die Hauptnahrung, das tägliche Brot jedes Wirtschaftsstudenten.

          Ist die Neoklassik realitätsfern?

          Neoklassik, das heißt: Die Wirtschaftssubjekte verhalten sich wie der berühmt-berüchtigte „Homo oeconomicus“, der kühl und rational sämtliche verfügbaren Optionen abwägt, mit Wahrscheinlichkeiten multipliziert und über sein komplettes Leben seinen Nutzen maximiert. Märkte tendieren in der neoklassischen Welt stets zum Gleichgewicht. Nach Ansicht der Kritiker ist all das realitätsfern. Die falsche Theorie habe die Entstehung großer Ungleichgewichte, die zur Finanzkrise führten, nicht kommen sehen. Umgekehrt halten die Verteidiger dagegen, dass sehr wohl „stinknormale Standardtheorie“, so der Bonner Max-Planck-Forscher Martin Hellwig, erklären könne, wie es zur Krise kam. Er meint etwa, dass Banken zu hohe Risiken eingingen, weil sie als systemrelevant galten und darauf spekulierten, dass sie in der Not gerettet würden. Von „moralischem Risiko“ sprechen Ökonomen in diesem Fall.

          Während der Mainstream innerhalb des bisherigen Theorie-Rahmens die Krise aufarbeiten will, wollen die unzufriedenen Studenten und einige Dozenten diesen Rahmen aufbrechen. Sie möchten mehr hören als nur die Neoklassik, sagt Daniel Lapedus, ein Sprecher der Rethinking-Economics-Initiative, die Gruppen in fünfzehn Ländern vernetzt. „Unser Ziel ist, die Lehrpläne zu reformieren und zu erweitern. Es sollen mehr Schulen aufgenommen werden, etwa Marxismus, Feminismus, Ökologische Ökonomie und Verhaltensökonomie“, sagt Lapedus. Dass die Initiative politische Schlagseite nach links habe, verneint er, vielmehr sei sie „pluralistisch“. Auf Nachfrage nennt er noch die Österreichische Schule, die ebenfalls gelehrt werden solle. Diese ist bei Rechtsliberalen beliebt.

          Das zweite Anliegen von Rethinking Economics ist ein Wandel der Sprache der Ökonomen. Sie sollten sich nicht länger hinter technokratischem Jargon verstecken, sondern eine einfache, zugängliche Sprache sprechen. „Der Jargon schreckt die Leute ab“, kritisiert Lapedus. Die Studenteninitiative verweist auf eine YouGov-Umfrage, wonach die Mehrheit der Bevölkerung große Verständnisprobleme mit ökonomischen Begriffen und Konzepten hat. Nur 39 Prozent konnten erklären, was das Bruttoinlandsprodukt sei; nur 43 Prozent wussten mit dem staatlichen Defizit etwas anzufangen, bloß 30 Prozent hatten eine Ahnung, was die „Quantitative Lockerung“ der Zentralbanken bedeutet (sie kaufen massenhaft Wertpapiere und pumpen so Geld in die Finanzmärkte). Die Kluft zwischen ökonomischen Experten und der Normalbevölkerung ist groß. Das zeigte sich auch beim Brexit-Votum. Die Mehrheit der Wähler ließ sich von den Ökonomen-Warnungen nicht beeindrucken.

          „Sie beherrschen die Sprache und die Methoden nicht“

          Auch in Deutschland gibt es Studenteninitiativen, welche die vorherrschende Wirtschaftswissenschaft attackieren. Hier ist vor allem das Netzwerk Plurale Ökonomik aktiv. Die Hauptklage ist, dass es einen Mainstream gebe, der keine anderen Ansätze aufkommen lassen wolle. Vor kurzem hat das Netzwerk mit drei Forschern aus Kassel fast sechshundert Ökonomen an deutschen Universitäten befragt. Drei Viertel bejahten, dass es einen Mainstream gebe, nämlich die neoklassische Lehre. Es sei eine „Ökonomie am Gängelband“, kritisierte die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung, die die Befragung mitfinanziert hat. Die Studenten hätten kaum die Möglichkeit, „über den Tellerrand der traditionellen Ökonomik in die Vielfalt der Theorieansätze zu blicken“, bedauerte Christoph Gran vom Pluralen-Netzwerk.

          Dass der Ökonomen-Mainstream ein monolithischer Block sei, weist Rüdiger Bachmann vehement zurück. Der Nachwuchsbeauftragte des Ökonomenverbands Verein für Socialpolitik findet: „Ein sogenannter Mainstream kann in sich sehr plural sein.“ Es gebe sehr kontroverse Diskussionen innerhalb des Hauptstroms der Wirtschaftswissenschaft. Die kritischen „Pluralen“ teilt er in drei Gruppen ein: „Viele sind bemühte, interessierte Studenten, die weiterdenken wollen.“ Sie hätten recht, dass die im Grundstudium präsentierten Lehren noch nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Eine zweite Gruppe wolle die Lehre verbessern; da gebe es noch viel zu tun. „Eine dritte Gruppe hat politische Motive“, sagt er. Tatsächlich neigen sie überwiegend nach links. Als der Ökonomenverband vor einigen Jahren in Göttingen eine Jahrestagung abhielt, machten die „Pluralen“ eine Gegenveranstaltung - mit Oskar Lafontaine als Starredner.

          Für einige Professoren ist es eine Horrorvorstellung, dass die „Pluralen“ in ihr Fach nun Marxismus, Gender-Theorie oder Postwachstums-Ideen einschmuggeln könnten. „Die Vertreter der sogenannten Pluralen Ökonomen wollen die Wirtschaftswissenschaft sturmreif schießen“, sagt Joachim Weimann von der Universität Magdeburg. Viele Pluralismus-Vertreter hätten einfach keine Ahnung. „Sie beherrschen die Sprache und die Methoden der Ökonomen nicht, obwohl sie diese ständig kritisieren“, sagt Weimann, der als einer der führenden Experimentalökonomen in Deutschland dazu beigetragen hat, das Konzept des „Homo oeconomicus“ kritisch zu hinterfragen.

          Wirtschaftsgeschichte wurde an den Rand gedrängt

          Es bleibt indes die beunruhigende Frage, warum die große Mehrheit der Ökonomen vom Ausbruch der Finanzkrise so überrascht wurde. Viele konnten die historische Dimension der Krise kaum erfassen. Das liegt auch daran, dass die Wirtschaftsgeschichte im VWL-Studium weitgehend an den Rand gedrängt wurde. Auch die Geschichte des eigenen Fachs, die Theoriegeschichte, wurde marginalisiert. Das erkennen inzwischen viele als Defizit an. Wie sollen Studenten den aktuellen Stand der Wirtschaftswissenschaft beurteilen, wenn sie nicht lernen, wie sich das Fach zu dem entwickelte, was es heute ist.

          Die frühesten Ökonomen wie Adam Smith waren gleichzeitig Moralphilosophen und politische Denker, wogegen heutige Ökonomen oft wie Technokraten wirken. Andy Haldane, der kritische Chefvolkswirt der Bank of England, beklagt jedenfalls „die Vernachlässigung von Disziplinen, die an die Ökonomie angrenzen: Wirtschaftsgeschichte, Moralphilosophie, Geld und Banking, radikale Unsicherheit, nicht-rationale Erwartungen“. Das seien, kurz gefasst, jene Fragen, „die die Ökonomie erst interessant und wichtig machen“.

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