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Vor der Bundestagswahl : Studenten als Wahlkampfhelfer

  • -Aktualisiert am

Wahlkampf, heiße Phase: Warum auch Studenten auf der Straße mitmachen. Bild: dpa

Politikverdrossenheit? Von wegen. Studenten erzählen, warum sie den Hörsaal mit der Fußgängerzone tauschen – und was die Kommilitonen dazu sagen.

          Junge Deutsche sind politikverdrossen: Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Auch an der Wahlurne zeichnet sich dieser Trend ab. Zuletzt lag die Wahlbeteiligung bei den unter 30-Jährigen bei knapp 60 Prozent, bei Wählern zwischen 60 und 69 Jahren dagegen bei fast 80 Prozent. Es sind auf den ersten Blick also vor allem die Älteren, denen Politik wichtig ist. Umso erstaunlicher ist es, dass an Wahlkampfständen immer wieder junge Menschen stehen. Sie verteilen Luftballons mit Parteilogo an Kinder und Kugelschreiber an Erwachsene. Im Hintergrund passiert oft viel mehr: Denn Wahlkampf gleicht auch bei Studenten einem Vollzeit-Job. Gerade in den letzten Wochen vor der Bundestagswahl, wenn der Straßenwahlkampf in vollem Gang ist, haben die Wahlkampfhelfer kaum Freizeit.

          Schon in den Monaten zuvor sitzen die studentischen Wahlkampfhelfer in ihren Jugendorganisationen und planen: Wer steht wann an welchem Wahlkampfstand? Wer holt die Plakate in der Druckerei ab? Wer plakatiert in welchem Stadtteil? Darüber hinaus twittern, posten und snappen die studentischen Wahlkampfhelfer monatelang im Namen ihrer Parteien. Sie gehen von Tür zu Tür, klingeln bei den Bürgern und versuchen, sie von einer Partei zu überzeugen. Für Bundespolitiker suchen Wahlkampfhelfer passende Orte für Auftritte. Nach der Klausurenphase und neben ihren Hausarbeiten geben die studentischen Wahlhelfer jetzt also Vollgas. Nur: Was treibt sie dabei eigentlich an? Wir haben vier Freizeit-Wahlkampfhelfer gefragt.

          Katharina Letzelter, SPD, 24 Jahre

          Die BWL-Studentin steht am Kölner Rudolfplatz und tippt hektisch auf ihrem Handy herum. Eigentlich sollte hier ein Wahlkampfstand der SPD aufgebaut sein, und eigentlich sollte sie jetzt die Werbetrommel für Martin Schulz rühren. Doch an diesem sommerlich-warmen Nachmittag blitzt zwischen den dicht aneinandergebauten Häusern und den davor herumwuselnden Passanten kein rotes SPD-Schirmchen auf. Suchend läuft Katharina Letzelter über den vollen Platz in der Kölner Innenstadt. „Der Stand muss hier doch sein, genauso wie letzte Woche“, sagt sie. Ein Parteikollege schreibt über Whatsapp: Es gibt heute keinen Stand, Letzelter hat sich vertan. Das passiert schon mal im Wahlkampfstress.

          Katharina Letzelter hätte gerne Martin Schulz als Kanzler.

          Katharina Letzelter ist Mitglied der Jusos, der Jugendorganisation der SPD. Die 24-Jährige studiert BWL an der Uni Köln. Sie spielt gern Klavier, für mehr Hobbys fehlt die Zeit. Denn Politik gehört immer dazu. „Ich war schon immer politisch interessiert. Deswegen habe ich in der Oberstufe als Leistungskurs Politik gewählt. Von den 16 Leuten in meinem Kurs konnten die wenigsten über tagesaktuelle Politik sprechen. Das hat mich unheimlich schockiert. Da dachte ich, dass ich das ändern muss. Dann habe ich mich für eine Parteimitgliedschaft begeistert. Richtig durchgestartet bin ich in Köln: Hier bin ich zu Kennenlernabenden gegangen, habe in der Diskussion mit den Leuten gemerkt, welche Inhalte passen und welche nicht. Bei den Jusos habe ich mich am wohlsten gefühlt, auch wegen der Bildungspolitik. Die SPD setzt sich für kostenfreie Bildung ein, das ist eines meiner Themen. Ich habe in meinem Auslandssemester in Taiwan jemanden kennengelernt, der unbedingt in NRW studieren möchte. Weil die neue schwarz-gelbe Landesregierung allerdings plant, Studiengebühren für Ausländer einzuführen, kann er sich das nicht leisten. Das ist ein Unding. Mit meinem politischen Engagement möchte ich besonders etwas für junge Menschen verändern.“ Und schließlich: „In den etablierten Parteien sind weniger junge Menschen zu finden. Dementsprechend liegt der inhaltliche Fokus weniger auf Jugendthemen, wodurch Parteien und auch Politik unattraktiver werden. Es ist ein Teufelskreis. Ich möchte unbedingt verhindern, dass hier so etwas passiert wie vergangenes Jahr in Großbritannien. Dort sind viel zu wenig junge Menschen zur Brexit-Wahl gegangen.“

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