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Studentenproteste : Vor 50 Jahren: Die Universität Leuven wird flämisch

  • Aktualisiert am

Uni-Bibliothek in Leuven Bild: Picture-Alliance

Wütend zogen im Winter 1968 flämische Studenten durch die Straßen im belgischen Leuven. Einige Monate später stand fest: Die Universität spaltet sich auf.

          „Wallonen raus!“, das war der Schlachtruf der Studentenproteste im belgischen Leuven im Januar 1968. Wütend zogen flämische Studenten durch die Straßen, mit großen Plakaten und Bannern. Der Historiker Louis Vos, damals Student, erinnert sich genau. „Wir waren in Rage“, sagt er immer noch bewegt. Lauthals seien er und seine Kommilitonen zu den Sälen gelaufen, wo die französischsprachigen Kurse stattfanden. Mit Feuerlöschern drangen sie ein und schrieben an die Tafeln: „Heute findet kein Kurs statt“. Zuvor hatte die Verwaltung der Katholischen Universität Pläne für die Erweiterung ihrer französischen Sektion präsentiert. Monate später stand fest: Die Universität Leuven spaltet sich auf in eine flämischsprachige und eine französische Universität.

          Eine entscheidende Rolle spielten dabei die belgischen Bischöfe. Sie hatten seit jeher das Sagen über die 1425 gegründete Universität. Zwei Jahre zuvor, im Mai 1966, hatten sie angeordnet, dass die flämische und die französische Sektion nicht getrennt werden sollen. „Ich war wütend“, sagt Vos – so wie viele Flamen. Die Studenten habe besonders der autoritäre Ton des Primas, Kardinal Leo Suenens (1904 bis 1996), gestört. „Wir nahmen das nicht hin und verweigerten uns diesem klerikalen Diktat“, erinnert er sich.

          Vos fasste einen Entschluss: Seine Abschlussarbeit wollte er über die europäische Studentenbewegungen schreiben. Der heute emeritierte Professor lacht – damals sei er ja erst im ersten Studienjahr gewesen. Direkt habe er sich auf den Weg zum Büro der Studentenbewegung gemacht, um im Archiv nach Material zu suchen. Dabei kam er in eine Sitzung der Vorsitzenden der Studentenbewegungen, die gerade ein Manifest ausarbeiteten. „Die Stimmung war angespannt. Es war ein historischer Moment“, sagt Vos. Die Studenten traten für demokratische Abläufe ein. Sie wollten sich nichts von den Bischöfen diktieren lassen. An diesem Tag war auch ein Journalist anwesend, der die Verlesung mitschnitt. Damit wurde das Radiomagazin „Aktuell“ am Abend eröffnet. Danach habe sich die flämische katholische Gemeinschaft emanzipiert.

          Es sei eine Art Aufstand gegen die Geistlichen gewesen. Der Konflikt habe das Leben bestimmt, sagt Vos. „Die flämischen Studenten trugen lila-schwarze Schleifen, und die Polizei ging hart gegen die Protestierer vor“, erinnert er sich. Der Rektor schloss das Universitätsjahr und kündigte ohne weitere Vorlesungen die Prüfungen an. Die schon lange bestehende „Apartheid“ zwischen flämischen und frankophonen Studenten habe sich verstärkt. „Obwohl wir zusammen mit wallonischen Studenten wohnten, wechselten wir kein Wort mit ihnen.“

          Im Herbst 1968 wurde die Teilung in die „Katholieke Universiteit Leuven“ und die „Université Catholique de Louvain“ beschlossen. In monatelangen Verhandlungen wurde über die Modalitäten der Trennung beraten, insbesondere über die Entschädigungszahlungen, die die neue französischsprachige Universität für ihre zurückgelassenen Gebäude und Einrichtungen erhalten sollte. Der Bestand der Bibliothek wurde aufgeteilt.

          Und heute? Es hat sich viel geändert: 56 400 junge Menschen studieren heute in Leuven, davon fast ein Fünftel aus dem Ausland. „Katholisch“ stehe zwar immer noch im Namen, sagt Vos. Dahinter stünden aber vor allem die allgemeinen christlichen Werte.

          KNA

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