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Mathe-Nachhilfe auf Youtube : „Das ist Bulimielernen, aber keine Bildung“

  • Aktualisiert am

Matthias Ludwig ist Professor für Didaktik der Mathematik und Informatik der Uni Frankfurt. Er forscht zum Lernen mit digitalen Medien. Bild: Privat

Was taugen Mathe-Videos auf Youtube? Wir haben Professor Matthias Ludwig von der Uni Frankfurt gefragt.

          Kennen Sie den Youtuber Daniel Jung?

          Ich bin eher zufällig auf ihn gestoßen, aber das liegt daran, dass ich mir kaum Mathe-Videos ansehe und sie nicht zu meinem Forschungsgebiet gehören. Ich habe vor diesem Gespräch aber mal eine Kurzumfrage unter Lehrern und Studierenden gestartet.

          Was kam dabei heraus?

          Von den sieben, acht Lehrern kannten ihn vier, eine hat auch schon mal Videos von ihm gezeigt. In der Oberstufe kennen ihn zwischen 25 und 50 Prozent der Schüler, in der Mittelstufe ist er nicht so bekannt – und in der Unterstufe überhaupt nicht. Das hängt mit der Mediennutzung und der Fähigkeit zusammen, sich selbständig Informationen zu beschaffen.

          Was ist mit Hochschullehrern?

          Die habe ich nicht gefragt, aber die würden ihn wahrscheinlich nicht zeigen.

          Warum nicht?

          Es geht um Fünf-Minuten-Häppchen in einer sehr schülernahen, flapsigen Sprache, die dort gut ankommt. Er geht rezepthaft vor, sehr kleinschrittig.

          Für Studenten ist das eher nichts?

          Wer BWL studiert oder Biologie, der muss auch Mathe machen, und die ist sehr Oberstufen-nah. Insofern gibt es schon einen Markt für Studenten. Überrascht war ich, als ich in meiner Vorlesung zur Didaktik der Oberstufenmathematik meine Studierenden gefragt habe. Fast alle kannten ihn, der Großteil hat zwischen zehn und zwanzig Videos zumindest teilweise angesehen. Ich war echt überrascht. Es ist bemerkenswert, was er macht.

          Was daran?

          Die Studenten schätzen es, dass sie sehr schnell Informationen zu einem bestimmten Thema serviert bekommen. Das ist viel angenehmer und schneller, als in die Bibliothek zu gehen, sich ein Buch auszuleihen und das Gesuchte dort nachzulesen. Außerdem hat er eine sehr große Anzahl an Videos und kommt ohne Brimborium aus. Das erinnert mich an das Telekolleg in den siebziger Jahren. Auch das Rezepthafte, dieses Kleinschrittige, ist nachvollziehbar. Ein guter Nachhilfelehrer macht es genauso.

          Aber der ist teurer.

          Schon, aber man muss die Relation sehen: Bei etwa 8,5 Millionen Schülern an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland erreicht er, wenn ich seine Abonnenten als Basis nehme, vielleicht 4 Prozent der Schüler. 96 Prozent kommen also anders klar. Nach den Erklärungen in den Videos gibt es ja auch keine weitere Beschäftigung mit dem Thema, etwa Übungsaufgaben. Diese Übung ist aber unersetzlich: Indem ich zum Beispiel englische Lieder höre, lerne ich ja auch kein Englisch. Nur Anschauen hilft nicht, auch wenn es sehr bequem ist. Schüler, die wirklich Probleme mit Mathe haben, haben ohnehin keinen Bock auf solche Videos.

          Warum?

          Weil sie merken, dass ihnen dieses rezepthafte Lernen nicht hilft. Denn die Frage nach dem Warum bei einem Problem wird nicht beantwortet. Es geht nicht um Struktur oder Hintergrund – was ja auch dazu führen könnte, unser Bildungssystem in Frage zu stellen.

          Inwiefern?

          Womöglich sind die Aufgaben, die wir Schülern stellen, zu leicht – wenn solche Videos schon ausreichen, um sie durchs Abitur zu bringen.

          Also helfen die Videos doch?

          Meine Studierenden haben mir gesagt, dass ihnen die Videos helfen, sich vermeintlich schnell etwas anzueignen und dann auch schnell wieder zu vergessen. Pointiert formuliert: Daniel Jung hilft beim Bulimielernen. Es ist also das Gegenteil von Bildung.

          Kommentare seiner Nutzer fallen aber oft hymnisch aus, nach dem Motto: Daniel Jung ist viel besser als mein Lehrer.

          Das kann man nicht ernst nehmen. Ein Lehrer steht 5 Stunden am Tag vor 30 Schülern, der kann keinen Monolog von 5 bis 7 Minuten halten, Er muss seine Schüler einbinden oder für Ruhe sorgen, wenn andere dazwischenquatschen. Außerdem weiß man ja gar nicht, wie intensiv die Schüler bei Daniel Jung dranbleiben, ob sie zwischendurch unterbrechen, hin und her spulen – und vor allem, ob sie durch diese Videos wirklich besser werden.

          Sind Mathe-Youtuber trotzdem wichtig für die Bildungslandschaft?

          Daniel Jung ist Trainer oder Coach und kann für bestimmte Schüler nützlich sein. Aber schon die Bezeichnung Bildungscoach halte ich für übertrieben. Auch Online-Prof finde ich bedenklich. Er ist kein Lehrer und hat nicht die Verantwortung eines Lehrers. Er gibt auch keine Noten. Da ist der Anspruch und die Aufgabe an den Schulen anders. Ihm ist das egal – kann ihm aber auch egal sein, denn offenbar ist er erfolgreich und somit ein guter Geschäftsmann.

          Haben Sie sich auch schon mal auf Youtube präsentiert?

          Vor zehn Jahren habe ich mal ein Video online gestellt, da hatte ich am Ende 2,6 Millionen Aufrufe.

          Und heute?

          Ich habe früher alle meine Vorlesungen auf Video aufzeichnen lassen – bis ich gemerkt habe, dass ich kein reales Publikum mehr hatte. Der Hörsaal wurde leerer. Ich habe für die Kamera unterrichtet, und dadurch sind immer weniger gekommen – weil ich mich nicht mehr um meine Studenten gekümmert habe. Ich habe das komplett eingestellt, meine Vorlesungen aufzuzeichnen. Meine Studenten müssen zu mir kommen, und das tun sie gern.

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