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Unzufriedene Studenten : Volkswirtschaft im Leichenhörsaal

In der Lehre: Studenten stören sich an einer „intellektuellen Monokultur“. Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Studenten beklagen, die Volkswirtschaftslehre sei zu einem „toten Fach“ geworden. Kritische Dozenten - Fehlanzeige! Wirklich? Zu dieser Frage haben sie sich nun mit Professoren ein Wortgefecht geliefert.

          Der Hörsaal, in dem sich die unzufriedenen Studenten drängen, sieht aus wie ein anatomisches Theater. Rundum gibt es steil ansteigende Sitzreihen, in der Mitte unten wurden in solchen Räumen früher Leichen seziert. Die VWL-Studenten, die an diesem Dienstagabend in Heidelberg zusammenkommen, betrachten ihr Fach wie eine Leiche, die es zu sezieren gelte. Spätestens seit der Krise sei die Volkswirtschaftslehre praktisch tot, meinen sie.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Vor einer Woche haben 40 Studentengruppen aus Europa und Amerika mit einem Aufruf die „besorgniserregende Einseitigkeit der Lehre“ angeprangert. Sie sehen eine Art akademische Monokultur der ökonomischen Neoklassik, die vom rationalen Homo Oeconomicus und Gleichgewichtsmodellen ausgeht. Stattdessen fordern sie mehr Vielfalt der Methoden und Ansätze der Wirtschaftswissenschaft. Christoph Gran, einer der Organisatoren des „Netzwerks Plurale Ökonomie“, bedauert: „Die kritischen Profs werden immer weniger“. Auf den Aufruf gebe es bislang „aus dem Mainstream betretenes Schweigen“. Seine Mitstreiterin Lena Kaiser sagt mit breitem Lächeln, sie ließen sich nicht unterkriegen. Ihr Protest sei eine „Trotzreaktion“ gegen den herrschenden VWL-Unibetrieb.

          Gleich darauf beginnt eine Podiumsdiskussion. Den wenig dankbaren Part, die vorherrschende Ökonomie zu verteidigen, hat der jugendliche Heidelberger Professor Axel Dreher übernommen. Dass kaum ein Ökonom die große Finanzkrise vorhergesagt habe, sieht er nicht als Beleg für falsche Theorien. Es sei ein „Missverständnis zu glauben, dass die Ökonomen eine Glaskugel hätten, mit der sie in die Zukunft blicken“ sagt Dreher. Das Erdbeben, das zum Fukushima-Unglück führte, habe auch kein Geograf prognostiziert, dennoch ziehe niemand die Berechtigung der Erdbebenforschung radikal in Frage. Silja Graupe, eine Wirtschaftsingenieurin und Philosophin von der anthroposophischen Alanus Hochschule, lässt diese Verteidigung nicht gelten. Die Ökonomen mit ihren Modellen seien einer Kontrollillusion erlegen.

          Verschwörung der Wirtschaftslobbys?

          An den Unis ginge es nicht darum, Wirtschaft kritisch zu analysieren, sondern „darum, eine bestimmte Weltsicht anzutrainieren und diese nicht zu hinterfragen“, meint Graupe, die verschwörerisch vom Einfluss von Wirtschaftslobbys auf die Lehrpläne spricht. Der Bremer Doktorand Claudius Gräbner fragt: „Was spricht dagegen, auch eine Einführung in die Geschichte des ökonomischen Denkens ins VWL-Studium zu integrieren.“

          Dreher findet das gut, meint aber auch, dass die Studenten solches Wissen wegen der knappen Zeit auch auf Eigeninitiative neben den Pflichtkursen erwerben könnten. Zuletzt dreht sich die Diskussion über die übermäßige Mathematisierung des Studiums. Mathematik sei ein nützliches Werkzeug, dürfe aber nicht zum Selbstzweck werden, so der allgemeine Tenor der Debatte, die von den Studenten eifrig und sarkastisch per Twitterwall kommentiert wird.

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