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Universitätsmodelle : Bürgerlicher Lernort

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Der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, protestiert gemeinsam mit Studenten gegen die massiven Kürzungspläne des Hamburger Senats Bild: dpa

Berlin, Frankfurt, Hamburg: Ein Rückblick auf die Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems in Deutschland wird zur Diskussion über Universitätsmodelle. Die Gefahren, wie auch die Chancen, sind weitreichend.

          Es hatte neulich ein Festvortrag sein sollen, zu dem Heinz-Elmar Tenorth aus Berlin geladen wurde. Der Anlass war die Fertigstellung und Übergabe des seinerzeit monumentalen Vorlesungs- und späteren Hauptgebäudes der Universität Hamburg vor einhundert Jahren. Doch die Vorzeichen standen nicht günstig: Tage zuvor hatte der Senat der Freien und Hansestadt massive Kürzungspläne bekanntgegeben. In den Augen der Betroffenen drohten sie (und drohen weiterhin) den Wissenschaftsbetrieb einschneidend zu behindern. Die als Wort der Begrüßung ausgegebene Warnung Dieter Lenzens, des Präsidenten der Universität, das Akademische sei durch außeruniversitäre Anliegen gefährdet, erhielt da brisante Aktualität. Immer wieder, ob in Zeiten staatsdirigistischer Gleichschaltung des Wissens oder in denen der Drittmitteletats aus privatwirtschaftlichen Bereichen, habe es Indienstnahmen der Universität für partikulare Interessen gegeben, „für zulässige und für unzulässige“.

          Das Urteilsvermögen, diese voneinander zu scheiden, liege im Aufgabenbereich vor allem der Geisteswissenschaften. Ihnen sei daher die Zukunft des historischen Gebäudes überlassen. Offen bleibt allerdings, wie effizient die Expertise, die der ethischen, der theoretischen und der geschichtlichen Reflexion zukommt, auf Fakultäten und Institute ausstrahlen wird. Und offen bleibt auch, wie ein Bau, dessen Hörsäle und Übungsräume überwiegend auf frontale Dozentur ausgerichtet wurden, den heutigen Anforderungen an Diskurs und Partizipation wird genügen können.

          Die „Gesellschaft“ forscht, aber sie bildet nicht

          Denn die Gefahren, wie auch die Chancen, die sodann der Festredner in einem Rückblick auf die Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems in Deutschland aufzeichnete, sind weitreichend. Tenorth, Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität, sprach von Zäsuren, die er im Jahrhundertabstand ausmachen wollte. Nach der Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810, die symbolisch den Kern der Forschungsuniversität der Moderne repräsentiert, sei es in den Vorkriegsjahren 1910 und 1911 eine Trias von Ereignissen, die bis in die jüngste Zeit das hiesige Territorium des Erlangens und des Verbreitens von Wissen und Forschung aufgeteilt hatten.

          „Krisenindikator“, so Tenorth, war damals, 1911, die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft. Sie war der Maxime verpflichtet, Forschung, zumal die naturwissenschaftliche, aus dem einstigen Monopol der Universität auszulagern. Physikalische, chemische und andere Institute entstanden, schon damals unterstützt durch die „große Industrie“ und zugleich fernab jedweder universitären Kontrolle. Dahinter stand nicht nur ein nachhaltiger Wandel der sogenannten Leitdisziplinen, sondern vor allem die Loslösung und Verselbständigung der Wissenschaft von der Lehre. Die „Gesellschaft“ forscht, aber sie bildet nicht. Man könnte geneigt sein, von einer Taylorisierung der Wissenschaften zu sprechen.

          Gegenmodell Stiftungsuniversität

          Gegenmodell war dann die Stiftungsuniversität, die in denselben Jahren in Frankfurt am Main Form angenommen hatte. Auch ihre Gründer, unter ihnen der Unternehmer Wilhelm Merton, sahen die traditionelle Universität des neunzehnten Jahrhunderts, ihr Bildungsideal und ihre Disziplinen, kaum den Herausforderungen der Moderne gewachsen. Nicht aber die Ausgrenzung und Spezialisierung der Natur-, sondern die Öffnung der Universität für die empirischen Sozialwissenschaften sei die angemessene Antwort. Von einer „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ war später die Rede, die vielleicht auch mit einer Substitution von Arbeitskampf durch Konfliktanalyse einhergeht - die produktiven Folgen des Modells erschöpfen sich längst nicht in der sogenannten Frankfurter Schule.

          In der Vorgeschichte der Universität Hamburg (die Gründung erfolgte erst 1919, acht Jahre nach der Stiftung des Gebäudes für das Allgemeine Vorlesungswesen) war dann ein weiteres konstitutives Merkmal des Wissenschaftssystems zu erkennen: die Rolle der Universität in der Gesellschaft. Tenorth wies hier auf die singuläre Dreiheit der Begriffe, die der Stifter Edmund Siemers dem Hamburger Gebäude als Losung hatte einmeißeln lassen: „der Forschung, der Lehre, der Bildung“. Dass Letzteres weniger das Expertentum der Gelehrten als vielmehr die Lerngelegenheit aller Bürger im Visier hatte, war über die Jahrzehnte zunehmend in Vergessenheit geraten. Denn auch heute erscheint die mentale Verankerung der Universität in der Bevölkerung defizitär.

          Die Präferenz des Vortragenden für die Nachhaltigkeit der historischen Entscheidungen in Frankfurt war nun nicht zu überhören. Neben den Sozialwissenschaften hatte dort einst die wissenschaftliche Pädagogik als universitäre Disziplin Einzug gefunden. Darauf angesprochen, antwortete Tenorth vermittelnd und als höflicher Gast, das Hamburger Projekt, wenngleich in vielem gescheitert, sei gleichfalls wegweisend gewesen. Wegweisend in seinem Scheitern oder trotz seines Scheiterns? Diese Frage gab der Bildungshistoriker seinen Zuhören unausgesprochen mit auf den Nachhauseweg.

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