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Ungewisse Perspektiven : Wer will noch in die Wissenschaft?

  • -Aktualisiert am

Wer einen Doktorhut tragen möchte, muss mitunter auf vieles verzichten. Bild: Rainer Wohlfahrt

Viele Teilzeitverträge, befristete Stellen und ungewisse Perspektive: Wer als Wissenschaftler Karriere machen will, der geht ein hohes Risiko ein. Tipps von Aufsteigern und Aussteigern.

          Es gibt Karrieren, die laufen so schnurgerade, nahezu ungeplant, dass es aussieht, als seien höhere Mächte im Spiel gewesen. Hätte Heike Klüver jemand vor zehn Jahren prophezeit, dass sie einmal eine der jüngsten Professorinnen Deutschlands werden würde, hätte sie diesen Menschen vermutlich für verrückt erklärt.

          Heike Klüver, geboren 1981 als Kind eines Sparkassenangestellten und einer Hausfrau in Papenburg, hat vier Geschwister und ist die erste in ihrer Familie, die ein Examen an einer Hochschule absolviert hat. Nach dem Studium der Politischen Wissenschaft und der Volkswirtschaftslehre in Heidelberg wurde sie in ein Graduiertenkolleg an der Universität Mannheim aufgenommen. „Für mich war das Glück“, sagt sie, „ich konnte eigenständig forschen und wurde dort früh von klugen Köpfen herausgefordert.“

          Ihre Doktorarbeit schrieb sie an der Graduate School of Economic and Social Sciences (GESS) über den Einfluss der Lobbyisten auf die europäische Politik. Für diese Arbeit bekam sie gleich zwei Auszeichnungen, den Award of the University Association for Contemporary European Studies und den Lorenz-von-Stein Preis für die beste sozialwissenschaftliche Promotion an der Universität Mannheim. Wer schon in jungen Jahren solche Preise einheimst, muss sich in der Regel keine allzu großen Sorgen mehr um seine Zukunft machen.

          Hungerlöhne in der Phase der Familiengründung

          Danach ging Heike Klüver mit einem Stipendium der Volkswagenstiftung für zwei Jahre als Postdoc an das Nuffield College der University of Oxford, gehörte parallel dazu noch einer Forschergruppe der Freien Universität in Berlin an und bekam im Mai 2012, mit gerade mal 30 Jahren, eine Juniorprofessur an der Universität Konstanz. Nach einem Jahr folgte eine W2-Professur für Empirische Politikwissenschaft an der Universität in Bamberg. Seit April dieses Jahres ist sie W3-Professorin in Hamburg, mit 33 Jahren. Schneller kann man in der akademischen Welt nicht weiterkommen.

          Wer Heike Klüver fragt, wie sie das alles in so kurzer Zeit geschafft hat, bekommt eine bescheidene Antwort. „Ich hatte ein spannendes, relevantes und neues Thema, mit dem ich reüssieren konnte“, sagt sie. Dass sie als Doktorandin mit rund 1200 Euro im Monat auskommen musste, hat sie nicht gestört. „Ich habe damals mit meinem Partner zusammengewohnt und hatte nicht das Gefühl, mich finanziell stark einschränken zu müssen.“ Heike Klüvers Lebenslauf ist eher atypisch, noch dazu für eine Frau aus einer Nicht-Akademiker-Familie. Die wenigsten Doktoranden, die eine Professur anstreben, bekommen auch eine. Immer mehr angehende Wissenschaftler fragen sich, ob sich der steinige Weg bis zu einer Professur überhaupt lohnt.

          Die Statistik spricht auf den ersten Blick dagegen. 84 Prozent der 160.000 wissenschaftlichen Mitarbeiter an Deutschlands Hochschulen haben nach Angaben des Wissenschaftsrates nur Zeitverträge. Und das teilweise bis zu zwölf Jahre lang. Außerdem werden viele Doktoranden mit Lehraufträgen abgespeist, sie halten Kurse für 25 Euro in der Stunde, oft ohne Sozialversicherung, das Vor- und Nachbereiten wird nicht bezahlt. Das bedeutet, die Lebensplanung von vielen hochqualifizierten Menschen ist gerade in der Phase, in der sie vielleicht eine Familie gründen wollen, nämlich zwischen 30 und 40 Jahren, völlig unsicher, und trotz Bestnoten reicht der Verdienst der jungen Wissenschaftler oft nicht einmal für den eigenen Unterhalt aus.

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