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Technische Studiengänge : Mädchen für Maschinen

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Doch nicht jedes Mädchen hat solche Tüftler in der Familie. Deshalb bieten etwa in Kaiserslautern derzeit fünf ALP-Mentorinnen technische Workshops an. Etwa im Löten und Verbinden der Bauteile eines Leucht- oder Blinkmännchens. Geht es anfangs um handwerkliche Fähigkeiten und einfache Schaltungen, kommt später mehr Theorie dazu. Zum Beispiel: Wieso brauchen wir Transistoren?

Lieber auf Papier rechnen als in der Realität schrauben

Die Mentorinnen sind meist Anfang bis Mitte zwanzig und wirken eher wie große Schwestern der Mädchen - was die Identifikation erleichtern soll. Als wissenschaftliche Hilfskräfte in Rhetorik und Didaktik geschult, vermitteln sie auch Durchhaltevermögen, wenn mal etwas schiefgeht. „Oft lässt es sich sogar besser erklären und verstehen, wenn wir auf Fehlersuche gehen und schauen, woran es gelegen hat“, sagt Mentorin Christine Adam. Die Mädchen hätten häufig den Drang, alles richtig machen zu wollen. „Deshalb brauchen sie erst einmal zwei bis drei Minuten, um in Ruhe die Bauteile zu betrachten und die Anleitung zu lesen“, sagt sie. „Jungs nehmen eher die Teile gleich an sich und machen - auch wenn es schiefgeht.“ „Bei einem Misserfolg sagen Jungs sich eher, das Material war wohl schlecht - ich versuche es noch mal“, bestätigt Claudia Quaiser-Pohl. „Mädchen denken dann eher, dass sie es eben nicht können.“ Für die Entwicklungspsychologin sind reine Mädchengruppen wichtig, damit die Teilnehmerinnen Selbstbewusstsein in ihre technischen Fähigkeiten entwickeln können.

„Wäre auch nur ein Schüler dabei, würde gleich gedacht, der ist ja sowieso besser als ich - und alles wieder nach den alten Rollenmustern aufgeteilt“, vermutet sie. Selbst begabte Mädchen hätten bisweilen sogar Schwierigkeiten, sich bei der Kurswahl für ein Fach wie Physik zu entscheiden - weil sie fürchten, nicht mit den Jungs, die früh an Fahrrad oder Mofa herumschrauben, mithalten zu können. Auch Erika Barleben hat sich nicht zu den Schraubern gezählt und lieber nur für den Grundkurs Physik und stattdessen den Leistungskurs Mathematik entschieden. „In Mathe ließ sich alles üben und auf dem Papier ausrechnen“, sagt sie. „Das war für alle gleich.“

Demnächst will sie Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau studieren. Musiklehrerin wäre auch eine Idee gewesen, aber die fachliche Bandbreite und die beruflichen Möglichkeiten als Wirtschaftsingenieurin haben sie überzeugt. „Das wird ja auch gebraucht“, sagt sie. Bei der einwöchigen Mint-Akademie nach dem schriftlichen Abitur hat sie sich einen ersten Eindruck vom Fachbereich verschafft und auch einen Motor zusammengebaut. „Macht Spaß“, sagt sie, „wenn der Elektromotor für die Windkraft mit der Spule läuft, die wir gebaut haben.“ Die Mint-Akademie hat sie jedenfalls ermutigt, die hohen Ansprüche an der Hochschule schrecken sie nicht.

Werden mich die Männer ernst nehmen?

Mentorin Cigdem Demir empfiehlt fürs Studium, neben den mathematischen Grundlagen und einem gesunden Interesse an Technik viel Geduld mitzubringen. „Es läuft nicht immer so und wird auch mal schwieriger“, sagt die 24-Jährige. Sie will den Schülerinnen eine andere Sicht auf den Maschinenbau vermitteln. „Ich zeige den Mädchen, dass auch andere ihn studieren und er nicht nur typisch männlich ist.“ Denn: Auch an der Kultur und dem Image eines Fachs hängt die Studien- und Berufsentscheidung. „Technische Arbeitsfelder gelten immer noch als männliche Domänen, wo ein harter Konkurrenzkampf herrscht“, sagt Claudia Quaiser-Pohl. „Viele junge Frauen wählen lieber ein Berufsfeld, in dem sie nicht das Gefühl haben, noch zusätzlich Energie aufbringen zu müssen, um den gleichen Stand wie die Männer zu haben.“ Deshalb stellt sich Erika Barleben genau die Fragen, über die auch ihre Mentorin Cigdem Demir vor dem Studienbeginn nachgedacht hat: Wie ist es für Frauen in dem Studiengang und im Beruf? Werde ich mitkommen? Werden mich die Männer ernst nehmen?

Bei der Mint-Akademie in Kaiserslautern hat Erika Barleben gesehen, dass sie im Fachbereich nicht die einzige Frau sein wird. Die Abiturientin kann auch darauf setzen, dass zunehmend mehr Frauen trotz echter oder vermeintlicher Hürden zeigen wollen, was sie technisch können. Laut VDI sind derzeit rund 17 Prozent der berufstätigen Ingenieure weiblich. Immer noch sind sie Vorreiterinnen und werkeln auch am Verständnis der Geschlechterrollen, während die nächste Generation ihr Fach studiert.

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