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Technik-Ausbildung : Das Ende des Dipl. -Ing.

Bild: F.A.Z.-Cyprian Koscielniak

Der Ruf deutscher Ingenieure überschreitet alle Grenzen. Jetzt wird ihre Ausbildung dem Dogma international einheitlicher Studiengänge geopfert. Die Folge: weniger Forschung, weniger qualifizierter Nachwuchs.

          Deutschland verdankt seinen Wohlstand ganz wesentlich einer Berufsgruppe: den Diplom-Ingenieuren. Innovationen im Maschinenbau, der Elektro- und der Verfahrenstechnik sorgten jahrzehntelang dafür, dass die deutsche Wirtschaft ihr Wachstum auf hohe Preise anstatt auf niedrige Löhne gründen konnte. Die vielbeschworene "mittelständische Industrie", die das Land trägt, ist ein Verwertungszusammenhang von Ingenieurleistungen.

          Doch der Diplom-Ingenieur, der 1899 nach langen Kämpfen gegen ein ausschließlich humanistisches Bildungsideal als universitäres Zertifikat anerkannt worden war, verschwindet. Von den technischen Fächern an deutschen Hochschulen schließen in Zukunft die meisten nicht mehr mit dem Diplom ab. Insgesamt gibt es etwa 2150 Ingenieurstudiengänge, davon sind gut sechshundert auf Bachelor umgestellt worden, gut 480 zu Master-Studiengängen. Seit dem Wintersemester 2005/2006 nimmt beispielsweise die Technische Universität Darmstadt keine Erstsemester mehr in ihren Diplomstudiengang Maschinenbau auf. An der TU München hingegen ist es in manchen Fächern nach wie vor möglich, auf den "Dipl.-Ing." hin zu studieren. In Karlsruhe wiederum kündigt man im Maschinenbau die Umstellung vom Diplom auf Bachelor und Master für "2008 oder 2009" an.

          Im Ausland bewundert, in der Reform abgeschafft

          Wie kommt es, dass ein Studienmodell, für das uns das Ausland bewunderte, im Zuge einer Hochschulreform abgeschafft wird? Im Mai 1998 verabschiedeten in Paris die Bildungsminister Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens und Italiens ihre gemeinsame Erklärung zur Harmonisierung des europäischen Hochschulsystems. Damals ging es in erster Linie um die internationale Anerkennung europäischer Hochschulabschlüsse. Vor allem die Franzosen machten sich damals Sorgen um den Wert ihrer Zertifikate im Ausland. Die Deutschen wiederum waren an kürzeren Studienzeiten interessiert. Anstatt wie bisher ein Zwischenzeugnis von nur inneruniversitärer Bedeutung zu erwerben, sollten die europäischen Studenten bereits nach sechs Semestern ins Berufsleben wechseln können. Der auf drei Jahre angelegte Bachelor, so Jürgen Rüttgers (CDU), sei angesichts der im weltweiten Vergleich längeren und besseren Schulbildung in Europa auch international wettbewerbsfähig.

          Der Dipl.Ing. - Prototyp des „made in Germany”

          Doch an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Diplom-Ingenieurs gab es damals wie heute gar keinen Zweifel. Und wettbewerbsfähig ist man ja auch nicht, indem man anbietet, was alle anderen auch anbieten, sondern indem man liefern kann, was viele gerne hätten. Zum Beispiel Diplom-Ingenieure. Aber Reformen sind Selbstläufer: Die Studiengänge werden auch ohne einen Anlass jenseits der Reform selbst reformiert. Die Ingenieure müssen sich Lehrpläne für ein sechssemestriges Bachelor-Studium ausdenken. Das geht nicht ohne Straffungen - die Ideologen der Reform sprechen von "Entschlackung", so als seien Ingenieure dafür bekannt, ihre Studenten mit unnützem Wissen zu behelligen. So kann man nun "Angewandte Mechanik" studieren oder "Maschinenbau/Energie- und Anlagensysteme" oder "Rohstoffingenieurwesen". Es setzt mithin die Spezialisierung des Ingenieurs auch an Universitäten zunehmend früher und oft schon mit Beginn des Studiums ein. Man muss den Absolventen die Daumen drücken, dass es dann auch zu diesen Studien passende Stellen in ausreichender Anzahl geben wird.

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