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Talente der Zukunft : Eierlegende Wollmilchingenieure

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Bild: Jörg Mühle, Labor

Der deutsche Ingenieur - noch immer zu unbeweglich. Der Chinese - zu wenig kreativ. Der Amerikaner - kann keine Fremdsprachen. Das muß anders werden, fordern Universitäten von vier Kontinenten. Die Globalisierung drängt.

          Es ist ein Kreuz mit den Ingenieuren: Ihre Ausbildung hält nicht Schritt mit dem Tempo der Globalisierung. Der introvertierte Tüftler war gestern, stellt nicht nur der Verein Deutscher Ingenieure fest. Längst suchen international arbeitende Konzerne ökonomisch geprägte Techniker, technisch versierte Managertypen, mit breiter Allgemeinbildung, innovativ und unternehmerisch denkend, kulturell aufgeschlossen, mit Verständnis für die globalen Märkte, mehrsprachig und - natürlich auch das - beruflich mobil. Doch allem Gerede über die Bedeutung internationaler Karrieren zum Trotz fehlt es an passenden Studiengängen oder gegenseitiger Anerkennung von Abschlüssen, gibt es zu viele staatliche Barrieren und zu wenige Kooperationen von Unternehmen mit Universitäten über die nationalen Grenzen hinweg. Das beklagen Professoren von acht technischen Universitäten aus Deutschland, Japan, China, Brasilien, Amerika und der Schweiz. Finanziert vom Autozulieferer Continental sind sie ein Jahr lang der Frage nachgegangen, was sich ändern muß an der Unterrichtung und Mentalität der Ingenieure.

          Aller Anfang war schwer. "Es ist so leicht, internationale Ingenieurswissenschaften zu fordern", erzählt Professor Jack Lohmann vom Georgia Institute of Technology in Atlanta, "aber wir haben schnell gemerkt, daß wir nur einen Teil des großen Tieres beschreiben, daß wir nicht genau wissen, was es bedeutet." Für den Ist-Zustand ist eine differenzierte Analyse entstanden, ein Schlaglicht auf die Situation der Ingenieure in sechs höchst unterschiedlichen Ländern:

          Der Brasilianer ist demnach flink im Technologietransfer, aber für seine Stellung in der Gesellschaft wie für die Infrastruktur des Landes gilt: Note mangelhaft.

          Der Chinese besticht durch Arbeitsethos und allgemeine akademische Fertigkeiten, aber Innovationskraft und Kreativität lassen zu wünschen übrig.

          Der Deutsche ist hoch angesehen, gilt als innovativ und präzise, aber eben auch als immobil und unflexibel.

          Der Japaner geht effizient mit Ressourcen um wie kein anderer Ingenieur, aber die Sitten des Landes sorgen für geringe industrielle Durchlässigkeit.

          Der Schweizer ist berühmt für seine wissenschaftlich-analytische Stärke, aber es mangelt an unternehmerischem Denken und Innovationskraft.

          Der Amerikaner profitiert von einer entwickelten Volkswirtschaft, muß sich aber zunehmend auf ausländische Talente stützen.

          Nur scheinbar widersprüchlich sei es, daß die Ingenieure immer mehr technische Details zu lernen hätten, gleichzeitig aber immer mehr "Soft Skills", sagt Charles M. Vest, emeritierter Präsident des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er betont, daß die Schlußfolgerung einer vergleichenden Studie nicht sein dürfe, daß alle Ingenieure künftig gleich sein sollten. Und doch gibt es gemeinsame Anforderungen. Zuerst müßten die Universitäten reagieren, fordern Bernhard Plattner von der ETH Zürich und Bernd Widdig vom MIT. Die internationale Ausrichtung ihrer Curricula müsse Vorrang bekommen und nicht nur als Extra verstanden werden. "Wir hatten eine große Debatte über die Lehrpläne", sagt Reiner Anderl, Vizepräsident der federführenden TU Darmstadt. "Wir alle glauben, daß es schon auf dem Undergraduate-Level beginnen muß." Und zwar gründlicher als bisher. Zwar böten Universitäten eine ganze Reihe von Programmen an, die Akademiker auf die internationale Arbeitswelt vorbereiten sollen, doch klagen die Professoren, daß nicht systematisch überprüft werde, wie erfolgreich diese Programme wirklich sind.

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