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Studium generale : Wasserbau-Lektionen für Sozialarbeiter

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Simon Hanack und Lisa Mehlhorn in der Eingangshalle der University of Applied Sciences in Frankfurt Bild: Frank Röth

Einige Hochschulen verpflichten ihre Studenten, allgemeinbildende Vorlesungen zu besuchen. Mancher ärgert sich darüber – zurecht?

          Wenn Kinder oder Enkel von ihrem Studium erzählen, von Bachelor und Master, Modulen und Regelstudienzeit, erinnern Eltern und Großeltern gern an die vermeintlich guten alten Tage, in denen an der Uni noch Zeit war für Ausflüge in benachbarte Disziplinen. Auch damals nutzte nicht jeder die Möglichkeit, den Horizont zu erweitern, aber die Generation „Credit Point“ der Nach-Bologna-Ära tut sich damit noch schwerer. Die Frankfurt University of Applied Sciences und die Universität Mainz halten trotzdem den Anspruch hoch, die Allgemeinbildung ihrer Studenten zu fördern: Sie gehören zu den Hochschulen mit einem eigenen Studium-generale-Angebot.

          Schon seit zehn Jahren gibt es an der Frankfurt University - vormals Fachhochschule - ein solches Programm, an dem sogar alle Studenten teilnehmen müssen. Vier Semesterwochenstunden sieht die Studienordnung dafür vor, unabhängig davon, welches reguläre Fach die Teilnehmer belegen.

          Notwendiges Übel oder echte Bereicherung?

          Simon Hanack, 34 Jahre alt, hat an der Fachhochschule Soziale Arbeit studiert und anschließend gleich einen Job in der Ausländerbehörde des Hochtaunuskreises gefunden. An das Studium generale erinnert er sich noch gut. „Der Ruf bei den Studenten war nicht gerade überwältigend“, sagt er. Deshalb hat er dieses „notwendige Übel“ ganz ans Ende seines Studiums geschoben. Er landete im Themenblock „Natur und Technik“ beim Wasserbau, es ging um Rheinbegradigung.

          Bereut hat er diese Wahl nicht. Heute schwärmt er von einer Exkursion nach Iffezheim, wo seine Gruppe eine Staustufe besichtigt hat. „Die Bauingenieure unter uns waren sehr überrascht, dass man auch Gruppenarbeit machen kann“, erzählt er lachend. Sein Fazit: Es sei sehr gut, dass man bei den sonst sehr spezialisierten Studiengängen einmal über den Tellerrand schauen könne. Es sei interessant gewesen zu sehen, dass technische Projekte auch soziale Auswirkungen haben können, wie etwa die Enteignung von Grundstücken oder Zwangsumsiedlungen von Anwohnern bei der Begradigung des Rheins. „Vielleicht denkt ja später ein Ingenieur auch mal anders nach, wenn er etwas baut“, sagt Hanack.

          Lisa Mehlhorn studiert an der Frankfurt University Public und Non-Profit Management im fünften Semester. Auch ihr hat das Studium generale gefallen, sie hatte sich für das Thema Energiewirtschaft entschieden. Ein Architekturstudent habe in ihrer Gruppe das Design für die gemeinsame Hausarbeit entwickelt, und sie selbst habe viel von den Teilnehmern anderer Fachrichtungen gelernt, vor allem über das Arbeiten in einem Team. „Das macht einen auch offener für die Zukunft in einem Unternehmen.“

          Wie entstehen eigentlich Abgase in einem Motor?

          Freiwillig hätten sich wohl weder Mehlhorn noch Hanack dazu durchgerungen, Veranstaltungen anderer Fächer zu belegen. Beide sind sich einig: Dafür fehle im straff durchorganisierten Studium einfach die Zeit. Dabei haben eine umfassende Bildung und interdisziplinäres Wissen auch in der modernen Berufswelt ihren Wert: Sie gehören zu den vielbeschworenen „soft skills“, die Arbeitgeber immer wieder einfordern. „Wer lernt, in fachübergreifenden Teams zusammenzuarbeiten und über den Tellerrand des Fachstudiums zu blicken, der ist auch für den Beruf gut gerüstet“, sagt Sabrina Engelmann, die an der Frankfurt University das Studium generale betreut. Wie sich Bäume beim Wachstum dem Wind anpassen, wie man Bürger für das Recycling gewinnt, wie in einem Motor Abgase entstehen - das alles sind Themen für das Studium generale. Die Studenten sollten zu „reflektierten Mitgliedern einer verantwortungsvollen Gesellschaft“ heranreifen, die den Blick über die Fachgrenzen „als selbstverständlich erachten und als unerlässliches Element des Miteinanders schätzen“, meint Kira Kastell, Vizepräsidentin der Frankfurt University für Studium und Lehre.

          An der Universität Mainz ist das Studium generale etwas anders organisiert als in Frankfurt. Ein eigenes Institut soll dort das Fachstudium interdisziplinär erweitern und übergreifende Ansätze in Forschung und Lehre fördern. Viele der Veranstaltungen sind auch für interessierte Bürger offen, die weder studieren noch lehren. Nach Einschätzung von Institutsleiter Andreas Cesana müssen die Einzeldisziplinen über Fachgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Wissenschaftliches Erkennen und Lebenspraxis sollen dabei stärker als üblich zusammenrücken. „Je reicher wir an Information und Wissen sind, desto ärmer scheinen wir an Orientierungskompetenz zu werden. Diese Kompetenz kann auch als Bildung bezeichnet werden“, heißt es dazu auf der Internetseite des Instituts.

          Das Mainzer Studium generale ist eine der traditionsreichsten Einrichtungen dieser Art in Deutschland, es wurde 1948 gegründet. „Weitung des Blicks, Vertiefung des Wissens, persönliche und politische Bildung“ waren damals die erklärten Ziele. Zum Studium generale zählen heute die „Mainzer Universitätsgespräche“, Ringvorlesungen und die Vorlesungsreihe der Gutenberg-Stiftungsprofessur jeweils im Sommersemester. Dazu kommen Einzelvorträge, Kolloquien, Lesungen, Tagungen, Symposien, Workshops und Ausstellungen. Aktuell stehen Themen wie das „Zuviel an Internet und Smartphones“ auf dem Programm, die „Pharmazeutische Forschung, Markt und Verantwortung“ sowie „Heimat heute“. Für etliche Bachelor- und Master-Studiengänge sind Teile des Studium generale auch in Mainz verpflichtend. „Viele Studierende sind bereit, noch etwas zusätzlich zu den engen Vorgaben ihres Studiengangs zu machen, möchten dafür aber auch Punkte oder ein Zertifikat haben“, sagt Edith Struchholz-Andre, stellvertretende Leiterin des Mainzer Instituts. „Freieres Studieren kennen sie nicht mehr, denn ihnen wurde durch die Studienreform ja mitgegeben, dass sie ganz gezielt studieren sollen.“ Vereinzelt gebe es aber auch noch junge Männer und Frauen, die an Veranstaltungen teilnähmen, ohne dass sie Punkte dafür bekämen. In den drei Vorlesungsreihen und zehn Seminaren, die nur für Studenten im Wahlpflichtbereich offenstehen, sitzen je Semester etwa 300 bis 400 Hörer - die Uni Mainz hat 32.000 Studenten.

          Suppenküche auch ohne Credit Points

          An der Frankfurt University mit ihren 13.000 Studenten nehmen je Semester 800 bis 1000 an den interdisziplinären Veranstaltungen teil, bisher haben 12.000 das Studium generale absolviert. Jedes Projekt wird von Lehrenden aus drei Fachdisziplinen betreut. So müssten auch die Dozenten sich austauschen und so formulieren, dass Fachfremde folgen könnten, erläutert Vizepräsidentin Kastell.

          Das Studium generale der Frankfurt University ist in dieser Form ziemlich einzigartig in Deutschland. Die vier Wochenstunden müssen im Curriculum der einzelnen Fächer eingespart werden. Das nimmt die Hochschulleitung gern in Kauf. „Wenn ich daraus ein Wahlpflichtmodul machen würde, würden mir die Studenten in Scharen davonlaufen“, sagt Kastell scherzhaft. Denn die Teilnehmer merkten meist erst hinterher, was sie davon hätten. Es gebe heute kein Fachgebiet mehr, auf dem man später im Beruf nicht interdisziplinär arbeiten müsse.

          „Bei der steigenden Konkurrenz der Hochschulen untereinander kommen schon manche Studenten auf die Idee, ihnen könnte durch die Verpflichtung zum Studium generale ja ein ganzes Modul ihres eigenen Faches fehlen“, glaubt Fachhochschulabsolvent Hanack. Auch deshalb habe es ihm zunächst missfallen, dass die Teilnahme vorgeschrieben gewesen sei.

          Dass die Erfahrungen im Studium generale dennoch nachhaltig wirken können, zeigt ein Projekt, das „Soziale Verantwortung“ zum Thema hatte. Die Studenten haben dabei eine Suppenküche für Bedürftige aufgebaut. Als das Projekt beendet war, haben sie trotzdem weitergemacht - ohne dass es dafür Credit Points gab.

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