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Studium generale : Im Studentenschullandheim

  • -Aktualisiert am

Konzentriert: Die Kollegiaten in Tübingen Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Abiturienten können im Tübinger Leibniz- Kolleg ein zehnmonatiges Studium generale absolvieren. Hier leben und lernen sie unter einem Dach - nach alten Idealen, aber mit modernen Inhalten.

          Der Geist, der in diesen Räumen weht, ist von gestern. Beim Eintreten ins Leibniz-Kolleg landet der Besucher geradewegs im Treppenhaus, wo unter den ersten Stufen eine Telefonkabine mit Münzapparat eingepasst ist. Im ersten Stock links sitzt Direktor Michael Behal und empfängt Gäste auf eleganten hölzernen Stühlen mit halbkreisrunder Rückenlehne aus einer längst untergegangenen Tübinger Stuhlfabrik. Der Gang rechts führt direkt in den Seminarraum, das holzvertäfelte frühere Refektorium. In der Rumpelkammer daneben ist sogar noch der Speiseaufzug vorhanden. Und die Zehn-Quadratmeter-Zimmer im zweiten und dritten Stock, in denen die 53 Leibniz-Kollegiaten in der Regel zu zweit wohnen, sind noch mit Wandschrank und Alkoven ausgestattet.

          Das Äußere spiegelt den Geist des Tübinger Kollegs - und dessen Gegensatz zum Zeitgeist mit seinen Schlagworten wie Employability, Effizienz, Bologna-Reform könnte kaum größer sein. Das Bildungsideal in der Brunnenstraße, gleich gegenüber der Universitätsbibliothek, ist klassisch-humanistisch: Zehn Monate lang absolvieren Abiturienten hier ein Studium generale. Ohne Notendruck bekommen sie Einblick in Geistes-, Sozial-, Rechts- und Naturwissenschaften und lernen die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens kennen. Die Dozenten kommen größtenteils von der Universität. Dafür zahlen die Schüler - oder ihre Eltern - je Monat 440 Euro, Wohnkosten inklusive. Auf die 53 Plätze bewerben sich jährlich rund 150 Interessenten.

          Der Direktor zählt sich zum Mobiliar

          Jura um zehn. Lena referiert zum Mietrecht. Es ist hochsommerlich warm, die elf Teilnehmer sitzen in Badeurlaubsgarderobe im Saal, als Begleitmusik tönt durch die offenen Fenster Vogelgezwitscher herein. Dozent Reiner Raisch, neben Direktor Behal, der Sekretärin und der Hausmeisterin der einzige hauptamtliche Mitarbeiter des Kollegs, braucht jedoch nicht ein einziges Mal um Ruhe zu bitten. Alle sind motiviert, schreiben mit, beteiligen sich. Das Fallbeispiel ist schnell geklärt: Der Vermieter hat vor einem Jahr die Miete von 900 Euro auf 1000 erhöht; die ortsübliche Vergleichsmiete beträgt aber 1200 Euro, und er möchte nun auf diesen Betrag erhöhen. „Darf er das?“, fragt Lena. „Nein, freilich nicht. Innerhalb von drei Jahren darf die Miete nicht über 20 Prozent steigen“, antwortet eine Teilnehmerin.

          Aus ganz Deutschland kommen die Teilnehmer...

          Direktor Michael Behal, 1947 in Palästina geboren, mit den Eltern nach Kalifornien emigriert, studierte in Berkeley Germanistik und Romanistik. Er zählt sich zum Mobiliar des Kollegs, so sehr ist er mit ihm verwachsen in den vergangenen 34 Jahren. Wenn er zum Bewerbungsgespräch bittet, serviert er auf silbernem Tablett Tee, wohlwissend, dass es länger dauern kann - manchmal fünfeinhalb Stunden. „Ich möchte auch denen eine Chance geben, die ruhig sind, die vielleicht verborgene Talente haben.“ Zur Ausstattung des Hauses sagt er: „Wir sind schon sehr spartanisch. So konzentriert man sich aufs Wesentliche.“ Das Wesentliche heißt hier: Lernen, den Blick weiten. Dabei ist das Einzigartige nicht das Studium generale. Die Besonderheit liegt in der Einheit von Lernen und Wohnen unter einem Dach. „Weil wir hier zusammen lernen und wohnen, gehen die Gespräche nach den Seminaren weiter“, sagt Behal. Studieren ist gleich Leben - und umgekehrt.

          Schwierige Finanzierung

          Die Idee klingt gut, doch das Leibniz-Kolleg hat schon bessere Tage gesehen. 1948 auf Initiative der französischen Besatzung als Teil der Universität in dem wuchtigen Bau eröffnet, der schon vor dem Zweiten Weltkrieg Studenten beherbergte, erlangte es in den fünfziger Jahren ein solches Prestige, dass ihm im Brockhaus ein eigener Eintrag gewidmet wurde. Weil die Universität das Kolleg dann nicht weiterführen wollte - eine privilegierte Elite war im Klima der Achtundsechziger nicht erwünscht -, kam es 1971 zur Ausgliederung. Zunächst bestand das Kolleg als Verein fort, seit 1991 ist es eine Stiftung. Da in sieben Jahren das Geld aus dem Verkauf zweier Grundstücke aufgebraucht sein wird und die Gebühren den Bedarf nur zur Hälfte decken, ist Michael Behal nun auf der Suche nach einem alternativen Finanzierungsmodell. Im Blick hat er auch die früheren Schüler. „Wir haben ungefähr 3000 Ehemalige“, sagt er. „Wenn die im Jahr 200 Euro geben, sind wir finanziert.“

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