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Studieren ohne Abitur : Vom Meister zum Master

  • -Aktualisiert am

Nachtschicht an der Uni Bild: Jens Gyarmaty / VISUM

Wer eine Lehre in der Tasche hat oder einen Meistertitel, kann auch ohne Abitur studieren – und das sogar mit Vorteilen gegenüber klassischen Studenten.

          Michael Kennel hätte nie gedacht, dass er einmal studieren würde. Der 26-Jährige machte nach seiner Schulzeit eine Ausbildung als Mechatroniker im Industriebereich beim Automobilhersteller Opel in Kaiserslautern. Danach ging er an die Meisterschule, ist nun Industriemeister für Mechatronik und arbeitet Vollzeit bei Opel als Ausbilder der Mechatronik-Lehrlinge. „Mir war es wichtig, erst mal eine Ausbildung in der Tasche zu haben, auf die ich zurückgreifen kann“, sagt Kennel. Doch das reichte ihm nicht: Seit drei Semestern studiert er berufsbegleitend das Studienfach Industrial Engineering an der Hochschule Kaiserslautern. Sein Ziel: „Ich will danach gern auf der Managerebene arbeiten.“

          Kennel hätte auch direkt studieren können, seine Fachhochschulreife hatte er schließlich schon durch seinen Schulabschluss erworben. Viele seiner Kommilitonen jedoch haben ihre Zugangsberechtigung nur über ihre berufliche Qualifikation erhalten. In Deutschland können sich Menschen seit dem Jahr 2009 über den sogenannten dritten Bildungsweg an Unis einschreiben – über praktische Berufserfahrung also, etwa mit einer Ausbildung zum Meister. 14 600 Menschen ohne Abitur haben sich im Sommersemester 2018 und im Wintersemester 2018/19 an deutschen Universitäten eingeschrieben. Das sind rund drei Prozent aller Neueinschreibungen. Vom Meister zum Master – ist das ein Erfolgsrezept?

          Die Möglichkeit, auch ohne Abitur zu studieren, kann eine große Chance sein. Davon ist Michael Meister überzeugt. Er ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung. „Das eröffnet jungen Menschen, die sich für eine duale Ausbildung entscheiden, eine zusätzliche Perspektive“, sagt er. Das Bildungssystem werde dadurch durchlässiger. Dass dem Handwerk dadurch Fachkräfte verlorengehen könnten, sieht Meister nicht allzu pessimistisch. Zwar sei es ein Risiko, wenn sich Auszubildende zunehmend für ein Studium entschieden – doch es überwiege der positive Effekt. „Die Attraktivität einer dualen Ausbildung im Handwerk steigt drastisch an, wenn ich weiß, dass ich vielfältige Entwicklungschancen habe“, sagt er.

          Änderungen beim Aufstiegs-Bafög

          Das Bundesbildungsministerium will Auszubildenden deshalb verstärkt Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Von Sommer 2020 an soll sich das sogenannte Aufstiegs-Bafög ändern – Fortbildungen aller Art würden somit gefördert. Dazu zählen der Bachelor, aber auch andere Weiterbildungen wie etwa Seminare zur Buchführung. Das Bundesministerium will dafür jährlich 350 Millionen Euro zusätzlich investieren. Das diene auch dem Ansehen des Handwerks, ist Meister überzeugt. In Zusammenarbeit mit der Kultusministerkonferenz 2013 hat das Bildungsministerium darüber hinaus den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) eingeführt. Er stuft verschiedene Abschlüsse in Kategorien ein – Meister und Bachelor etwa sind in der gleichen Kategorie. Das führt laut Meister zu einer besseren internationalen Wahrnehmung. „So können auch Handwerker einfacher im Ausland arbeiten, das ist sicherlich ein Pluspunkt fürs Handwerk“, sagt er.

          Michael Kennel setzt darauf, dass ihn sein doppelter Abschluss beruflich weiterbringt. Das Studium in Kaiserslautern hilft ihm allerdings schon jetzt. „Viel gelernt habe ich zum Beispiel in der Vorlesung Werkstoffkunde“, sagt er. „Ich weiß jetzt mehr darüber, was zum Beispiel die Belastbarkeit von verschiedenen Materialien betrifft.“ Das Ganze zu lernen bedeutet für ihn allerdings einen großen Mehraufwand. „Man muss Ehrgeiz haben, um sich durchzubeißen“, sagt er. Für seine akademische Weiterbildung plant der Industriemeister mit bis zu zehn Stunden Nachbereitungszeit in der Woche sowie alle zwei Wochen 14 Stunden Präsenzzeit – zusätzlich zu seinem Vollzeitjob.

          Viele fragen zu Beginn

          Kann das überhaupt funktionieren? Und wie lässt sich ein solcher zusätzlicher Stress bewältigen? Antworten darauf gibt Yvonne Flöck. An der Universität Koblenz/Landau berät sie Menschen, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation studieren dürfen. Flöck koordiniert das Projekt „Ressourcen² – Studieren mit Berufserfahrung“, das die Universität im Jahr 2011 ins Leben gerufen hat. Ziel ist es, mehr und vor allem unterschiedliche Bildungswege zu ermöglichen. „Die ersten Fragen an mich sind oft: Was kann ich überhaupt studieren? Was passt zu meinen beruflichen Vorkenntnissen? Was kostet das? Wie viel Zeit muss ich für das Studium investieren?“, sagt sie.

          Für eine Beratung nimmt sie sich Zeit: Ein Gespräch dauere in der Regel mindestens eine Stunde. Gerade organisatorische Fragen seien vor einem etwaigen Studienanfang mit den Kandidaten zu klären. „Viele wollen ja ihren bisherigen Lebensstandard halten und auf ihre handwerkliche Bildung aber noch eine akademische Bildung draufsatteln“, sagt Flöck.

          Elektroniker in den Hörsaal

          Nicht jeder, der studiert habe, gehe dem Handwerk danach verloren, ist sie überzeugt. „Einige wollen beispielsweise später als Lehrer an Berufsschulen ihr Wissen weitergeben.“ Eine akademische Qualifizierung von Meistern könne gerade in der Arbeitswelt der Zukunft ein Gewinn sein, glaubt sie. Zunächst einmal eine Ausbildung zu absolvieren, hält Yvonne Flöck schon aus eigener Erfahrung für sinnvoll: Sie ist gelernte Krankenschwester und studierte danach Sozialpädagogik. Und zwar bis hin zur Promotion.

          Eine Berufsausbildung vor dem Studium birgt viele Vorteile. Davon ist auch Rita Petry überzeugt: „Dadurch lernt man, eine gewisse Struktur ins Leben zu bringen – und sammelt Praxiserfahrung.“ Petry arbeitet seit 30 Jahren bei der Handwerkskammer Pfalz. Sie ist Geschäftsbereichsleiterin für den Bereich Berufsbildung und unterrichtet Berufs- und Arbeitspädagogik an der Meisterschule. Zuvor hatte sie eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin absolviert und anschließend Betriebswirtschaftslehre studiert. Ihr Ziel: die Berufsausbildung attraktiver machen – mit der Option aufs Studium. „Wir haben rückläufige Ausbildungszahlen im Handwerk, auch wenn es in den vergangenen zwei, drei Jahren wieder besser aussieht“, sagt sie.

          Um diesen Trend zu stärken, arbeitet die Handwerkskammer unter anderem mit Hochschulen im Umkreis zusammen. So gibt es ein gemeinsames Projekt mit der Hochschule Kaiserslautern: Über „LehreplusHS“ haben junge Elektroniker die Möglichkeit, schon während der Ausbildung Vorlesungen und Seminare im Bachelorstudiengang Automatisierung und Mechatronik zu besuchen. Die Veranstaltungen können sich Auszubildende später für ein Studium oder die Meisterprüfung anrechnen lassen. Auch bietet die Handwerkskammer einen sogenannten „Betriebswirt des Handwerks“ an – mit einem Abschluss auf Masterniveau. Rita Petry ist vor allem wichtig, dass berufliche und akademische Bildung vergleichbar geworden sind. „Wenn man heute als junger Mensch eine berufliche Entscheidung trifft, ist das keine endgültige Entscheidung“, sagt sie. Denn: „Heutzutage muss man sich schließlich ständig weiterbilden.“

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