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Studieren ohne Abitur : Vom Bolzplatzhelden zum Bachelor

Bild: FAZ.NET

Studieren ohne Abitur ist in Deutschland ein bürokratischer Akt. Jedes Bundesland hat seine eigenen Regeln. Viele Interessierte vermissen im Dschungel der verschiedenen Vorschriften verlässliche Informationen - und suchen statt dessen ihr Glück im Ausland.

          Wer die Lebensgeschichte von Reinhold Dreband nur in Ausschnitten kennt, könnte ihn für einen Klischee-Vertreter der bildungsfernen Schicht halten: aufgewachsen in einem kleinen Dorf am Rhein, der Vater Lkw-Fahrer, die Mutter Hausfrau. „Als Jugendlicher war ich nach der Schule fast jeden Tag auf dem Bolzplatz“, erzählt Dreband. Die Jungs vom Bolzplatz gingen alle in die Hauptschule, und nach dem Abschluss gingen sie arbeiten - falls sie Arbeit fanden. Dreband hielt als Einziger durch bis zur mittleren Reife. Dann war auch für ihn Schluss. „Geh Geld verdienen!“, sagten die Eltern. „Was hängst du noch auf der Schule rum?“, fragten die Freunde. „Abitur, Studium - das war bei uns wie eine andere Welt“, sagt er.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Reinhold Dreband suchte sich einen Ausbildungsplatz als Kommunikationselektroniker. Danach wechselten die Jobs, unterbrochen von Phasen der Arbeitslosigkeit, bis er schließlich in der Entwicklungsabteilung einer Bildbearbeitungsfirma unterkam. Doch auch dort folgte bald Ernüchterung. „Ich hatte quasi keine Aufstiegsmöglichkeiten. Ich arbeitete gut mit den Ingenieuren zusammen, gab ihnen manchmal sogar wertvolle Tipps. Doch für die Positionen, die mich interessierten, brauchte man durchweg einen Hochschulabschluss. Lange Zeit dachte ich aber, der Weg zum Studium sei mir versperrt, weil ich ja nur die mittlere Reife hatte.“

          Heute steht Dreband kurz vor einem Bachelorabschluss an der Fachhochschule Bingen. Das verdankt er, wie er sagt, „vor allem einem glücklichen Zufall“. Während einer Plauderei mit seinem Vorarbeiter hatte er erfahren, dass man in vielen Bundesländern auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife studieren kann. „Da bin ich aus allen Wolken gefallen.“

          „Riesige Informationslücken“

          Sigrun Nickel, Wissenschaftlerin am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und Autorin einer empirischen Studie über das Studieren ohne Abitur, kennt solche Geschichten gut. „So geht es vielen Betroffenen“, sagt sie. „Obwohl das Thema ein echter Dauerbrenner in der bildungspolitischen Debatte ist, stellen wir immer wieder fest, dass es riesige Informationslücken gibt. Nicht zuletzt, weil die Möglichkeiten zum Studium ohne Abitur in allen Bundesländern unterschiedlich sind und Interessenten den Dschungel der Regelungen einfach nicht durchschauen.“

          Überall gilt: Die Interessenten müssen eine gewisse berufliche Qualifikation mitbringen. Nicht immer muss das der Meisterbrief oder ein Fachwirt sein. „Ein länderübergreifendes Informationsbüro, das Kandidaten erklärt, wo sie sich unter welchen Bedingungen wissenschaftlich weiterqualifizieren können, fehlt in Deutschland“, kritisiert CHE-Forscherin Nickel. „Kein Wunder, dass so mancher es gar nicht versucht und direkt ins Ausland geht, wo die Zugangsvoraussetzungen oft großzügiger und übersichtlicher sind.“

          Locker geht es in England zu

          Gabi Becker ist so ein Fall. Sie steht kurz vor dem Ende eines MBA-Studiums an der Business School der Open University (OU) in Großbritannien. Diese Fernuniversität hat sich auf die Fahnen geschrieben, offen für alle Studieninteressierten zu sein. Dort verlange niemand das Abitur oder andere formelle Abschlüsse, sagt Becker. Statt dessen musste die 46 Jahre alte Software-Vertriebsspezialistin Vorstellungsgespräche absolvieren und darin Motivation, Vorwissen und Englischkenntnisse demonstrieren. „Dieser Weg war für mich sehr angenehm“, berichtet Becker. „Denn ich habe es immer als persönliches Manko empfunden, dass mir das Abitur fehlt. Vor allem wegen des ständig angeknacksten Selbstwertgefühls gegenüber meinen Kollegen in der IT-Branche, die zu 95 Prozent ein Examen haben.“

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