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Zugang zur Hochschule : Den Studenten ohne Abitur auf der Spur

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Bibliothek der Fernuni Hagen. Hier kennt man die Klientel der Studenten ohne Abitur besser als anderswo. Bild: dpa

Studenten ohne Abitur sind keine Exoten mehr. Ihr Anteil hat sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht. Allerdings: Bei weitem nicht alle Studiengänge gehen auf die Bedürfnisse dieser Studenten ein.

          Schule, Abitur, Studium - diese Abfolge gilt immer noch als Königsweg akademischer Bildung. Allerdings wächst die Zahl abweichender Biographien, und Studenten ohne Abi, die sich zum Beispiel mittels beruflicher Erfahrung für ein Studium qualifiziert haben, sind keine Exoten mehr. Im Jahr 2000 lag ihr Anteil unter allen Studenten noch bei 0,6 Prozent, inzwischen hat er sich vervierfacht. Die Fernuniversität Hagen, seit langem Hauptadresse solcher Studenten, berichtet von einem Forschungsprojekt, das diese Klientel in der Anfangsphase ihres - oft berufsbegleitenden - Studiums genauer beleuchtet. Hier machten beruflich Qualifizierte im Wintersemester 2014/2015 ein Drittel aller Studienanfänger aus. Rund 11.000 Studenten mit Berufserfahrung, aber ohne Abitur waren eingeschrieben; das sind etwa 85 Prozent aller beruflich Qualifizierten an deutschen Universitäten. In Hagen wähnt man sich daher dieser Gruppe besonders nah. Zumal ihr Anteil an der Studentenschaft bei rund 14 Prozent lag, während dieser Wert an deutschen Hochschulen insgesamt in der Vergangenheit gerade mal 2 bis 3 Prozent erreichte.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von den 77.000 Studenten in Hagen sind 80 Prozent berufstätig, 42 Prozent haben bereits einen ersten Studienabschluss, 59 Prozent kommen aus einem Elternhaus ohne Hochschulabschluss. In ersten Zwischenergebnissen des Forschungsprojekts hieß es jetzt, dass Studenten mit beruflicher Erfahrung, aber ohne Abitur, die Inhalte ihres Studiums zwar besser mit dem Berufsleben abgleichen können, dass sie aber auch einige Hürden nehmen müssten: Wissenschaftliche Texte zu schreiben sei eine größere Herausforderung für sie, Gleiches gelte für die Balance zwischen Studium, Beruf, Familie und Freizeit.

          Nur jeder zehnte Studiengang kann in Teilzeit studiert werden

          Auf Nachfrage erklärt Ada Pellert, die Rektorin der Fernuniversität Hagen, was sie von den beruflich Qualifizierten erwartet - und was nicht. Spätere wissenschaftliche Arbeit etwa spiele keine Rolle. „Heute studieren viele junge Menschen, auch mit Abitur, ohne dass sie beruflich nachher im akademischen Bereich tätig werden“, sagt sie. „Dieses Kriterium taugt heute nicht dazu, den Erfolg eines Studiums zu messen.“ Entscheidend seien nicht die späteren akademischen Meriten, sondern die aktuellen Voraussetzungen im Studium - die einiges zu wünschen übrigließen.

          Die deutschen Hochschulen sind zwar längst für ein Studium ohne Abitur geöffnet, aber nur jeder zehnte Studiengang in Deutschland kann auch in Teilzeit studiert werden - für sogenannte nicht-traditionelle Studenten, die parallel arbeiten, keine idealen Voraussetzungen. Deshalb spricht Ada Pellert von speziellen Weiterbildungsangeboten, die - zeitlich und räumlich - auf die Zielgruppe zugeschnitten werden müssten. Außerdem müsse es in der Studieneingangsphase mehr Brücken-, Orientierungs- und Schnupperkurse geben.

          Was die Offenheit gegenüber untypischen Bildungsbiographien betrifft, sieht sie Aufholbedarf: „Deutschland hat in den letzten Jahren erheblich aufgeholt.“ Allerdings sei der Anteil der Älteren im internationalen Vergleich geringer. „In den skandinavischen Ländern, Kanada und Australien haben die über 30-jährigen Studierenden einen Anteil von 13 Prozent - bei uns ist er einstellig.“

          Uwe Marx

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