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Studieren in Zeiten von Bologna : Von Bummlern und Lernfabriken

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Obwohl es den Forschern am Hamburger Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung nie darum ging, die Belastbarkeit deutscher Studenten anhand einer bestimmten Stundenzahl zu diskutieren, werden ihre Methoden und Ergebnisse nun vor allem unter diesem Aspekt betrachtet - und heftig kritisiert: „Wenn man das Zeitbudget von nur 400 Studierenden untersucht, kann man natürlich zu anderen Ergebnissen kommen als andere Studien“, sagt beispielsweise Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW). „Für unsere Sozialerhebung haben wir hingegen 16 370 Studierende befragt. Da besteht schon ein Qualitätsunterschied.“ Die aktuelle DSW-Sozialerhebung kommt zu dem Ergebnis, dass der studentische Zeitaufwand mit den neuen Studiengängen leicht gestiegen ist: Demnach wenden Bachelor-Studenten an Universitäten 43 Stunden in der Woche auf: 37 Stunden für das Studium und 6 Stunden für den Nebenjob. An den Fachhochschulen sind es 37 und 8 Stunden. Zum Vergleich: Diplom- oder Magisterstudenten an Universitäten und an Fachhochschulen kommen auf insgesamt 42 Stunden.

Run auf die psychologischen Beratungsstellen

Die zeitliche Belastung durch das Studium während der Vorlesungszeit wird laut DSW-Erhebung von 43 Prozent der Bachelor-Studenten als hoch und von 18 Prozent als zu hoch eingeschätzt. Studierende in den alten Diplom- oder Magister-Studiengängen fällen diese Urteile mit 41 und 11 Prozent seltener. Auch der renommierte „Studierendensurvey“ der Universität Konstanz belegt das studentische Gefühl einer zu hohen Belastung: Danach macht sich die Hälfte aller Studenten Sorgen, das Studium nicht zu schaffen. Die häufigsten Gründe für dieses Gefühl sind nach der Studie „Probleme bei der Prüfungsvorbereitung durch eine zu große Stoffmenge“ und „ein eng getaktetes Prüfungssystem“.

Man müsse in dieser Diskussion die tatsächlich aufgewendete Stundenzahl vom gefühlten Leistungsdruck entkoppeln, findet Lehramtsstudent Klockewitz. „Der Arbeitsaufwand mag sich die letzten 20 Jahre im Prinzip nicht verändert haben“, sagt er. „Trotzdem ist das Studieren heute schwieriger, weil man im Rahmen von Bachelor und Master viel mehr Richtlinien erfüllen muss.“ Die Strenge der Anwesenheitspflicht, das Zählen jeder einzelnen Klausur für die Gesamtbewertung, die stoffliche Vorgabe durch einen verschulten Lehrplan: All das trage dazu bei, dass immer mehr seiner Kommilitonen zu den psychologischen Beratungsstellen liefen. „Wenn dann in den Medien den Studierenden vorgeworfen wird, sie würden an den Hochschulen nur abhängen, kann ich darüber nur den Kopf schütteln“, sagt Klockewitz.

Kaum Zeit für ehrenamtliches Engagement

Ähnliche Überlegungen stellt Meyer auf der Heyde an: Die Menge der Zeit sei nur ein Faktor unter vielen. Auch die Organisation des Studium spiele eine entscheidende Rolle. „Bereits vor Einführung von Bachelor und Master wusste man, dass diese Studiengänge sehr betreuungsintensiv sind, und hat trotzdem nicht ausreichend personelle Ressourcen zur Verfügung gestellt“, bemängelt Meyer auf der Heyde.

Am meisten bedauert Klockewitz, dass ihm sein strenger Studienplan kaum Zeit für ehrenamtliches Engagement lässt. Auch wenn dieses nicht zum Aufwand für das Studium gerechnet werde, so gehöre es doch zur Bildung dazu, meint er.

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