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Studieren in Haft : Hörsaal hinter Gittern

Im Gefängnis. Bild: dpa

Ein Studium im Gefängnis? Manchmal geht das - auch wenn es für die Anstalten viel Aufwand bedeutet. Dafür sind studierende Gefangene meistens besonders fleißig. Ihre Perspektiven sind dennoch durchwachsen.

          Man könnte es so formulieren: Der Bewerber hat umfangreiche Kenntnisse über Sicherheitstechnik und kennt sich gut in Kreditgeschäften aus. Wegen seines Interesses an Zahlen hat Herr B. sogar noch ein Studium in Wirtschaftswissenschaften begonnen und den Bachelorabschluss, mit guter Note, frisch in der Tasche. Er überlegt, einen Master dranzuhängen. Und trotzdem weiß Herr B.: „Ich mache keine große Karriere mehr.“ Denn ehrlicherweise müsste er seine Erfahrungen im Lebenslauf ein wenig anders formulieren. Nämlich so: Nach mehreren Unternehmenseinbrüchen und kürzeren Gefängnisaufenthalten wurde er nach einem erheblichen Kreditkartenbetrug zu sechseinhalb Jahren verurteilt.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Zum letzten Mal? Über diese Frage muss Herr B. einen Moment nachdenken. „Ich bin eigentlich ganz optimistisch“, sagt er schließlich. Herr B. ist ein gedrungener und höflicher Mann, 55 Jahre alt. Wenn er spricht, zeigen sich drei tiefe Falten auf seiner Stirn. Er redet ruhig und mit einem tiefen Bariton. Man kann sich gut vorstellen, wie er mit seinen Worten andere Menschen locken und verführen kann. Er selbst ließ sich früher nur von einem verführen, dem „süßen, leichten Geld“, wie er es nennt. Zu einfach sei es gewesen, andere zu betrügen.

          In etwas mehr als einem Jahr kommt er frei. Herr B. will auch nicht mehr zurück in den Knast. Aber lockt es dann nicht immer noch, das süße, leichte Geld? „Doch, schon“, sagt Herr B. und grinst. Dass er trotzdem ganz optimistisch ist, was eine straffreie Zukunft angeht, hängt mit einem Brief zusammen, der, so hofft Herr B., in Kürze in der Justizvollzugsanstalt Würzburg für ihn ankommen wird. Darin wird seine Bachelorurkunde sein, gestempelt und unterschrieben vom Präsidenten der Fernuniversität Hagen. Zum ersten Mal wird Herr B. seine Haftzeit für etwas Sinnvolles genutzt haben. „In Freiheit wäre ich wahrscheinlich nie zur Uni gegangen.“

          Studium zunächst aus reinem Kalkül

          Warum dürfen Häftlinge überhaupt studieren? Das kostet schließlich das Steuergeld der Leute, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Der Gefangene muss sich kein WG-Zimmer suchen und mit einem Nebenjob finanzieren, er muss nicht morgens zur Vorlesung eilen. Der studierende Häftling, so könnte man meinen, hat es eigentlich ganz gut. Arnd Bartelt kann nur seufzen, wenn er diese Argumente wieder einmal hört. Und trotzdem wird er nicht müde zu erklären. Dass der Staat und damit auch die Justizvollzugsanstalten einen Bildungsauftrag haben und sich bemühen sollten, die Häftlinge möglichst gut auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Resozialisierung nennt man das auch.

          Deswegen müssen Häftlinge im Gefängnis in der Werkstatt oder im gefängniseigenen Betrieb arbeiten, um sich wieder an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen. Aber muss es gleich ein Studium sein? Für das die Häftlinge sogar noch Geld bekommen? Denn die arbeitenden Kollegen werden schließlich auch entlohnt. Bartelt, der die Häftlinge betreut, seufzt ein weiteres Mal. Er nimmt den Bildungsauftrag des Gesetzgebers ernst, auch wenn sich nicht alle Häftlinge an die Regel halten. „Für einige Insassen ist es mehr Bestrafung, sie in einer Bildungsmaßnahme zu belassen, als sie rauszuschmeißen.“

          Für Herrn B. war es weder Belohnung noch Bestrafung, es war reines Kalkül, weshalb er ein Studium im Gefängnis aufnahm. Er saß zunächst in der JVA Amberg ein, in einer Zweimannzelle. Herr B. wollte eine Zelle für sich allein. „Ich bin mehr der Einzelkämpfer.“ Darauf hätte er eine Weile warten müssen. Wenn er aber ein Studium anfange, so erzählte ihm ein Kumpel, bekomme er gleich eine Einzelzelle. Herr B. ließ sich in die JVA Würzburg verlegen, ein moderner Knast in einem Gewerbegebiet mit knapp 600 Gefangenen, Männern und Frauen, die bis zu sechseinhalb Jahre einsitzen müssen. Jeder bayrische Häftling, der studieren möchte, kommt nach Würzburg, denn es ist die einzige JVA in dem Bundesland, die dieses Angebot hat. Viele Anstalten scheuen wohl den Aufwand.

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