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Studieren im Ausland (13) : São Paulo - brasilianischer Fluchtpunkt

Die Nummer eins in Südamerika: An der „Universidade de São Paulo“ bewegen sich ausländische Studenten auch architektonisch in einer anderen Welt. Bild: Getty

Der riesige Campus bietet inmitten einer nervenaufreibenden Metropole Ruhe, viel Platz sowie exzellente Ausbildung – und das gebührenfrei. Aber die Sprachbarriere schreckt ab.

          Einen Grenzposten gibt es nicht. Aber eine Sicherheitskontrolle schon. Bei der werden Autos und Busse, Mopeds und Fahrräder aber in aller Regel durchgewinkt. In ein anderes Land kommt man nicht, wenn man von São Paulo nach Uspi fährt. Aber in eine andere Stadt schon. Und irgendwie auch in eine andere Welt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Eine Stadt mit dem Namen Uspi gibt es natürlich nicht in Brasilien. So spricht man auf Portugiesisch bloß die Abkürzung USP aus, die ihrerseits für „Universidade de São Paulo“ steht. Die USP ist die größte staatliche Universität Brasiliens und eine der besten Hochschulen Lateinamerikas. Sie hat rund 90 000 Studenten. Gegründet wurde die USP offiziell zwar erst 1934. Weil im Leben akademischer Einrichtungen eine lange Tradition aber viel zählt, gibt sie ihr Alter heute mit 190 Jahren an. Ihre älteste Fakultät, die juristische, wurde nämlich schon 1827 gegründet. Auch andere Fachbereiche, die 1934 zur heutigen USP zusammengefasst wurden, etwa Ingenieurwesen, Pharmazie, Astronomie und Geowissenschaften, haben ihre Wurzeln tief im 19. Jahrhundert.

          Der Hauptcampus der USP in São Paulo ist einer von insgesamt elf, die über sieben Städte des Bundesstaates São Paulo verteilt sind. Der riesige Campus im Stadtteil Butantã von São Paulo heißt nicht nur „Cidade Universitária“ (Universitätsstadt). Er ist auch eine richtige Stadt – mit eigenem Bürgermeisteramt, eigenen Verwaltungseinrichtungen, eigener Polizei.

          In einer anderen Welt

          Dass man sich auf dem Campus der USP in einer anderen Welt und eigentlich nicht in der Wirtschaftsmetropole São Paulo befindet, fällt sofort ins Auge und auch ins Ohr. Die Grünflächen sind weitläufig und gepflegt, die Fahrradwege breit und von Palmen gesäumt, der moderate Autoverkehr fließt in der campusweiten Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern dahin. Die schroffe Betonwüste São Paulo, wo die Menschen in Büro- und in Wohntürmen gehalten werden, der chaotische und stinkende Straßenverkehr, die hektische Geschäftigkeit – das alles ist vom USP-Campus zwar nur ein paar Kilometer, aber eben doch eine Welt entfernt.

          Was es in der Megacity São Paulo und in der gesamten Metropolenregion mit ihren gut 21 Millionen Einwohnern fast nirgendwo gibt, das gibt es in der Universitätsstadt der USP: Platz und Ruhe. Hier findet man die Muße und die erforderlichen Einrichtungen, als Wissenschaftler und Forscher den Dingen auf den Grund zu gehen oder sich die notwendigen Kenntnisse anzueignen, um später einen Spitzenjob außerhalb der akademischen Welt zu bekommen. Auch Museen, etwa für Gegenwartskunst und Stadtgeschichte, gibt es auf dem Campusgelände, ebenso wie ein Kino und ein Schwimmbad, Fußballfelder und Tennisplätze sowie ein Velodrom und eine olympische Ruderstrecke.

          Wer es als Student oder Dozent an die USP geschafft hat, ist in vielerlei Hinsicht privilegiert. Jedes Jahr unterziehen sich gut 140.000 Abiturienten dem gefürchteten „Vestibular“, einem mehrtägigen Eignungstest in Allgemeinbildung und Fachwissen, um einen der jährlich knapp 10.000 neuen Studienplätze an der USP zu ergattern. Die USP erhebt als staatliche Universität keine Studiengebühren. Die Ausbildung an der Spitzenuniversität ist daher auch für Studenten aus einkommensschwachen Familien möglich. Schulabgänger von staatlichen Gymnasien in ländlichen Gebieten und in den Armenvierteln der Großstädte sowie Angehörige von Minderheiten erhalten beim „Vestibular“ zudem einen Punktebonus. Das erhöht die Diversität der früher fast ausschließlich weißen Studentenschaft.

          Studieren im Ausland
          Korrespondenten der F.A.Z. beleuchten die Hochschulszene in vielen aufregenden Studentenstädten.


          Kinder aus wohlhabenden Familien, die sich teure Privatschulen leisten können, fühlen sich ihrerseits aber ungerecht behandelt: Ihnen bleibt ungeachtet ihrer sehr guten akademischen Leistungen und trotz ihrer Punktebestwerte beim „Vestibular“ oftmals der Weg an die kostenfreien staatlichen Spitzenuniversitäten versperrt.

          In der polarisierten und überpolitisierten öffentlichen Debatte Brasiliens nehmen die Studenten und auch die meisten Professoren staatlicher Universitäten überwiegend dezidiert linke Positionen ein. Als die Gewerkschafts-Dachorganisation CGT Ende April zum eintägigen Generalstreik gegen die geplante Arbeitsrechts- und Rentenreform der konservativ-liberalen Regierung unter Präsident Michel Temer aufrief, fand der Aufruf bei der USP breiten Widerhall. Am Streiktag selbst ruhte der Betrieb auf dem Campus der USP weitgehend. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen militanten Studenten und der Polizei, als die Beamten eine Straßenblockade an der Zufahrt zum Campus räumten.

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