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Studienorientierung : Suche Zukunft – biete mich

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So viele Wahlmöglichkeiten: Im überfüllten Hörsaal kann man da schnell mal ins Grübeln kommen. Bild: ddp Images

Kein Plan und kein Druck: Auf der Suche nach dem passenden Studium oder Beruf verlieren viele die Orientierung. Goldene Zeiten für Berater.

          Arbeiten in Italien, reisen in Frankreich und Südostasien: Nach ihrem Abitur wollte Viktoria Mank erst mal weg. „Ich dachte, dabei werde ich schon irgendwie die Erleuchtung bekommen, was ich machen will. Aber so kam es halt nicht“, erzählt sie. Nach einem Jahr Pause wusste sie immer noch nicht, wo es in ihrem Leben hingehen soll. So wie ihr geht es vielen Schulabgängern. Ungefähr 20.000 Studiengänge gibt es in Deutschland. Das hört sich nach unschlagbarer Vielfalt an – es schafft aber auch unwahrscheinliche Verwirrung. Vor allem wenn es darum geht, sich für einen zu entscheiden. „Das Arbeitsmarkt- und Studiengang-Angebot ist unübersichtlich geworden“, findet auch Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands.

          Der 18 Jahre alte Johannes Leistner macht in diesem Jahr Abitur. Bis vor kurzem war auch er noch unsicher, wo es hingehen soll. Wenn möglich, will er aber gar nicht in Viktoria Manks Situation kommen. In diesen verschiedenen Ausgangslagen entscheiden sich beide für einen eher außergewöhnlichen Weg: Sie besuchen ein privates Coaching. Das kostet zwar einiges, aber danach wissen beide genauer, was sie wollen.

          Annette Gröger arbeitet selbständig als private Berufs- und Studienberaterin. Sie ist Psychologin und versucht zusammen mit jungen Menschen herauszufinden, was für diese der richtige Weg ist. Es gehe ihr dabei nicht darum, so früh wie möglich Lebensläufe zu optimieren: „Ein Coaching ist eine Abkürzung und arbeitet gegen schwindendes Selbstvertrauen“, sagt sie. „Und gegen Zeit, die man als verloren wahrnehmen kann. Manche Menschen kommen allein mit Ausprobieren nicht weiter.“

          „Wenn ich jetzt zurückdenke, war das eigentlich noch nie mein Ding“

          Viktoria Mank fing zwei Jahre nach dem Abitur ein Architekturstudium in Berlin an – und zwar auch, weil es sich „gut anhört“. Schon im ersten Semester begann sie allerdings, an dieser Entscheidung zu zweifeln. „Wenn ich jetzt zurückdenke, war das eigentlich noch nie mein Ding“, erzählt sie. Sie sprach mit Freunden, Familie, einer psychologischen Beratungsstelle an der Uni. So richtig weiter kam sie damit aber nicht. Und weil sie nicht wusste, was sie sonst tun will, studierte sie erst mal weiter. „Ich dachte, ich bin die Einzige, die so an meiner Entscheidung verzweifelt. Es kam mir vor wie ein Luxusproblem“, sagt sie.

          Johannes Leistner hingegen geht noch zur Schule, er mag gerne Chemie, hat ziemlich gute Noten. Er weiß, dass er gerne etwas Naturwissenschaftliches oder Technisches machen will – aber nicht, was genau. Nach der Schule will er jedenfalls möglichst keine Zeit verlieren. „Meine Noten sind so gut, dass eine Ausbildung eigentlich nicht das Ziel ist“, sagt er. „Man hat sich ja in der Schule nicht umsonst angestrengt.“

          Dass die Wahl des Studiengangs nicht immer beim ersten Versuch gelingt, zeigt die Statistik: Ungefähr jeder dritte Studierende bricht sein Studium ab. Laut Heinz-Peter Meidinger vom Lehrerverband wissen ein Drittel der Schulabgänger auch gar nicht, was sie machen möchten. Schuld daran seien das riesige Angebot, die schnellen technologischen Veränderungen – und dass Schulabgänger immer jünger würden und immer weniger finanziellen Druck hätten, etwas durchzuziehen. „Eine Idee, was er machen will, hat irgendwie jeder. Aber viele junge Leute können das nicht fassen“, sagt Daniela Wilke. Sie arbeitet als Berufsberaterin der Arbeitsagentur in Berlin.

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