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Studien- und Berufswahl : Starthilfe für Sinnsucher

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Wegen der unzähligen Berufswege versuchten viele Menschen heute, das Ideal zwischen ihren Fähigkeiten und Interessen sowie den vorhandenen Möglichkeiten auszuloten. Wer glaubt, dieses Ideal gefunden haben, ziehe daraus oft eine tiefe Befriedigung. Auf vielen anderen aber laste der eigene Wunsch und der gesellschaftliche Druck, den es früher so nicht gegeben hat: dass ihre Suche doch bitte bald zu einem idealen Ergebnis führe. Wie aber findet man das, was man selbst für sinnvoll hält? Die effektiven Altruisten rund um Adriano Mannino beraten hauptsächlich Uni-, manchmal auch Schulabsolventen zu dieser Frage. Persönlich, per Skype oder Mail. Die Beratung ist kostenlos und wird über Spenden finanziert. Im Internet bietet die Stiftung außerdem viel Lesestoff zum Thema Berufswahl an. „Im Groben besteht unsere Beratung aus zwei Schritten“, sagt Mannino. „Zuerst sprechen wir mit den Kandidaten über die größten Probleme, die es derzeit auf der Welt gibt. Und dann überlegen wir gemeinsam, welche Fähigkeiten und Interessen derjenige hat und wie er sie einsetzen kann, um zur Lösung dieser Probleme beizutragen.“

Rund 120 Mitglieder aus Deutschland hat die Stiftung momentan. Sie alle spenden mindestens zehn Prozent ihres Einkommens an Hilfsorganisationen, die sie für besonders effektiv halten. Weltweit machen das etwa 2000 Menschen. Außerdem gibt es global etwa 10.000 Fördermitglieder, die regelmäßig kleinere Spenden leisten. Die meisten sind zwischen 20 und 50 Jahren alt. Manche spenden ihr Geld direkt an Projekte, andere geben es der Stiftung, die es weiterleitet. Vorbild der Stiftung und Ideengeber für das Motiv der 80.000 Stunden eines Berufslebens, das jeder möglichst sinnvoll einsetzen sollte, ist die britische Organisation „80,000 hours“. Gegründet wurde sie im Jahr 2011 von den Oxford-Absolventen Will MacAskill und Benjamin Todd. Mittlerweile arbeiten sie eng mit den amerikanischen Eliteuniversitäten Yale, Princeton oder Cambridge zusammen und beraten Absolventen bei der Karriereplanung.

„Sich überlegen, was einem im Leben wirklich wichtig ist“

Bei all der vermeintlichen Logik und Rationalität, die die Idee des effektiven Altruismus verbreitet, gibt es aber auch Kritiker: Manche sagen, Spenden oder der Einsatz der eigenen Arbeitskraft seien etwas Emotionales, für das man sich nicht anhand einer Kosten-Nutzen-Rechnung entscheiden könne. Andere halten die ganze Idee für moralisch fragwürdig: Denn wer viel Geld verdient und einen großen Teil davon spenden kann, tut das oft nicht nur in ethisch einwandfreien Berufen. Natürlich gebe es Jobs, die er ablehne, sagt Mannino, ganz egal, wie viel Geld man dort verdienen könne. So etwa in der Rüstungsindustrie. Es gebe aber Graubereiche, so auch in der Finanzbranche. Und für manch einen sei es eine bewusste Entscheidung, gerade in so einen Graubereich zu gehen und neben dem Geld, das man dort verdiene, alles daranzusetzen, guten Einfluss auf die Branche auszuüben. Mannino will nicht als naiv gelten: Ihm sei bewusst, dass so etwas Zeit brauche und kaum gelingen könne, wenn bloß Einzelne mit dieser Haltung in einer Branche tätig seien.

Sicher hält der effektive Altruismus kein Patentrezept für die Wahl des Berufes bereit, der einen ein Leben lang mit dem Gefühl erfüllt, etwas Sinnvolles zu leisten. Ein Anhaltspunkt bei der Überlegung, was man selbst mit seinen 80.000 Stunden anstellen will, kann er trotzdem sein. Der Berliner Arbeitspsychologe Tim Hagemann hat noch einen weiteren Tipp parat: „Man sollte sich überlegen, was einem im Leben wirklich wichtig ist - und mit welchem Job man sein Ziel erreichen kann. Lassen Sie sich nicht zu sehr von gesellschaftlichen Bildern lenken. Als Kellner wird man sicherlich weniger Anerkennung bekommen, als wenn man Ärztin ist. Aber vielleicht ist es das Kellnern, das den flexiblen Lebensstil ermöglicht, den man sich wünscht.“

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