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Studentische Wohnungsnot : Kommt, wir bauen uns ein Wohnheim!

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Berliner Studenten haben aus der Wohnungsnot eine Tugend gemacht und eine Genossenschaft gegründet. Sie erhält, saniert und baut Wohnheime. Ist das studentische Wohnungsproblem auch anderswo durch Eigeninitiative lösbar?

          Als Dorfbürgermeister hat man es manchmal nicht leicht. Im Dorf stehen Mieterhöhungen an, und es gilt, Vermieter und Mieter an einen Tisch zu bringen. Die Bauarbeiten im Neubaugebiet kommen nicht so recht in die Gänge. Die Internet- und die Facebook-Seite müssten mal wieder aktualisiert werden, und das Dorffest organisiert sich auch nicht von selbst. Mit gerade einmal 25 Jahren hat Erik Wegner schon mehr Ratssitzungen, Informationsveranstaltungen und Organisationskomitees hinter sich als mancher gestandene Politiker. Und er hat über Millionen-Investitionen mitentschieden. Der VWL-Student ist seit fast sechs Jahren einer der Selbstverwaltungs-Vorstände im Berliner Studentendorf Schlachtensee. Eine anspruchsvolle Aufgabe. „Zum Studieren fehlt da manchmal einfach die Zeit“, sagt Wegner.

          In Schlachtensee ist manches anders als in klassischen Studentenwohnheimen: Hier reden Studenten wie Erik Wegner nicht nur bei der Organisation des Wohnheimfestes mit, sondern auch bei der Frage, wie die Sanierung der Gebäude finanziert wird. Und wie der Neubau eines Studentenwohnheims am anderen Ende der Stadt aussehen soll. Der Grund: Das Studentendorf verdankt es seinen Bewohnern, dass es überhaupt noch existiert. Der Berliner Senat wollte schon Ende der neunziger Jahre die maroden Wohnheimgebäude aus den Sechzigern abreißen lassen. Das Studentenwerk, finanziell abhängig von der Stadt, hatte den Plänen der Politik wenig entgegenzusetzen. Doch die Bewohner stellten sich quer: 2003 rettete eine Initiative von Studenten, die in Schlachtensee wohnten, ihr Wohnheim dann endgültig vor dem Abriss. 40 Studenten und frühere Bewohner des Studentendorfes besetzten die leerstehenden Gebäude und setzten den Kauf durch die Genossenschaft durch. Sie gründeten gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft eine Genossenschaft, die der Stadt Berlin das Studentendorf abkaufte - und die Wohngebäude seither eines nach dem anderen saniert. Inzwischen baut die Genossenschaft sogar ein weiteres, neues Studentendorf auf dem Campus der Berliner Humboldt-Universität in Adlershof. Fast 900 Studenten wohnen inzwischen wieder in Schlachtensee, in Adlershof kommen 2014 noch einmal 377 Plätze hinzu.

          Rund 25.000 Wohnheimplätze fehlen bundesweit

          Aus heutiger Sicht ist es ein Glücksfall, dass der Abriss des Studentendorfes verhindert wurde. Denn wie in vielen Universitätsstädten fehlt es auch in Berlin inzwischen an bezahlbarem Wohnraum für Studenten. Die doppelten Abiturjahrgänge sorgen dafür, dass immer mehr Studenten in die Hochschulstädte ziehen. Gleichzeitig treibt der Immobilienboom vielerorts die Mieten hoch. Bezahlbare Zimmer finden Studenten oft nur noch in Wohnheimen - die aber sind heillos überfordert von dem Andrang. Rund 25.000 Wohnheimplätze fehlen bundesweit, zeigt eine Studie des Deutschen Studentenwerks. Den Studentenwerken fehle meist das Geld, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW). „Wir sind auf öffentliche Zuschüsse angewiesen, um preisgünstigen Wohnraum anbieten zu können. Nur wenige Bundesländer stellen aber die nötigen Mittel für Neubau und Sanierung zur Verfügung.“ Zwar haben inzwischen auch viele private Investoren den Bau von Studentenwohnheimen als Geschäftsfeld für sich entdeckt. Private Unternehmen bauen allerdings meist rentable Luxus-Apartments für Studenten mit zahlungskräftigen Eltern. 400 bis 600 Euro kosten Zimmer in solchen Wohnheimen. Zum Vergleich: In den Wohnheimen der Studentenwerke kostet ein Zimmer im Durchschnitt bloß 250 Euro. Studenten bleibt oft nichts anderes übrig, als sich mit teuren Studentenbuden abzufinden - oder ihre Hoffnung auf die Wartelisten der Wohnheime zu setzen.

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