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Studentische Unternehmensberatungen : Beraten und verkaufen wie die Großen

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Am Markt etabliert: studentische Unternehmensberatungen Bild: dpa

An vielen Hochschulen in Deutschland gibt es studentische Unternehmensberatungen. Zu ihren Kunden zählen namhafte Firmen wie Bayer oder Volkswagen. Und sie erwirtschaften Millionenbeträge.

          Der Pharmakonzern Bayer in Leverkusen hatte im Jahr 1987 einen ungewöhnlichen Beratungsjob zu vergeben: Die Personalabteilung wollte wissen, wie sie junge Fachkräfte am besten ansprechen und für eine Stelle im Unternehmen gewinnen könne. Zielgruppe der geplanten Anwerbe-Kampagne sollten Studenten sein. Deshalb erschien es logisch, diese Zielgruppe selbst damit zu beauftragen, ein Rekrutierungskonzept zu erarbeiten. Kölner Studenten analysierten im Auftrag des Pharmakonzerns die bisherige Strategie der Personalabteilung, untersuchten Ideen von Konkurrenzunternehmen und überlegten, wie sie und ihre Kommilitonen am liebsten angesprochen werden würden. Nach einigen Wochen stand das Konzept.

          Bayer war zufrieden. Deshalb machten die Nachwuchsberater weiter, arbeiteten für Bayer und bald für andere Unternehmen. Aus dem Einzelprojekt entstand 1992 die studentische Unternehmensberatung Oscar. Aus ursprünglich wenigen Gleichgesinnten ist mittlerweile ein Team aus durchschnittlich 50 bis 60 Studenten geworden, das jährlich bis zu 90 Aufträge aus der Wirtschaft übernimmt.

          An vielen Hochschulen in Deutschland gibt es solche studentischen Unternehmensberatungen. Sie profitieren ebenso wie etablierte Beratungsfirmen davon, dass Unternehmen gerne auf externe Unterstützung zurückgreifen. Die deutsche Beraterbranche erwirtschaftet aktuell mehr als 22 Milliarden Euro. Das stärkste Umsatzwachstum verzeichneten in den vergangenen Jahren kleine Beratungsgesellschaften. Zu ihnen zählen auch studentische Unternehmensberatungen. Sie haben sich am Markt mittlerweile etabliert.

          Die Kunden heißen Hochtief, Sony und VW

          Der Grund: Sie sind längst keine Gruppe von Möchtegernberatern mehr. Es handelt sich vielmehr um professionelle Unternehmen, die häufig Beratungsaufträge übernehmen, über die sich auch andere kleine und mittelständische Unternehmensberatungen freuen würden. Auf der Referenzliste von Oscar aus Köln etwa steht nicht nur Bayer. Es finden sich namhafte Unternehmen wie Hochtief, Sony, Procter & Gamble und VW. Die Studenten haben für einen Getränkehersteller die Abfüllung in PET-Flaschen verbessert, für einen international tätigen Metallkonzern Umsatzchancen sowie potentielle Kunden für einen neuen Geschäftsbereich identifiziert und für einen Chemiekonzern geeignete Social-Media-Kanäle ausfindig gemacht. 1,7 Millionen Euro Umsatz hat Oscar im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftet - Tendenz steigend. Die meisten Kunden kommen wieder und empfehlen die Berater weiter.

          Der Erfolg der Kölner hat sich herumgesprochen, auch unter Studenten. Im vergangenen Jahr bewarben sich rund 2200 Studenten bei Oscar. Die Projektarbeit ist für sie interessant - ganz gleich, aus welcher Fachrichtung sie kommen. Bei Oscar studiert nur die Hälfte aller Berater ein wirtschaftswissenschaftliches Fach. Die übrigen sind etwa Psychologen, Sozialpädagogen, Mediziner oder Naturwissenschaftler. Sie alle wollen Praxiserfahrung im Beratergeschäft sammeln.

          Einen solchen Einblick bekommt man zwar auch als Praktikant in einer klassischen Unternehmensberatung. Der große Unterschied: In einer studentischen Unternehmensberatung tragen auch Neulinge die Verantwortung für ihre Arbeit selbst und arbeiten eng mit Kunden zusammen. „Sie lernen, im Team zu arbeiten und ein Projekt von Anfang bis zur Ergebnispräsentation eigenständig so durchzuführen, dass sie am Ende das Kundenziel erreichen“, sagt Jan Schickle, der Geschäftsführer von Oscar.

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