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Studentische Hilfskräfte : Vom Tutor zum Mentor

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Student vor Studenten: Mentoren sollen nicht nur lehren, sondern auch lernen. Bild: picture alliance / JOKER

Mit der Bologna-Reform hat sich auch für studentische Hilfskräfte viel verändert. Vor allem, wenn sie auch in der Lehre mitarbeiten. Plötzlich sollen sie keine Tutoren mehr sein, sondern Mentoren. Doch wie geht das eigentlich?

          Studentische Hilfskräfte mit Lehraufgaben, die früher Tutoren hießen, werden seit der Bologna-Reform oft „Mentoren“ genannt. Mit der Bezeichnung ihrer Tätigkeit hat sich diese selbst verändert. Der Begriff Tutor, obgleich er archaisch anmutet, bezeichnete einst eine vergleichsweise moderne rechtliche Institution. Tutoren wurden im Römischen Recht Personen genannt, die eine Vormundschaft über andere Personen ausübten, welche zwar unter niemandes Gewalt standen, denen juristisch aber keine eigene Handlungsfähigkeit zugebilligt wurde, insbesondere Kinder und Frauen. Der Tutor, in Gestalt des Erziehers oder Treuhänders, fungierte als Mittler zwischen der Familie und dem Mündel: Der pater familias delegierte seine Hausgewalt an den Tutor, der als Treuhänder des Mündelvermögens oder Statthalter der Erziehungsgewalt gegenüber dem Mündel eigene Rechte und Pflichten hatte.

          In der bürgerlichen Demokratie ist der Begriff des Tutors im Grunde ein Anachronismus. Erhalten geblieben sind in der heutigen Bezeichnung jedoch die Erziehungsaufgabe des Tutors und seine Stellung zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit. Die Bezeichnung von Tutoren als „studentische Hilfskräfte mit Lehraufgaben“ drückt diesen Doppelstatus aus: Tutoren fungieren gleichsam als Bildungstreuhänder, die der Bildungseinrichtung ebenso verpflichtet sind wie den Studenten, denen die Bildung zukommen soll.

          Es hatte seit den sechziger Jahren Geduld und Zähigkeit bedurft, um Tutorien an den deutschen Universitäten zu institutionalisieren. Wohlgemerkt als feste, nicht als starre Einrichtungen: Tutorien sollten regulärer Bestandteil des Lehrangebots im Grundstudium sein, die Teilnahme an ihnen sollte von den Dozenten wenn nicht verbindlich festgeschrieben, so doch allen Studenten als nützlich nahegelegt werden. Zugleich sollten sie, zumindest in den geisteswissenschaftlichen Fächern, keine Repetitorien sein: Wer sich um ein Tutorium bewarb, hatte ein didaktisches Konzept und eine selbständige Schwerpunktsetzung innerhalb des Seminarprogramms zu erarbeiten. Tutorien waren keine reine Seminarbegleitung, sondern eigene, den jeweiligen Dozenten zuarbeitende Lehrveranstaltungen.

          Deshalb wurden sie seit ihrem Bestehen von zwei Seiten angefeindet - seitens der Universitätsverwaltungen, die in ihnen einen überflüssigen Luxus sahen und vor zu großer Eigenständigkeit der Tutorien gegenüber dem Lehrbetrieb warnten. Und seitens jenes Teils der Studentenschaft, der lieber „autonome Seminare“, unabhängig vom Lehrbetrieb, einrichten wollte, um ein angeblich herrschaftskritisches Wissen zu pflegen.

          Die Bologna-Reform machte allzu großer Selbständigkeit ein Ende

          Diese Seminare, die sich nie recht durchsetzen konnten, gehören spätestens seit der Jahrtausendwende der Vergangenheit an. Der allzu großen Selbständigkeit der Tutorien ist seit der Bologna-Reform durch ihre Verwandlung in sogenannte Mentorien ein Ende gemacht worden. Mentoren werden oft Personen genannt, die einem einzelnen Studenten bei der Planung des Studiums und der späteren Karriere helfen; in diesem Sinne bemühen sich besonders Kunsthochschulen hierzulande seit einigen Jahren um Gewinnung meist ehrenamtlicher Mentoren.

          Das sogenannte Mentoring-Tandem hat Ähnlichkeiten mit den verwaisten One-to-one-Tutorien, die im alten Magistersystem, insbesondere in der Fachdidaktik und im Fremdsprachenunterricht, eine individuelle Lernbegleitung sichern sollten. Inzwischen gibt es an den Universitäten aber auch Mentorien mit Dutzenden Teilnehmern, sie sind dabei, das Tutoriensystem nicht nur zu ergänzen, sondern abzulösen.

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