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Stress im Studium : Erste Hilfe gegen den Klausurenschock

  • -Aktualisiert am

Winfried Schumann, Studentenberater an der Uni Oldenburg: „Mut zur Lücke ist mein Hauptcredo” Bild: Tresckow

Kürzeres Studium, mehr Prüfungen: Die Bachelor-Studiengänge bringen viele Studenten an ihre Grenzen. Der Stress ist jedoch oft hausgemacht. Experten raten deshalb zu mehr Gelassenheit - und zu den Beratungsangeboten der Hochschulen.

          Die Semesterferien sind fast zu Ende, an manchen Hochschulen haben die Vorkurse und Orientierungsphasen für Studienanfänger schon begonnen. Nur noch drei Monate, dann stehen für sie die ersten Klausuren im Kalender, und zwar nicht mehr nur zwei oder drei, wie es für Erstsemester früher die Regel war. Viele Bachelor-Studenten erleben zum Semesterende vielmehr einen wahren Klausurenschock. Zehn oder mehr schriftliche Prüfungen sind keine Seltenheit. Dazu kommt: Nur bestehen - nach dem Motto „4 gewinnt“ - reicht nicht mehr. Denn da jede Note in die Abschlussnote einfließt, herrscht von Anfang an ein höherer Leistungsdruck als in den alten Diplom- und Masterstudiengängen. „Es ist schon sehr stressig“, sagt etwa Christine Strotmann, die für Germanistik und Geschichte eingeschrieben ist. „Bei jeder schlechten Note rechne ich gleich nach und fürchte um meinen Schnitt.“

          Die 21 Jahre alte Studentin absolviert zurzeit ein Auslandssemester am Trinity College in Dublin, eingeschrieben ist sie in Münster. Sie ist ehrgeizig und hat viel vor, nach dem Bachelor will sie einen Master in „Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas“ machen, den jedoch nur fünf Universitäten in Deutschland anbieten. Daher ist es für sie besonders wichtig, den von diesen Universitäten geforderten Notendurchschnitt zu schaffen. So wie ihr geht es vielen Kommilitonen, die unter der Prüfungsdichte leiden oder mit zu hohen Erwartungen ins Studium gegangen sind. Dass die Beratungsstellen an den Hochschulen in dieser Situation steigenden Zulauf verzeichnen, ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht - zeigt es doch, dass die Studenten dem Expertenrat folgen, sich Unterstützung von außen zu holen, um ihr Studium sinnvoll planen und strukturiert lernen zu können.

          Die Intensität hat zugenommen

          Im Kampf mit ihrem inneren Schweinehund befanden sich viele Studenten zwar immer schon, Klausuren und Hausarbeiten, Lernpläne und Zeitmanagement gab es auch schon in den Diplom- und Magister-Studiengängen. Aber die Intensität hat zugenommen. „Die straffe Struktur der Bachelor-Programme verschärft die Problemlagen“, sagt Florian Reß. Er arbeitet als „Work-Life-Berater“ an der Universität Augsburg, die ihre Studenten seit 2007 mit der sogenannten „Study Work Life“- Beratung unterstützt. Die Zahl der Beratungsanfragen nehme seither stetig zu, sagt Reß.

          „Die Nachfrage hat zugenommen, und die Klientel ist jünger geworden“, berichtet auch Jürgen Messer von der Psychosozialen Beratungsstelle der Universität Mannheim. „Es werden immer häufiger Entscheidungsprobleme und Existenzängste als Anlass des Kommens genannt“, sagt der Diplom-Psychologe. Er bietet spezielle Lernkurse an, die auf die Anforderungen der Bachelor-Studenten zugeschnitten sind. Auch die Universität und das Studentenwerk Oldenburg haben in ihrer Psychosozialen Beratungsstelle neue Unterstützungsangebote aufgelegt. „Starker Start“ richtet sich zwar an alle Studenten, trägt aber der Notwendigkeit Rechnung, dass sie gerade in den Bachelor-Studiengängen vom ersten Tag an vorbereitet sein müssen. Gruppen- und Einzelcoachings sollen den Studenten das Rüstzeug für die ersten Wochen und Monate an der Hochschule vermitteln, ein mentales Training ihre Nerven entspannen.

          Derselbe Stoff in weniger Zeit

          Christine Strotmann hat die Startphase schon hinter sich. Jetzt ist 2,5 für sie die alles entscheidende Zahl - das ist der Notenschnitt, den sie für ihren Wunsch-Master erreichen muss. Zurzeit werden zwar viele Studienplätze in den Master-Programmen noch gar nicht abgerufen, manche Universitäten berichten von Überkapazitäten von bis zu 50 Prozent. Dennoch gelten vielerorts strenge Aufnahmebedingungen. Manche Hochschulen lassen sich aber auch auf flexible Lösungen ein. Die Universität Oldenburg etwa gibt Lehramtsstudenten die Möglichkeit zu einer pädagogischen Zusatzprüfung, sofern ihr Notendurchschnitt unter 2,5 liegt. „Wer die Prüfung besteht, kann auf diesem Weg zum Master-Studium zugelassen werden“, erklärt Wilfried Schumann, der Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle. Die niedersächsische Universität kommt auch den Studenten entgegen, die länger als die als Regelstudienzeit festgelegten sechs Semester brauchen, um die vorgeschriebenen Credit Points zu sammeln und ihre Bachelor-Arbeit zu schreiben. „Diese Studenten können in ihrem ersten Master-Semester die Arbeit fertigstellen“, sagt Schumann. Nachdem die ersten Jahrgänge ihre Erfahrungen mit den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen gesammelt haben, zeigen sich nach seiner Einschätzung auch andere Hochschulen ähnlich kooperativ. „Für die Studenten ist die Situation jetzt deutlich entspannter.“

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