https://www.faz.net/-gyl-93m7z

Chancenreiches Studienfach : Die Stunde der Statistiker

  • -Aktualisiert am

Mit Schirm oder ohne? Auch die Prognosen des Deutschen Wetterdienstes sind ein Spielfeld für Statistiker. Bild: dpa

Die Datenflut macht das oft belächelte Fach Statistik begehrter denn je. Zahlenprofis können sich vor Angeboten kaum retten. Aber intelligente Maschinen sorgen für Unsicherheit.

          Ursprünglich wollte Anna Dobelmann Konditorin werden. Doch schon nach dem ersten Ausbildungsjahr wusste sie: „Das ist nicht das, was ich die nächsten 50 Jahre machen möchte.“ Als ihr älterer Bruder gerade das Studienfach wechselte und mit der Statistik liebäugelte, befasste sich die 21-Jährige aus Herne genauer mit dem Studiengang. „Ich fand es interessant, dass man in der Statistik so viele Freiheiten hat und sich später mit Nebenfächern spezialisieren kann.“ Mathematik habe sie schon in der Schule interessiert – „bis zum Leistungskurs“, sagt sie und schmunzelt. Jetzt studiert sie im dritten Semester Statistik an der Technischen Universität (TU) Dortmund.

          Im Alltag begegnen uns Statistiken sehr häufig – ob beim Sport, bei Benzinpreisen oder Meinungsumfragen. Und wer Statistik hört, denkt vermutlich zuerst an trockene Zahlen und Wahrscheinlichkeiten, vielleicht gar an das – fälschlich dem ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill zugeschriebene – Bonmot vom Vertrauen in die selbst gefälschte Statistik. „Dass Statistik Erbsenzählerei und eine nüchterne Materie sei – das ist ein negatives Image. Aber das hat sich inzwischen geändert“, sagt Walter Krämer, Professor für Statistik an der TU Dortmund. Vor einigen Jahren hätten etwa die Studierendenzahlen in Dortmund noch unter dem Soll gelegen. Inzwischen aber gebe es deutlich mehr junge Leute, die sich nach dem Abitur für ein Statistikstudium interessierten, sagt Krämer, auch dank intensiver Öffentlichkeitsarbeit an Schulen. Begriffe wie Big Data, Data Science und Data Analyst machen das Fach attraktiver. Google-Chefökonom Hal Varian sagte bereits im Jahr 2009, Statistiker sei der „sexiest job of the 21st century“.

          Doch kein Traumjob ist ohne Tücken, auch dieser nicht. „Es gibt eine große Hürde“, sagt Wissenschaftler Krämer. „Und die heißt Mathematik.“ Daran scheiterten viele, gerade in den ersten Semestern. Studentin Anna Dobelmann kann das bestätigen. „Analysis zum Beispiel ist schon sehr anspruchsvoll. Das muss man erst mal schaffen“, sagt sie. Doch wer diese Hürde nimmt, hat auf dem Arbeitsmarkt eine optimale Ausgangsposition: „Die Berufsaussichten für Statistiker sind exzellent. Die Arbeitslosenquote unserer beinahe 2000 Absolventen liegt bei null Prozent“, erläutert Krämer.

          Große Datenmengen fallen immer häufiger an

          Der Grund dafür liegt eigentlich auf der Hand: Durch die Digitalisierung und den wachsenden Einsatz von Sensoren fallen in immer mehr Wirtschaftszweigen große Datenmengen an – Stichwort: Big Data. Um aus diesen Daten Erkenntnisse zu gewinnen, braucht es zunehmend Fachleute, die das Handwerkszeug dafür mitbringen. Die sind aber insgesamt knapp, was nicht zuletzt an den begrenzten Studienmöglichkeiten liegt: Im angloamerikanischen Raum gibt es an den meisten Universitäten ein eigenes Department of Statistics. In Deutschland dagegen hat nur die TU Dortmund eine eigene Statistik-Fakultät, Statistikstudiengänge bieten die Hochschulen in München und Magdeburg an. Masterprogramme finden sich darüber hinaus an nur sechs weiteren Universitäten. Kein Wunder also, dass Nachwuchsstatistiker meist zwischen mehreren Jobangeboten wählen können. Neben klassischen Tätigkeiten bei Banken, Versicherungen oder in der Marktforschung warten gutbezahlte Positionen in der Forschung, in der Pharmaindustrie, in der Logistik oder im Versandhandel.

          „Fachleute mit Statistikkenntnissen werden bei uns in verschiedenen Bereichen händeringend gesucht“, sagt Frank Surholt, stellvertretender Pressesprecher des Versandhändlers Otto aus Hamburg. Datenfachleute brauche es vor allem für die Auswertung von Kunden- und Marktdaten, in der sogenannten Business Intelligence. Auch beim Online-Shop fielen haufenweise Daten an. Eine hoch komplexe Aufgabe etwa sei es, aus vorhandenen Daten Vorhersagen für das zukünftige Kaufverhalten zu treffen. „Die Erkenntnisse der Experten beeinflussen dann beispielsweise, an welchem Lagerstandort wie viele Waschmaschinen vorrätig sind“, erläutert Surholt. Je präziser die Prognose, desto kürzer müssten die Geräte gelagert werden. Das spare Kosten und verkürze die Lieferzeiten. Statt nach ein paar Tagen erhielten die Kunden ihre Bestellung innerhalb von 24 Stunden, sagt Surholt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spitzenfrauen : Harmonie auf Zeit

          Nachdem die Personalien geklärt sind, geht es politisch bald ans Eingemachte: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, Rüstungsexporte. Die mächtigsten Frauen Europas – Kramp-Karrenbauer, von der Leyen und Merkel – könnten sich dabei in die Quere kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.