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Sprachlern-Software : „Das Lernsystem weiß alles über Sie“

Luis van Ahn (rechts) zeigt sein Lernsystem. Der IT-Professor ist 38 Jahre alt und lehrt an der Carnegie Mellon University. Er ist außerdem Gründer und Chef der Sprachlernplattform Duolingo. Bild: Duolingo

Kluge Software verändert das Lernen von Sprachen. Der IT-Professor Luis von Ahn sagt, was diese Chatbots mit Stützrädern gemein haben - und ob es in Zukunft noch echte Lehrer braucht.

          Wie wird künstliche Intelligenz unser Verständnis des Lernens verändern?

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Die Möglichkeit, Millionen von Menschen beim Lernen zu beobachten, wird enorme Verbesserungen ermöglichen. Bei Duolingo bekommen wir jeden Tag die Daten von Millionen Nutzern. Wir sehen, wie sie lernen und welche Fehler sie machen. Das System lernt daraus, wie man jeden einzelnen besser unterrichten kann. Das ist ein großer Paradigmenwechsel bezüglich der Frage, wie schnell wir Unterricht verbessern können.

          Was ist Ihr Ziel?

          Am Ende wollen wir eine Maschine haben, die so gut ist wie ein menschlicher Lehrer - und sogar noch besser. Denn das System merkt jedes Mal, wenn du etwas länger für eine Antwort brauchst. Dann fällt es dir wahrscheinlich etwas schwerer, eine Antwort zu finden. Und wenn wir das mit Millionen anderer Nutzer abgleichen, können wir Muster erkennen und Lösungen ableiten.

          Vielleicht benötige ich für eine Antwort aber auch nur länger, weil ich abgelenkt bin. Wie merkt das der Chatbot?

          Das System beobachtet den Nutzer über eine lange Zeit hinweg. Wenn man nur einmal etwas länger braucht, weil man zum Beispiel nicht aufpasst, dann wird das keine Folgen haben. Aber wenn ich jedes Mal bei der Übersetzung von Schmetterling zwei Sekunden länger brauche, dann bedeutet das, dass ich Schwierigkeiten mit dem Wort habe.

          Und was ist die Konsequenz?

          Duolingo weiß alles, was Sie auf der Plattform gemacht haben. Es kennt jedes Wort, das Sie gelernt haben, und jeden Fehler, den Sie gemacht haben. Das wird alles berücksichtigt, und daraus wird Ihre nächste Übung erzeugt.

          Das heißt, ich bekomme ein Kapitel nur über Schmetterlinge?

          Nein. Das System achtet darauf, dass es nicht zu schwierig wird. Wenn Sie alle Wörter bekommen, bei denen Sie bislang Schwierigkeiten haben, kann das schnell frustrierend werden und dann womöglich zum Abbruch führen. Die Übung muss so gestaltet sein, dass Sie etwas lernen, aber auch motiviert bleiben.

          Was ist wirklich neu an Duolingo?

          Unter Wissenschaftlern wird schon länger über Systeme gesprochen, die sich an die Benutzer anpassen. Aber ich kenne noch keine praktische Umsetzung wie unsere. Es ist vermutlich das erste Mal, dass es für eine so große Zahl von Anwendern umgesetzt wurde.

          Werden echte Lehrer bald ersetzt?

          Noch nicht, und das ist auch nicht unser Ziel. Menschliche Lehrer können eine Menge, zum Beispiel Schüler motivieren. Es inspiriert Menschen zu lernen, wenn sie die Reaktionen im Gesicht eines anderen sehen. Das können sie nicht ersetzen. Wir sehen unser System deshalb mehr als technische Unterstützung für Lehrer.

          Können Chatbots eines Tages auch Empathie gegenüber Schülern zeigen?

          Das ist die Hoffnung, aber das wird noch viele Jahre dauern.

          Arbeiten Sie schon daran, den Algorithmus auf andere Bereiche zu übertragen?

          Wir denken über eine Anwendung nach, mit der Kinder und Erwachsene ihre Muttersprache in Schrift und Sprache lernen können. Es gibt immer noch eine Milliarde erwachsener Analphabeten auf der Welt. Es gibt auch viele Anfragen von Nutzern. Wir haben ja erst 15 Sprachen im Angebot, und es gibt mehr als 6000 auf der Welt. Dazu kommt auch immer wieder der Wunsch auf, ein Duolingo für andere Fächer zu schaffen, etwa für Musik oder für Naturwissenschaften. Aber bevor wir uns an neue Aufgaben machen, wollen wir erst richtig gut sein mit dem, was wir schon machen. Und da haben wir noch einiges zu tun.

          Denken Sie über einen Verkauf nach?

          Nein, jetzt nicht. Wir haben eine Mission, und die heißt: Lernt besser Sprachen.

          Prominente wie Tom Hanks und Bill Gates sollen schon mit Duolingo gelernt haben. Gab es auch einen Selbstversuch?

          Ja, ich habe Portugiesisch damit gelernt. Nach drei Monaten war ich in Brasilien, und ich musste eine Rede auf Englisch vor tausend Leuten halten. In der Fragerunde machte ich den Fehler, über meine Erfahrungen zu berichten. Danach ging es auf Portugiesisch weiter. Es war das erste Mal, dass ich mit echten Menschen Portugiesisch gesprochen habe.

          Mit Erfolg?

          Ich bin stolz, sagen zu können, dass ich 100 Prozent der Fragen verstanden habe. Meine Antworten waren auch auf Portugiesisch, aber ich nehme an, es hat sich etwas unbeholfen angehört.

          Steigen nicht eher die Hemmungen zu sprechen, wenn man monatelang nur mit einem Algorithmus lernt?

          Das ist wie beim Fahrradfahren. Irgendwann kommt der spannende Zeitpunkt, an dem Sie ohne Stützräder fahren müssen. Das ist immer noch schwierig. Aber es hilft enorm, wenn Sie trainiert haben.

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