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Sorgentelefon für Studenten : „Ein riesiges Thema ist natürlich die Liebe“

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Anruf im Notfall: Ob Wohnungssorge oder Liebeskummer, Studenten können sich an die „Nightline“ wenden. Bild: dpa

Sie heißen „Nightline“ und sind Sorgentelefone von Studenten für Studenten. Es gibt sie an 17 deutschen Unis. Wir haben mit zwei Beraterinnen der „Nightline“ an der Frankfurter Goethe-Uni gesprochen.

          Mit welchen Problemen beschäftigen Sie sich gerade bei der „Nightline“?

          Sophia: Jetzt ist es der Prüfungsstress, am Anfang des Semesters geht es eher ums Ankommen in Frankfurt. Die Wohnungssuche steht ganz oben in unserer Statistik.

          Was kommt dann?

          Anna: Fragen wie: Wo führt mich mein Studium hin? Habe ich das richtige Fach? Was könnte mein berufliches Ziel sein?

          Wer fragt so etwas?

          Sophia: Studenten höherer Semester. Ich könnte mir vorstellen, dass das häufiger wird. Die Leute kommen jung, mit 18 Jahren zum Teil, an die Universität, unter dem Druck, schnell irgendetwas studieren zu müssen - und dann machen sie eben einfach BWL und fragen sich irgendwann, ob das wirklich das Richtige ist.

          Und was ist Ihre Antwort?

          Sophia: Es heißt zwar Beratung, aber wir geben keine Ratschläge. Wir gehen davon aus, dass die Anrufer selbst Fachmann oder Fachfrau für ihre Probleme sind. Was wir bieten können, ist, dass sie durch ein Gespräch selbst auf die Lösungen kommen. Als Studenten haben wir natürlich die meisten Situationen schon einmal erlebt und können uns gut darin einfühlen.

          Anna: Ich finde es immer ganz befriedigend, wenn das Telefonat aufhört und ich das Gefühl habe, es hat sich etwas getan. Wenn sich die Stimme anders anhört, eine neue Energie da ist.

          Aber irgendwie müssen Sie das Gespräch ja führen. Wie läuft so etwas ab?

          Anna: Unsere Hauptaufgabe ist Zuhören. Wenn wir die Gedanken des Anrufers nur ein bisschen strukturieren, entwickelt sich da schon ganz viel. Wir wollen nichts vorgeben, das am Ende nicht zu dem Anrufer passt.

          Studienwahl oder Wohnungssuche sind keine peinlichen noch unlösbaren Probleme. Warum rufen die Leute bei Ihnen an und nicht ihre Kommilitonen?

          Anna: Ein riesiges Thema ist natürlich die Liebe, sowohl die Frage, wie man eine Beziehung beginnt, als auch, ob und wie man sie wieder beendet. Und gerade, wenn man in eine neue Stadt umgezogen ist, hat man für solche Themen vielleicht niemanden greifbar. Und es ist auch einfach gut, eine Außenperspektive zu bekommen.

          Sophia: Manchmal liegt das Problem ja auch im Freundeskreis. Ich hatte auch schon einmal jemanden dran, der sagte: Ich bin seit zwei Jahren unglücklich verliebt, um mich herum kann das keiner mehr hören.

          Anna: Und es ist eine Frage des Moments. Gerade abends packt einen ein Thema vielleicht mehr als am Tag. Und wenn es dann ganz akut ist, hat vielleicht gerade keiner außer uns Zeit.

          Wie lange dauern die Gespräche?

          Anna: Manchmal nur zehn Minuten, wenn es eher technische Sachen sind. Es können aber auch 45 Minuten sein, eine Stunde. Wir versuchen, das zu begrenzen, weil wir denken, was in 60 Minuten nicht aufs Tapet gekommen ist, braucht dann noch einmal einen anderen Anstoß.

          Dann beenden Sie eiskalt das Gespräch?

          Anna: Wir bieten dann an, dass der Anrufer noch mal anrufen kann, dass er es jetzt erst einmal sacken lassen sollte. Manchmal redet man mit einem Anrufer auch aneinander vorbei. Aber wir sind zu zweit und können anbieten, dass der Anrufer noch einmal den Kollegen anruft.

          Sie müssen ja mit allem rechnen: Dass jemand anruft, der in Frankfurt keine Wohnung findet, aber auch, dass einer sagt, ich will nicht mehr leben.

          Sophia: Letzteres ist zum Glück noch nicht vorgekommen. Aber das beschäftigt uns sehr, was dann passieren würde. Wir hatten erst neulich eine Schulung dazu.

          Und was machen Sie dann?

          Sophia: Wir versuchen herauszufinden, wie konkret die Suizidgedanken sind, ob es zum Beispiel einen konkreten Plan gibt. Im Extremfall würden wir die Polizei rufen und die Nummer durchgeben. Aber ich denke, das wird nicht vorkommen.

          Warum?

          Sophia: Es gibt wahrscheinlich andere Hotlines, die das eher anziehen, also spezielle Seelsorgenummern bei Suizidgedanken. Aber das sage ich jetzt vielleicht auch nur, um mich selbst zu beruhigen.

          So ein Anruf wäre ja auch sehr unangenehm.

          Sophia: Das ist sowieso schon eine schwierige Situation. Man hat nur eine Stimme, keine Gestik, keine Mimik. Die Stimme berichtet dann von etwas, das groß und verzweigt ist, und man selbst hat nur einen winzigen Einblick. Das muss man auch erst lernen: Es gab da jetzt dieses Gespräch, und ich muss es ertragen, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht.

          Anna: Die Bandbreite an Themen ist groß. Neulich rief einer an und fragte, wie er an seiner Uni einen Verein gründen kann. Manchmal merken wir aber auch, dass wir an unsere Grenzen stoßen, und empfehlen andere, professionelle Beratungsstellen.

          Wie oft klingelt denn pro Nacht das Telefon?

          Anna: Kürzlich, an den Abenden, an denen es so ganz heiß war, da hatten wir wenige Nachfragen. Da ist man ja generell zu wenig motiviert. Aber manchmal haben wir auch drei Anrufer in der Stunde.

          Was macht die Arbeit mit Ihnen?

          Anna: Man lernt, sich ganz anders auf Menschen einzulassen. Im Alltag kommt es eher nicht so oft vor, dass man keine Ratschläge gibt, sondern eher zuhört.

          Im Schutz von Nacht und Anonymität

          Als vor zweieinhalb Jahren an der Goethe-Universität Mittel in der psychosozialen Beratungsstelle gekürzt wurden, gründeten Studenten die „Nightline“. Montags, mittwochs und freitags sind sie zwischen 21 und 1 Uhr unter der Rufnummer 069 / 79 81 72 38 für ihre Kommilitonen erreichbar. Im Rhein-Main-Gebiet ist dieses Zuhörertelefon das einzige Angebot dieser Art, in ganz Deutschland gibt es an 17 Universitäten „Nightlines“. Eine Stiftung hilft bei der Finanzierung und bietet Schulungen an, in Frankfurt werden die Studenten aus allen Fachbereichen auch von der Universität unterstützt. Die Anrufer und ihre Geschichten bleiben bei der „Nightline“ anonym, aber auch die Mitarbeiter geben ihre vollen Namen nicht preis: Sie glauben, dass ihre Kommilitonen nicht mehr anrufen würden, wenn sie wüssten, wer am Apparat sitzt.

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